Was ist gerecht?

Morgenandacht

„Gerecht ist, wenn ich einen Apfel in vier Stücke teile und jeder bekommt zwei.“: Klare Sache – so definiert meine sechsjährige Tochter Gerechtigkeit. Ungerecht ist, wenn jemand nicht fair teilen kann. Oder andere verprügelt, die schwächer sind als man selbst.

 

Klar ist dann auch die biblische Geschichte mit dem verlorenen Sohn und seinem Bruder. Es ist schrecklich ungerecht für den zurück gebliebenen Bruder: Er schuftet weiter auf dem elterlichen Hof während der Jüngere irgendwo in der Weltgeschichte sein Erbe verschleudert. Und dann trotzdem wieder aufgenommen wird…

 

Dabei ist zunächst alles rechtens: Der Jüngere der beiden Brüder lässt sich noch zu Lebzeiten des Vaters seinen Erbteil auszahlen. Die Familie ist ihm also nichts mehr schuldig. Schnell ist sein Erbe aufgebraucht:

Ich erinnere mich noch genau an meine Kindergottesdienst- Ausmalmappe. Die Bilder von fröhlichen Menschen in irgendeinem Wirtshaus beim Feiern und Essen. Der jüngere Sohn immer mittendrin. Dann das nächste Bild: Der Ausgewanderte bei den Schweinen. Sein ganzes Geld weg, als eine Hungersnot ausbrach. Damals fand ich plausibel, wie die Geschichte ausging: Im Stall besinnt sich der jüngere Sohn, bereut alles und beschließt, nach Hause zurück zu kehren. Letztes Bild in meiner Mappe: der Vater mit offenen Armen. Er nimmt den verlorenen Sohn herzlich wieder auf und vergibt ihm. Einleuchtend, dass Gott auch so mit uns umgeht.

 

Den älteren, zuhause gebliebenen Bruder gab es nicht zum Ausmalen. Dabei erzählt die Bibel, wie wütend er war. Er hat nämlich gar keine Lust auf das große Willkommens-Fest für seinen Bruder. Er schimpft seinen Vater an: „Siehe so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.“

 

Im Kindergottesdienst haben wir darüber nicht geredet. Erst später in meiner Ausbildung. In einem Bibliodrama. Wir Teilnehmer übernahmen verschiedene Rollen. Jeder und jede hat sich auch auf die Seite des zuhause Gebliebenen gestellt: Wir malten uns aus, wie es für ihn gewesen sein könnte. Gerecht war das nicht: Vielleicht musste er nicht nur auf dem Feld schuften, sondern auch noch die miese Laune seines Vaters aushalten. Vielleicht war seine Mutter pflegebedürftig und er wollte sie nicht im Stich lassen. Und was war mit seinen Träumen? Von einem anderen Beruf vielleicht in der Stadt, aber sein Gewissen ließ ihn keine solchen Träume träumen. Und da taucht sein jüngerer Bruder auf, ohne all das Geld – „und du hast ihm das gemästete Kalb geschlachtet“, sagt er oder schreit es sogar seinem Vater ins Gesicht. „Mir hast du nie einen Bock gegeben“. Ungerecht.

 

In der Rolle des verlorenen Sohnes sah das anders aus für uns. Auch die Gefühle kannten wir: Genau zu wissen, dass man es vermasselt hat. Sich nicht zu trauen, irgendwo noch einmal aufzutauchen oder anzurufen. Geschweige denn vielleicht, wieder nach Hause zu kommen. Man hat vielleicht nicht erfüllt, was die Eltern sich gewünscht haben – was Gott sich unter einem guten Leben vorstellt sowieso nicht. Und dann steht da jemand mit offenen Armen. Unverhofft. Ungerechterweise. Unverdient.

 

Aber was ist gerecht? Gerechtigkeit ist nie klipp und klar. Weder die Gottes noch die der Menschen. Es gibt eine Gerechtigkeit auf den zweiten Blick. Dem verlorenen Sohn ist sie zuteil geworden. Sie kostet Kraft. Sie verlangt etwas ab – verzeihen zu können. Davon abzusehen, genau das zu bekommen, was einem zusteht. Eine Gerechtigkeit, die nicht abzählt und nicht ausrechnet. Wir Menschen leben davon: in unseren Freundschaften, in unserer Familie oder bei der Arbeit. Wir brauchen diesen zweiten Blick. Der nachsichtig sein lässt. Der Kraft gibt, einen anderen Weg einzuschlagen. Für Gerechtigkeit, aber eben auf den zweiten Blick.

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