Am 3. Oktober 1990 wachte unser Autor in einer anderen Stadt auf, ohne umgezogen zu sein: Aus Karl-Marx-Stadt wurde wieder Chemnitz. Was aus der Euphorie von damals geworden ist und was heute trägt.
Sendetext:
3. Oktober. Tag der Deutschen Einheit. Es ist ein Feiertag, der an den Mauerfall und das Zusammenwachsen unseres Landes erinnern will.
Ich weiß noch, wie ich den Tag der Wiedervereinigung 1990 erlebt habe. Damals war es ein fröhlicher Festtag, mit Partys, Böllern und einem großen Feuerwerk um Mitternacht. Ich habe damals mit meinen Eltern in Karl-Marx-Stadt gewohnt. Dort wachten die Leute nahezu von einem Tag auf den anderen in einer anderen Straße, in einer anderen Stadt, in einem anderen Land auf. Ohne auch nur einmal einen Koffer oder eine Umzugskiste gepackt zu haben. Aus Karl-Marx-Stadt wurde wieder Chemnitz, aus der DDR das wiedervereinigte Deutschland. Die meisten waren glücklich darüber.
Heute ist die Euphorie von damals verflogen. Der schnelle Identitätseinschnitt schlägt vielerorts Bumerang-artig zurück. Manche, in Ost und West, wollen am liebsten die Mauer wieder aufbauen, um in ihrer jeweiligen Welt nicht gestört zu werden. So sehe ich beim Blick auf Deutschland heute oft ein gespaltenes Land. Der Riss verläuft dabei aber nicht nur zwischen Ost und West. Es gibt ihn auch zwischen Süd und Nord, in Familien, zwischen Nachbarn und in christlichen Gemeinden. Unser Land ist ein Land voller Vielfalt: Unterschiedliche Biografien, ostdeutsche und westdeutsche Prägungen, moderne Metropolen und ländliche Regionen sowie individuelle kulturelle Verortungen lassen uns mitunter einander anstaunen. Doch bei allen Diskussionen über das, was uns trennt, lohnt sich ein Blick auf das, was uns trägt.
In der Bibel steht in einem alten Gebet, dem Psalm 133, der Satz: "Wie gut und wie schön ist es, wenn Brüder und Schwestern einträchtig zusammenleben!" Eintracht und Einheit sind keine Zustände, die man einmal feiert und dann vergisst. Sie sind eine tägliche Aufgabe und fangen im Kleinen an, so naiv es auch klingen mag:
Wenn wir einander zuhören, statt übereinander zu reden.
Wenn wir andere Meinungen aushalten, ohne den Respekt zu verlieren.
Wenn wir in unseren Netzwerken akzeptieren, dass nicht alle gleich denken.
Und wenn wir nicht erhaben über die urteilen, die so anders sind als wir.
Die Wiedervereinigung 1990 hat gezeigt: Dinge, die unüberwindbar schienen, können sich verändern. Mauern können fallen – in der Politik, aber auch in unseren Köpfen und Herzen.
Damit in aller Vielfalt auch immer mehr eine Einheit spürbar sein kann.
Es gilt das gesprochene Wort.
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