Evangelisch in Tallinn

Reformation damals und heute

Bild: OKR Markus Bräuer

Estland liegt weit oben im Nord-Osten Europas. Es ist das nördlichste Land der baltischen Staaten und grenzt an Russland und Lettland. Im Norden spiegeln sich an ruhigen Tagen die großen Bäume und Steine in der Ostsee. In ganz Estland leben mit 1,3 Millionen Menschen etwas weniger als in München. In der Fläche ist die baltische Republik so groß wie Niedersachsen. Besucher können in Estland viel unberührte Natur genießen. Man fühlt sich wie in Skandinavien mit den Wäldern und Holzhäusern im finnischen Stil. Die Plattenbauten erinnern an viele Jahrzehnte unter sowjetischer Besatzung. Moderne Hochhäuser und historische Wohnhäuser ergänzen das Bild. Vieles erinnert auch an Deutschland, wie der deutsche Botschafter Christoph Eichhorn erzählt.

 

Eichhorn: Wenn Sie durch Tallinn laufen oder wenn Sie über Land fahren, dann sehen Sie an jeder Ecke 800 Jahre gemeinsame kulturelle Erfahrung. Das gilt für die Stadt Tallinn als Hansestadt: Hansekontore, Patrizierhäuser, Palais. Wenn Sie über Land fahren, haben Sie manchmal das Gefühl, Sie könnten auch in Mecklenburg oder Brandenburg unterwegs sein: eine lutherische Kirche, ein Pfarrhaus, ein Gutshaus und ein Teich davor. Also, die kulturellen Zusammenhänge sind mit Händen zu greifen.

 

Christoph Eichhorn ist seit 2015 deutscher Botschafter in Estland. Sein Dienstsitz ist ein altes Adelspalais auf dem Domberg im historischen Herzen der Hauptstadt Tallinn. Seit dem 12. Jahrhundert haben Dänen und Deutsche, Schweden und Russen ihre Spuren in der Stadt hinterlassen. Denn die mit dem Namen Reval gegründete spätere Hansestadt spielte eine wichtige Rolle im Fernhandel von Westeuropa über die Ostsee bis ins russische Nowgorod. Die enge Verbindung zu anderen Ländern in Europa zeigte sich auch in der Religion. Sehr früh kam die Reformation ins damalige Reval. Im Stadtarchiv liegen drei Original-Lutherbriefe. Bis heute hat die Reformation tiefe Spuren hinterlassen, ist Botschafter Christoph Eichhorn überzeugt.

 

Eichhorn: Das merken Sie in der Art und Weise, wie die Menschen reden, sie argumentieren sehr gradlinig, sehr konsequent, sie streben ein Ziel an und wollen es dann auch erreichen. Es gibt nur ungefähr 12 Prozent lutherische Christen in Estland. Aber sehr viel mehr Esten ist bewusst, dass es keine estnische Schriftsprache gäbe, ohne die lutherischen Pastöre, die von Anfang an darauf gesetzt haben, zweisprachig zu predigen.

 

 

Bereits 1523 trafen die ersten evangelischen Prediger in der Stadt ein. Und ein Jahr später wurde die Stadt lutherisch, also nur sieben Jahre nachdem die Reformation in Deutschland Erfolg hatte. Das war schneller als in vielen kleinen Fürstentümern in deutschen Landen. Und nicht wenige Esten sind überzeugt, dass es ohne die Reformation heute keinen estnischen Staat gäbe. Denn die Theologen haben damals die Bibel ins Estnische übersetzt und so dazu beigetragen, dass überhaupt eine einheitliche estnische Schriftsprache entstand. Und die Esten sind stolz auf ihr Land und ihre Sprache. Aber der Religion verbunden fühlen sich viele im modernen Estland nicht mehr:

 

Eichhorn: Religion spielt eine recht untergeordnete Rolle. Wenn Sie die lutherischen und die orthodoxen Christen zusammenzählen und die sehr geringe Zahl katholischer Christen, Juden in Estland noch hinzurechnen, dann kommen sie auf ungefähr 25 Prozent. 75 Prozent der Bevölkerung hat keinen Bezug zur Religion. Da spielt die Erfahrung von 50 Jahren Sowjetherrschaft natürlich eine zentrale Rolle.

