Kirche der Zukunft

Junge Theologen treffen sich in Berlin
Geöffnete Kirchenfenster

Bild: Susan Frazier via pixabay.com

GETI 2017 steht knallbunt auf den blauen T-Shirts, die im großen Saal von ‚Brot für die Welt‘ in Berlin verteilt werden. GETI, das steht für „Global Ecumenical Theological Institute“, also ein weltumspannendes und ökumenisches Studieninstitut, eine theologische Fakultät auf Zeit. Zum ersten Mal fand solch ein internationales Studiencamp vor vier Jahren in Busan in Südkorea statt – anlässlich der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, die damals dort tagte. In Berlin erlebte GETI in diesem Jahr eine Neuauflage. 130 junge Theologiestudierende aus 58 Nationen nahmen daran teil.

 

Esther Ho: Hi, my name is Esther. I come from Malaysia, and I'm currently studying Intercultural Theology in Gottingen. I was raised Pentecostal.

 

Ester kommt aus Malaysia, sie studiert Interkulturelle Theologie in Göttingen. Groß geworden ist sie in einer Pfingstkirche.

 

Juan Esteban: My name is Juan Esteban Londono, I come from Colombia. My church is the Methodist church.

 

Juan Esteban Londono kommt aus Kolumbien. Er gehört zur Methodistischen Kirche.

 

Und dann ist da noch Katie.

 

Katie: I have an Evangelical background in the sense of Pentecost’s Evangelicalism, but I don't have a denomination. I'm non-denominational. So I have a background, but I lost my faith, and now I'm post-Evangelical I guess.

 

Katie hat einen evangelikalen, pfingstlerischen Hintergrund, aber gehört zu keiner Denomination. Trotz ihres Hintergrunds hat sie ihren Glauben verloren und ist jetzt, meint sie, quasi Post-Evangelikal.

 

Katie: I was quite nervous coming here, because I study Theology but from a secular context, so it's more like Sociology of Theology. And I personally come from a position in which I struggle a lot with faith. My only relationship with Christianity is one of a continuous wrestling. When people say, „I'm a Christian, because I believe Jesus Christ risen from the dead. Amen,” I can't say ‘Amen’. I was struggling. I was afraid that I'd be the odd one out, theologically speaking. I was afraid of being judged for my theological and faith-based struggles, but both of those turned out to be completely incorrect. I was forced to be confronted with my own anti-intellectual assumptions of what Christianity was.

 

Katie war ziemlich nervös, als sie hierher gekommen ist. Denn sie studiert Theologie eher aus säkularer Sicht, sozusagen als Soziologie der Theologie. Sie persönlich hat mit dem Glauben ihre Probleme. Ihre Beziehung zum Christentum ist die eines ständigen Kampfes. Wenn jemand sagt: „Ich bin Christ, weil ich daran glaube, dass Jesus Christus von den Toten auferstanden ist. Amen.“ Dann kann sie eben nicht „Amen“ dazu sagen. Sie hatte Sorge, dass sie beim GETI-Studiencamp aus der Reihe fällt und wegen ihrer Glaubensprobleme verurteilt wird. Aber diese Befürchtungen waren falsch. Und ihr Vorurteil, dass Christen anti-intellektuell wären, wurde widerlegt.

 

Katie, die vom Glauben abgefallene Theologin aus Glasgow mit pfingstlerischem Hintergrund, die selbst halb Holländerin, halb Engländerin ist, steht wohl beispielhaft für die bunte Vielfalt von GETI 2017. Denn schließlich gibt es hier auch Teilnehmer wie Viktor, oder sagt man Viktors?

 

Viktors: In Latvian we say the 's' but since it's an international name you don't have to. You can say Viktor. I come from Latvia and I am living in France and I'm a Roman Catholic.

 

In Lettland, erzählt Viktor, sprechen sie das ‘s’ aus, aber es ist ja ein internationaler Name, muss man also nicht. Ich kann Viktor zu ihm sagen. Er kommt aus Lettland, lebt derzeit in Frankreich und ist römisch katholisch.

 

Viktor: I feel that this has been a really amazing experience especially meeting all these young theologians from all over the world that come and share this passion for ecumenism and the talks we've had together are really stimulating and they challenge each of us in our theological thoughts and I found that really inspiring.

 

Viktor hält es für eine wirklich großartige Erfahrung, all diese jungen Theologen aus der ganzen Welt hier zu treffen und die gemeinsame Leidenschaft für Ökumene zu teilen. Die Gespräche miteinander sind stimulierend, sie fordern jeden im theologischen Denken heraus, und das findet Viktor inspirierend.

