Die Weitsicht der Engel

Wort zum Tage

Engel wollte er sein. Sein Leben lang. Weil er aber von Hause aus Johannes Scheffler (1624 – 1677) hieß, dachte bei diesem Namen erst mal kein Mensch an einen Engel. Obwohl er Arzt war. Und streng evangelisch. Aber nicht lange. Ein Freund meinte, nur katholisch sei Gott angemessen. Um 1650 kam das häufig vor. Man wechselte die Konfession. Den Namen gleich mit. Weil er ja Engel sein wollte. Auch ein guter. Also nannte er sich fortan „Angelus“, Engel. Angelus Silesius, Engel aus Schlesien. Jetzt stimmte alles: Name, Konfession und Beruf. Nur eins fehlte noch. Der Ruhm. Der kommt, wenn man dichtet. Vielleicht. Das tat Angelus. Er schrieb Gedichte. Ziemlich berühmt werden sie, wie dieses über die Engel:

 

                   Wer sich nur einen Blick / kann über sich erschwingen,

                   Der kann das Gloria / mit Gottes Engeln singen.

 

Vortrefflich, das Gedicht. Als es auf dem Papier steht, staunt selbst Angelus/Johannes. Aha, denkt er, was dichte ich denn da. Man muss gar nicht Namen und Konfession ändern; man muss keinen guten Beruf haben und kein Ansehen. Engel sein ist einfacher. Wer - über sich - hinausgehen kann, ist schon nahe bei Gott. Kann man mal so dichten. Es stimmt sogar.

 

Engel sehen weiter. Das ist schon ihr Geheimnis. Engel haben immer etwas Umsicht und Rücksicht. Sie sehen weiter als nur bis zu ihrer Nasenspitze. Engel heißen so, weil sie einen Blick aufs Gute haben. Das ist die Kunst. Das Gute ist nicht immer da, aber immer möglich. Engel sehen das. Weil sie weiter sehen und fragen: Was könnte jetzt helfen? Was wäre gerade nötig? Was wäre gut in dieser oder jener Lage? So fragen Engel. Sie haben meist kein weißes Gewand oder Flügel. Sie sind einfach da. Mit ihrem weiten Blick. Dem Blick aufs Gute. Manchmal erkennen sie, was gleich schief geht, und halten mich zurück. Oder sehen etwas, was ich nicht sehe. Dann zeigen sie es mir. Und es wird gut.

 

Manchmal wird es auch nicht gut. Dann fehlt er, der Engel. Dann wäre er nötig. Einfach ein Mensch, der mehr sieht, weiter blickt. Der den besonderen Blick hat aufs Gute. Ich sollte den üben. Engel werden gebraucht. Dann schule ich mich doch ein wenig im Engelblick. Damit es gut werden kann. Oder doch besser als vorher.

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