 

Dabei blieb der lutherische Glaube ein wichtiger Grundstein der eigenen Identität auch unter der langen sowjetischen Herrschaft. Das 500. Reformationsjubiläum ist deshalb in Estland ein wichtiges Jahr. Die estnisch-lutherische Kirche feiert das Jubiläumsjahr mit einem bekannten, Martin Luther zugeschriebenen Zitat: „Und sollte morgen die Welt untergehen, ich würde heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ Matthias Burghardt trägt das Motto begeistert mit. Er ist Pfarrer der deutschen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Tallinn. Eine kleine Gemeinde in der lutherischen Familie, wie er sagt:

 

Burghardt: Wir haben 120 Mitglieder, die über ganz Estland verteilt sind, in allen Altersstufen. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, auf der anderen Seite fühlen wir uns gar nicht so klein hier. Hier ist ja alles im Verhältnis zu Deutschland relativ gesehen kleiner. Wir haben so die Größe einer estnischen Dorfgemeinde erreicht.

 

Vor elf Jahren hatte die Gemeinde gerade einmal 20 Gemeindeglieder. Dass die Gemeinde nun sechs Mal so groß geworden ist in einem Land mit geringer Bindung zur Kirche, darauf ist Pfarrer Burghardt stolz.

 

Burghardt: Wir sind in einem Land, wo die Evangelischen gemessen an den Leuten, die gar keine Kirchenzugehörigkeit haben, in der deutlichen Minderheit sind. Wir sind die einzige deutschsprachige evangelische Gemeinde, überhaupt die einzige deutschsprachige christliche Gemeinde im ganzen Land. Und das macht natürlich schon einen gewissen Reiz aus. Das hilft mir bei dem, was ich mache, also im Vergleich zu deutschen Pfarrämtern erheblich freier bin in den Entscheidungen, die ich treffe.

 

Der aus Niedersachsen stammende Pfarrer kam vor elf Jahren der Liebe wegen nach Estland. Estnisch spricht Pfarrer Burghardt inzwischen fließend und springt spielend zwischen den Sprachen hin und her. In seine Gemeinde kommen Deutsche, die in Estland für große Unternehmen arbeiten. Aber nicht nur. Auch Esten schätzen die kleine lutherische Gemeinde.

 

Burghardt: Wir haben ganz unterschiedliche Gruppen. Wir haben zum einen die Leute, die immer hier gewesen sind, und hier gelebt haben, schon immer hier gelebt haben, mit ganz unterschiedlichem Hintergrund. Das kann ein Wolga-Deutscher-Hintergrund sein, das kann ein deutsch-baltischer Hintergrund sein, das kann ein estnischer Hintergrund sein – Leute, die sich bei uns wohlfühlen, weil wir dann eben doch irgendwie anders sind als vielleicht manche estnische Gemeinde – das kann ein russischer Hintergrund sein.

 

 

 

Zur Gemeinde gehört auch Aet Bergmann. Die 51jährige Rechtsanwältin fühlt sich seit vielen Jahren in der evangelisch-lutherischen Kirche in Tallinn zu Hause. Sie empfindet die Gemeinde als einen Anlaufpunkt für Neuangekommene.

 

Bergmann: Estland ist ja ein kleines heidnisches Land eigentlich. Und die Esten gehen statt in die Kirche zu gehen lieber in den Wald. Und wenn man dann trotzdem lieber in die Kirche gehen möchte, besonders wenn man aus dem Ausland kommt und der estnischen Sprache nicht so mächtig ist, kann man sich schnell ziemlich alleine fühlen, auch wenn man jünger ist, zum Beispiel. … Für deutschsprachige Christen, die nach Estland kommen, ist das eine lebendige Gemeinde, wo man sich auch sofort zuhause fühlt.

 

Aet Bergmann lebt erst wieder seit 1993 in Estland. Als sie acht Jahre alt war, wollten ihre Eltern die politische Unfreiheit und Überwachung in der Sowjetunion während der Breschnew-Ära nicht mehr ertragen. Sie stellten einen Antrag auf Familienzusammenführung und hatten Glück. 1974 zog sie mit ihrer Familie nach Deutschland und wuchs in München und Aschaffenburg auf. Zwei Jahre nach der Unabhängigkeit kam sie 1993 nach Estland zurück.