 

 

 

Nur morgens und zumeist noch einmal am Nachmittag versammeln sich alle 130 Studierenden im großen Saal der Berliner Stadtmission. Dann stehen die Hauptvorlesungen auf dem Programm, zu denen Professorinnen und Professoren aus ganz Europa nach Berlin gekommen sind. Darunter auch deutsche Kirchen-Promis wie Margot Käßmann oder der Ratsvorsitzende der EKD Bischof Heinrich Bedford-Strohm. Die meiste Zeit aber verbringen die GETI-Studierenden in ihren Seminar-Gruppen. 10-15 junge Leute sitzen dann beieinander.

 

Esther: Yes. Our seminar group is, I think like every other group, is pretty diverse. We've got ministers, we've got theological students from various denominations, and, of course, from many different nationalities; from Ghana, from Romania, from Finland, and on and on.

 

Esthers Seminar-Gruppe ist, wie jede andere hier auch, sehr schön gemischt. Es sind Pfarrer dabei, Theologiestudierende unterschiedlicher Konfessionen und aus vielen verschiedenen Nationen. Aus Ghana, aus Rumänien, von Finnland und so weiter und so fort.

 

Juan: For example in our group, we have very different people and most of them come from different backgrounds and liberal backgrounds, but we have also people, very conservative people, with another point of view they want to evangelize the world and to convert the others. And I can say, „Okay, how can I deal with these people? How can I speak with these people?“ Because for me, is normal to speak about interreligious dialogue and respect, but respect the liberal people, but how can we dialogue with the conservative people and respect them also like Christians, like human beings, like brothers and sisters?

 

In Juans Gruppe sind auch sehr verschiedene Leute, die meisten haben irgendeinen liberalen Hintergrund. Aber auch sehr konservative Leute, die eine ganz andere Sichtweise haben, gehören dazu. Diese wollen die Welt evangelisieren und Andersgläubige missionieren. Juan fragt sich: Okay, wie gehe ich jetzt mit denen um? Wie kann ich mit denen reden und sie auch als Christen respektieren, als Menschen, als Brüder und Schwestern?

 

Katie: I've actually been quite surprised by the openness of different people. I think everyone has been emphasizing the relational aspects a lot. Which is very good, because it means we've created a lot of friendships, but this also means we've not necessarily discussed all our theological disagreements. I'm jokingly the „infidel of the group”, so all people trying to convert me -- in that case I have had quite good theological discussions, but all again from a very relational background and perspective. For me, I think the main thing I realized was just how broad and wide and diverse the global church is. Which is very good, because it forced me to become aware of my own assumptions and my own idea of Christianity was and how limited that was, how much that was based on my on context. It's been very eye-opening.

 

Katie ist überrascht von der Offenheit der unterschiedlichen Leute. Sehr wichtig ist allen hier die Beziehungsebene. Dadurch haben viele neue Freundschaften geschlossen. Aber das heißt auch, dass die theologischen Meinungsverschiedenheiten nicht zwingend ausdiskutiert wurden. Katie ist ja sozusagen die „Ungläubige“ in der Gruppe, sie erzählt, wie alle versuchen sie zu bekehren – was zu ziemlich guten theologischen Diskussionen geführt habe, alle auf einer guten Beziehungsebene. Dabei ist ihr erst klar geworden, wie weit und vielfältig die weltweite Kirche ist. Das findet Katie prima, denn dadurch habe sie gemerkt, was für ein eingeschränktes Bild sie von der Christenheit hatte und wie sehr es von ihrem eigenen Umfeld geprägt war. Das hat ihr die Augen geöffnet!

 

Viktor: Absolutely I think you learn most about your self when you're confronted with somebody who's different, different in a good way.

 

Viktor stimmt ihr zu – am meisten lernt man über sich selbst, wenn man mit jemandem konfrontiert wird, der anders ist, anders auf eine gute Weise.

 

 

 

Mehr als nur einen Blick über den Tellerrand wollte GETI den jungen Theologen ermöglichen. Wenigstens für zwei Wochen sollten sie mal raus aus dem Elfenbeinturm nur ihrer je eigenen Universität, nur ihrer je eigenen Kultur mit ihrer typischen gesellschaftlichen wie kirchlichen Prägung. Dass dieser Plan tatsächlich aufgegangen ist, darüber freut sich Uta Andrée, die als Direktorin der Missionsakademie Hamburg mit der Organisation des Studiencamps betraut war.

 

Uta Andrée: I think we need gatherings like this to bring the people together. They often have ecumenical studies, they read books from other traditions, but it is something very different to share two weeks, to share a room with somebody to be in a seminar group, to have discussions together and many students were reporting this. That this was the first time in their life that they could talk to a Catholic priest, that they could meet a charismatic Pentecostal theologian. I think it is important to have this network for a future responsible leadership of the churches and I'm so convinced that all the students we have here will be in great positions and they will spread the idea of coming together. Not denying the diversity of all Christian faith traditions, but accepting the other and concerning that we are all together the one body of Christ.

