Wer zu spät kommt!

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Die Woche zwischen dem Ewigkeitssonntag und dem 1. Advent ist eine Übergangszeit. Das alte Kirchenjahr liegt nun zurück und Christen schauen hoffnungsvoll nach vorn in die Zukunft. Für Christen ist das zugleich ein Blick auch in die eigene Zukunft. Was kann anders werden, was müsste sich ändern? Wo möchte ich in meinem eigenen Leben eine Zäsur machen und neu anfangen, Altes zurücklassen, mit neuen Ideen auch andere Wege gehen? Wo tut es mir und anderen gut, die Schwerpunkte des Lebens zu verschieben?

 

Dass es überhaupt neben dem weltlichen Kalender mit dem Kirchenjahr eine eigene kirchliche Zeitrechnung gibt, hat einen einfachen Grund: Der weltliche Kalender ist an der alten römischen Zeitrechnung orientiert, die Monatsbezeichnungen tragen bis heute die Namen von römischen Göttern und Kaisern. Das kirchliche Jahr ist dagegen mehr nach innen ausgerichtet, auf den Lebenszyklus der Menschen. Deshalb wird im Herbst das Ende in Erinnerung gebracht, das alles Leben in sich trägt. Und die Dunkelheit des Dezembers wird hell gemacht mit einem Licht der Hoffnung: der Ankündigung der Geburt Christi. Sie verspricht neue Zukunft auch für die persönliche Existenz.

 

Der Wechsel des Kirchenjahres bietet deshalb die Chance eines Wechsel auch im eigenen Leben. Was kann bei dieser Neuorientierung leiten? Welches Lebensmotto bietet sich an als Leitfaden für meine eigene Zukunft?

 

Das Angebot an Lebensweisheiten ist groß. Sich wandeln und verändern zu können ist auch eine politische Herausforderung. Michael Gorbatschow hat dafür den Satz gefunden: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“. Der letzte Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion steht für einen grundlegenden Wandel. Mit diesen wenigen Worten hat er nicht nur das Ende der Sowjetunion vorausgesagt, sondern auch den Zusammenbruch der DDR vorweg genommen. Sein Satz wurde in der DDR von der Opposition begeistert aufgenommen, und entwickelte sich dann zum Slogan einer Bewegung, die mit Macht nach vorne drängte. Heute wird der Spruch noch immer gerne benutzt, so als handele es sich dabei um eine unverbrüchliche Wahrheit: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“.

 

Aber taugt sein Satz als Lebensweisheit? Ihren Wahrheitsgehalt hat sie jedenfalls noch nicht unter Beweis gestellt! Stimmt es wirklich, dass man fürchten muss, vom Leben abgehängt zu werden, wenn man zu spät kommt? Die These war ursprünglich auf große politische Prozesse gemünzt. Macht man sie zum Maßstab für das persönliche Leben, bekommt sie einen ganz anderen, gefährlichen Charakter.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben – diese Behauptung wird dann zu der Empfehlung, möglichst schnell zu sein, auch mal ein bisschen zu drängeln; bloß nicht abwarten und schon gar nicht hintenan stellen! Wer sich das Tempo zum persönlichen Leitsatz macht, wird von der Angst getrieben, am Ende zurückzubleiben. Auch politisch ist Angst kein guter Ratgeber: eine Gesellschaft, die das Tempo zum Ideal macht, wird schnell zur Ellenbogengesellschaft. Nicht zu spät kommen zu dürfen – das kann leicht ein verhängnisvolles Ideal sein. Das ist der Fall, wenn Menschen auf der Strecke bleiben, wenn Grund und Ziel nicht mehr bedacht und diskutiert werden. Gefährlich wird es spätestens dann, wenn ein vermeintlicher Zweck jedes Mittel heiligt.

 

In der christlichen Tradition wird gerade deshalb das Gegenteil hervorgehoben: Im Neuen Testament wird Jesus mit dem Satz zitiert: „So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein“. Das ist genau die Umkehrung und meint: Es ist niemals zu spät für dich, sortiere dein Leben neu, es gibt immer noch eine Chance. Und die Drängler, die meinen immer als erstes drankommen zu müssen, die andere Menschen deshalb nach hinten schieben, sie werden dann entdecken, dass es doch um andere Werte ging, und nicht darum, immer der Erste zu sein.

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