Träumen

Morgenandacht
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Es war kurz vor der Geburt unseres ersten Kindes, als ich einen Traum hatte. Ich stehe im Hof meines Elternhauses in einem siebenbürgischen Dorf, das ich schon mit 17 verlassen hatte. Das große Tor unserer Scheune tut sich auf und wie auf einem Karussell ziehen an mir meine Kleider vorbei, die ich als Kind und später als Jugendliche trug. Blumige Sommerkleider, mein langer geliebter Wollrock, ein Ballkleid. Eins nach dem anderen zog an mir vorbei. Ich sehe mich im einen Kleid über Wiesen laufen, im anderen für ein Foto posieren, im dritten tanzen. Und dann gehe ich ein paar Häuser weiter zur Schneiderin, die fast alle diese Kleider genäht hatte. Sie sitzt an der Nähmaschine mit ihrer Zigarette im Mundwinkel, im Haus riecht es noch genau so wie früher. Ganz verwundert fragt sie mich, was ich denn hier mache. Und ich sage: „Du siehst doch, ich brauche ein neues Kleid. Meine alten passen mir nicht mehr.“ Und zeige auf meinen schwangeren Bauch. Sie lacht mich an, ihr Goldzahn blinkt mir entgegen: „Schau an, und du kommst wieder zu mir!“ Mit diesem Lachen wach ich auf, glücklich über diesen Traum. Ich werde Mutter, und bin nicht mehr selbst das Kind. Und es stimmt – ich brauche ein neues Kleid, auch für meine Seele. Sie steht vor ganz neuen Herausforderungen. Wer kann mein Seelenkleid weben? Die alte Schneiderin? Oder wer?

 

Ich liebe die Sprache der Träume, klug, weise, bilderreich, kein Mensch kann sich das mit seinem Verstand ausdenken. Und das bestätigt auch die Traumforschung. Wenn man mit dem Kernspintomografen, diesem elektronischen Traumfänger, heute das Gehirn eines Probanden scannt, um zu sehen, welche Areale während des Schlafs aktiv sind und welche nicht, ist die Antwort erwartbar: Unsere Träume werden von reinen Emotionen gesteuert. Wir träumen, um gefährliche oder risikoreiche Situationen zu simulieren. Wer bereits im Schlaf einen Säbelzahntiger besiegt, ist auch im wahren Leben besser gegen Fressfeinde gewappnet. Und wer seine alten Kleider ablegt, macht sich bereit für eine tiefgehende seelische Veränderung.

 

Es gibt biblische Texte, die kann man lesen wie Träume. Wie Nachtträume, genauso sind es aber auch Tagträume, im besten Sinn. Sie entstammen nicht eindeutig dem Gehirnareal, das die Emotionen steuert. Sie sind vor allem Gaben des göttlichen Geistes, festgehalten und aufgeschrieben in der Bibel – und sie spielen dem Menschen neue Möglichkeiten zu. Es sind Träume, die über das Leben eines einzelnen hinausreichen, es sind kollektive Träume von einer anderen Welt.

 

 „Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“

 

So beginnt der Traum eines Propheten. Aus einem kahlen Baumstumpf sprießt es grün.

Dann wohnt der Wolf beim Lamm. Der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen. Ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an. Ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt am Schlupfloch der Natter. Das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange. (Jes. 11, 6-8)

 

Gezähmte Haustiere sind Gastgeber in diesem Traum, und die aus der Wildnis, die Raubtiere, lassen sich zu ihnen nach Hause einladen. Und ein Kind, um das sich alles dreht in diesem Traum, kann in Frieden und ohne Feindschaft aufwachsen. Wer das mit der Realität abgleicht, muss es für unmöglich halten. Der Löwe ist eine Raubkatze, dagegen kann er nichts machen, und Wölfe fressen nun mal kein Gras, von Natur aus. Aber Menschen können sich ändern. Aus Raubtieren können Friedensstifter werden.

 

Menschen können sich ändern. Wenn sie ihre alten Kleider ablegen. Vielleicht muss es ja Nacht sein, um das zu wagen. Aber genau dann wird Advent, in der Seele und unter den Menschen.

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