 

Uta Andrée ist überzeugt: wir brauchen solche Versammlungen, um die Menschen zusammenzubringen. Viele von ihnen studieren zwar ökumenische Themen, sie lesen Bücher über andere Glaubensrichtungen – aber es ist eben etwas ganz anderes, wirklich zwei Wochen miteinander zu verbringen, ein Zimmer zu teilen, zusammen in einer Seminar-Gruppe zu sitzen, miteinander zu diskutieren. Und das hört sie auch von den Studierenden: Das war das erste Mal im Leben, dass ich mit einem katholischen Priester reden konnte, dass ich einen Charismatiker oder einen Pfingstler getroffen habe. Ihr ist wichtig, dass sich auf diese Weise ein Netzwerk für eine zukünftige, verantwortliche Leitung der Kirchen entwickelt. Uta ist überzeugt davon, dass alle Studierenden, die hier beim Studiencamp sind, später wichtige Positionen innehaben und die Idee eines solchen Zusammenkommens weitertragen werden.

 

Drei große Themen hat sich GETI 2017 auf die Fahnen oder besser in die Studienbücher geschrieben: Reforming Theology, also Wandel und Erneuerung der Theologie, Migrating Church, also Kirche und Migration, sowie Transforming Society, die Veränderung unserer Gesellschaft.

 

Uta Andrée: Reforming theology means that theologians are called here to find out relevant ways of formulating their theology and getting deeper into theological questions by really focusing on the relevant and authentic voice of the gospel.

 

Für Uta Andrée bedeutet Reformation der Theologie, dass Theologen hier dazu aufgefordert werden, ihre Theologie neu und relevant zu formulieren und sich noch tiefer mit theologischen Fragen auseinandersetzen, indem sie sich wirklich auf die authentische Stimme des Evangeliums konzentrieren.

 

Uta Andreé: And the second is Migrating church. We experienced, especially in Germany in 2015, a big wave of migrants coming and also many frictions within the society and we know that Europe is very divided on this question of receiving migrants, and we see communities which are built in our cities and close to our German or European congregations. We wanted to raise this issue together with others who are coming as Christians to Europe, and how can we come forward in that question, and transforming society is part of that. To bring into society questions our Christian understanding, our Christian convictions, not to say this is a Christian continent or something, but to say, „We have something to contribute with many other groups, also religions, in this continent and we want to build a peaceful and harmonious and critical and exciting society in Europe.

 

Das zweite Thema des GETI-Treffens ist Kirche und Migration. Besonders in Deutschland war 2015 eine große Migrationswelle zu erleben – und viele Spannungen in der Gesellschaft. Europa ist sehr gespalten in der Frage, wie Migranten aufgenommen werden sollen. Zugleich entstehen in den Städten jetzt neue Kirchengemeinden von Migranten in Nachbarschaft zu den je einheimischen. Uta Andrée will all das zusammen mit denen, die als Christen nach Europa kommen diskutieren und in diesen Fragen vorankommen. Darum geht es auch beim Thema „Veränderung der Gesellschaft“. Sich einzubringen bei gesellschaftlichen Fragen: Wie sehen wir das als Christen, für welche Überzeugungen stehen wir ein? Es geht nicht einfach darum zu sagen, dass dies ein christlicher Kontinent ist, aber Christen haben etwas beizutragen auf diesem Kontinent mit vielen anderen Gruppen, auch mit religiösen Gruppen, und sie wollen eine friedliche, harmonische und kritische und aufregende Gesellschaft in Europa aufbauen.

 

 

 

Viktor: One word that stands out in my mind is that theology has to be glocal[sic]. It has to be both global and concern everyone and it has to address local issues. I think that's the challenge for today, for us, for different churches coming together to think about these issues.

 

Viktor ist ein Wort besonders im Gedächtnis geblieben: Nämlich dass Theologie „glokal“ sein sollte. Theologie muss sowohl global sein und jeden betreffen als auch auf lokaler Ebene die Dinge ansprechen. Das hält Viktor heute für die Herausforderung für Christen und für die verschiedenen Kirchen.

 

Esther: I think what I've learned so far is that the context absolutely matters, and that the world is so much more diverse than we ever thought possible. Theology changes from place to place. Even from person to person.

 

Esther hat gelernt, dass es in der Theologie immer auf den Kontext ankommt und dass die Welt noch vielfältiger ist, als sie alle gedacht hätten. Theologie ändert sich von Ort zu Ort. Sogar von Person zu Person.