 

Bergmann: Als die Unabhängigkeit kam, dann schwappte eine Welle neuer Religiosität über das Land. Viele, die vorher nicht dran gedacht hatten, ließen sich taufen, schon um zu zeigen, dass wir jetzt glauben können und glauben wollen. Diese Welle, etwas künstlich gewesen ist, ist dann auch wieder abgeebt. Ich glaube, dass Sowjetsystem hat bei uns weniger Spuren hinterlassen in der kirchlichen Arbeit, vielmehr gibt es halt allgemeiner einen weniger kirchlichen Hintergrund, eher heidnischen Hintergrund aus der Geschichte heraus.

 

Die Zeit der sowjetischen Besatzung konnte die Spuren der Reformation in der estnischen Gesellschaft nicht verwischen. Luthers Anspruch, das „eigene Gewissen zu schärfen“ und an Gottes Wort auszurichten, hat die evangelische Kirche selbstbewusst durch die wechselvolle Geschichte des Landes getragen. Pfarrer Burghardt ist überzeugt, dass die Wirkung der Reformation heute auch bei der Einstellung zur Bildung abzulesen ist.

 

Burghardt: Ich behaupte, dass es einen konfessionellen Grund hat. Die hohe Wertschätzung der Bildung auch für Frauen, übrigens. Daraus resultieren auch der Bildungshunger und die Bildungsverliebtheit – das merkt man in Estland bis heute, dass Bildung ein hohes Gut ist. Es ist nicht irgendwas, was man mal erwerben muss, um einen guten Beruf zu haben, in dem man viel Geld verdient, sondern es hat in ganz vielen Familien einen Stellenwert an sich. Das ist etwas ganz wichtiges für den estnischen Zusammenhang bis heute.

 

 

Der Bildungsanspruch der Reformation entsprach damals einer Bildungsrevolution. Alle sollten lesen können, alle sollten selbst die Bibel verstehen. Die Reformatoren haben auch die Schulbildung für Mädchen und Frauen eingeführt. Vielleicht hat der hohe Stellenwert der Bildung in Estland auch dazu geführt, dass das kleine Land seit vielen Jahren ein Vorreiter in der digitalen Entwicklung in Europa und der Welt geworden ist. Estland wird ein Vorsprung in der Digitalisierung von rund 15 Jahren gegenüber Deutschland zugeschrieben. Aet Bergmann ist von den Vorzügen der estnischen ID-Card in ihrem Alltag überzeugt.

 

Bergmann: Ganz Deutschland kann wahrscheinlich nicht morgen einen elektronischen Chip übernehmen, mit dem man sich im Netz identifizieren kann, aber wenn man das könnte, würde ich das schon raten. Es macht das Leben sehr viel einfacher. Eine Steuererklärung in fünf Minuten am Computer zu machen oder den Führerschein über E-Mail zu bestellen und das funktioniert dann auch.

 

 

Eichhorn: Mir imponiert sehr, dass Estland neun Jahre nach Wiederherstellung seiner Freiheit und Unabhängigkeit, also bereits im Jahr 2000, ein flächendeckendes Internet hatte, flächendeckend alle Schulen am Netz hatte und flächendeckend den Mathematikunterricht internetbasiert gemacht hat. Jetzt sind wir 17 Jahre weiter und Sie merken, dass dieses Land ein IT-Spitzenland ist. Ich freue mich als deutscher Botschafter hier sehr über das große Interesse der deutschen Politik, der deutschen Wirtschaft, der Banken, der Start Ups hierherzukommen und sich konkret mit Esten hinzusetzen zu der Frage, was wir Deutschen uns abgucken können im Alltag bei der Entwicklung digitaler Systeme.

 

Deutschland und Estland sind wieder enge Partner, wie Botschafter Christoph Eichhorn betont. Beide Länder verbindet eine lange gemeinsame Geschichte, begonnen im Mittelalter mit den Deutschen Orden, über die Reformation bis hin zu der vergleichbaren Erfahrung einer in Estland weitgehend friedlichen Revolution.

Das Reformationsjubiläum wird gefeiert in der evangelisch-lutherischen Kirche in Estland. Das ZDF überträgt heute um 9.30 Uhr den Gottesdienst aus der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Tallinn.

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