Esther: As an example, just take the different countries. Some places you have a Lutheran majority and things change, and for some people, it's a Muslim majority, and the game is completely different. But it's very interesting when we start discussing, even during the keynote lectures, when we start hearing the context from the speakers. You think, „Oh, okay, so that's happening in their country, maybe I can borrow some ideas for mine.”

 

Ein Beispiel für Esther sind die unterschiedlichen Länder. In manchen gibt es eine Lutherische Mehrheit und das verändert alles. Und andere Menschen leben dort, wo Muslime die Mehrheit bilden – und dann läuft das Spiel wieder ganz anders. Aber das macht für Esther die gemeinsamen Diskussionen gerade so interessant, z.B. auch darauf zu achten, aus welchem Kontext heraus jemand seine Vorlesung hält. Esther denkt dann: „Oh, so funktioniert das also in deinem Land, vielleicht kann ich davon ein paar Ideen für mein eigenes übernehmen.“

 

Viktors: I think ecumenism isn't an option, it's a mandate for all Christians. Not just for theologians, not just for some elite. All Christians should be aware of this necessity for us to come together, to respond to Christ's calling to be one, so that our witness may be credible. The theological dialogue is very important, it's good, it’s absolutely necessary that events like GETI take place and that more people participate.

 

Für Viktor ist Ökumene nicht nur eine Option, sondern eine Verpflichtung für alle Christen. Und nicht nur für Theologen, nicht nur für irgendeine Elite. Alle Christen sollten die Notwendigkeit sehen zusammenzukommen – als Antwort darauf, dass Christus zur Einheit aufgerufen hat. Nur so werden Christen glaubwürdige Zeugen. Den theologischen Dialog hält Viktor für wichtig und gut. Es sei absolut notwendig, dass es Veranstaltungen wie GETI gibt und daran sollten noch mehr Menschen teilnehmen.

 

Katie: Yeah, I've just realized we've got a lot more in common, and I think especially in the ecumenical context, a lot of people focus on sharing questions rather than sharing answers just because for denominational reasons. That also means there is a space for me with my questions. People have been very interested actually and very open.

 

Katie hat erst jetzt verstanden, wie viele Gemeinsamkeiten die Menschen doch haben. Und gerade in der Ökumene geht es ja darum, gemeinsame Fragen zu teilen und nicht so sehr gemeinsame Antworten zu haben, findet sie. Das bedeutet für Katie auch, dass hier genug Raum für sie und ihre Fragen bleibt.

 

Esther: We have differing opinions, but I think it's really great that we just-- first of all, we listen to each other. And then, when we understand each other's position, were like, „Okay, that's different.“ But it's very interesting and very good.

 

Esther findet es stark, dass sich alle erst einmal gegenseitig zuhören trotz ihrer unterschiedlichen Meinungen. Und erst wenn alle die jeweiligen Positionen verstanden haben sagen sie: „Okay, da unterscheiden wir uns jetzt.“

Juan: How can we do theology these days in dialogue with the other? Not only with the Christian people, but with the non religious people and with the other religions?

 

Juan fragt, wie heutzutage Theologie im Dialog mit anderen betrieben werden kann? Nicht nur mit Christen, sondern ebenso mit nicht religiösen Menschen oder mit anderen Religionen?

 

Juan: Maybe if we want to be a missionaries, we can teach the other but not to be a Christian like us. Maybe to teach the other a Muslim to be a better Muslim. To teach the Buddhist to be a better Buddhist in their way not in our way and learn from the other. We can go to them and learn from the other because we always think that our point of view is the only one, is the better one. And maybe for us it is, but if we go to the others, we can learn from the others. Like in this movie from Martin Scorsese, Silence. The missionary goes to Japan and he learns a lot of things from the Buddhist people. I think we can learn, we can teach but not in the way to convert the other, but to convert ourselves to god.

 

Er denkt über die eigene Rolle nach: Falls Christen wirklich Missionare sein wollen, dann können sie anderen etwas beibringen – aber nicht, dass sie Christen wie man selbst werden müssen. Vielleicht können sie einen Muslim lehren, ein besserer Muslim zu sein oder einen Buddhisten, ein besserer Buddhist zu sein. Auf die je ihnen eigene Art und Weise, nicht auf die, die man selbst hat. Juan glaubt nicht, dass die eigene Perspektive die einzig richtige und immer die bessere ist. Vielleicht ist sie das für ihn selbst manchmal, aber wenn Christen zu Anderen gehen, können sie von ihnen lernen. Wie in dem Film von Martin Scorsese: „Silence“. Da geht ein christlicher Missionar nach Japan und lernt viele Dinge von den Buddhisten. Juan findet: Christen können dazu lernen und sie können auch lehren – aber nicht, um den anderen zu bekehren, sondern um selbst Gott näher zu kommen.

 

 

 

 

Musik:

1) Circular Velocity, Motum Perpetuum, David Edwards
 

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