Er ist nicht hier

Wort zum Tage

Gesetzt den Fall, ein Waldspaziergang wäre keine Zeitverschwendung. Oder das Genießen einer schönen Aussicht. Gesetzt den Fall, genau so wäre es keine Zeitverschwendung, sich mit der Bibel zu beschäftigten. Angenommen, sie hätte Recht, die Bibel, auf ihre ganz eigene Art. So wie der Gang zum Friedhof, wo unsere Toten liegen.

 

Am Grab stehen, den Stein anschauen, den Namen lesen, die Lebensdaten – und nicht wissen, was fühlen. Warum ist man hergekommen? Denn der Mensch ist nicht da, dem der Name auf dem Stein gehört. Nicht unter diesem Stein, nicht unter dieser Erde. Da ist nur ein Leichnam. Oder die Asche. Nicht der Mensch, dem der Name gehört. – Trotzdem: ein paar welke Blätter zupfen, mit der Vase zum Wasserhahn. Für die Rosen, die ich für ihn gekauft habe. Für ihn? Für mich selber? Eine Lieblingsfarbe jedenfalls. S i e leuchtet im Februarlicht, - aber e r ist nicht hier.

 

„Er ist nicht hier.“ Unspektakuläre Worte - und doch ein Satz, der aus der Bibel an mein Leben rührt. Hier auf dem Friedhof schreibt sich mir eine alte Geschichte in die Handgriffe, mit denen ich die Rosen arrangiere für den, der nicht hier ist: Jesus wurde gekreuzigt, erzählt das Markusevangelium. Seine Freunde kommen zu dem Höhlengrab, in dem der Leichnam liegt. Aber da ist kein Leichnam. Stattdessen, ein Fremder, ein junger Mann mit einer unerhörten Nachricht: „Er ist auferstanden. Er ist nicht hier.“ - Nur Worte sind das. – Aber warum eigentlich „Nur“? Was alles wuchs aus diesen Worten: Angst und Hoffnung, Kunst, Konfessionen und Kriege; Gewissen, Gewalt; eine ganze Zeitrechnung. Ein „Davor“ und „Danach“. „Er ist auferstanden.“ Und doch wird weiter gestorben, ist der Tod nicht besiegt. Und wenn doch? Auch an meinem eigenen Grab werden Menschen einmal die Erfahrung der Freunde Jesu machen: „Sie ist nicht hier.“

 

Jeder weiß, dass Gräber leer sind. Alle Gräber. „Geliebt, gestorben, begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes“ ist nicht hier, und doch kaufen wir Blumen. Und in meinen Kopf schiebt sich der fremde junge Mann aus der Bibel in den Vordergrund und schickt mich zurück zu den Lebenden: „Er ist auferstanden“, sagt er. Wie kühn er ist. Seit 2000 Jahren stemmen sich diese drei Worte schon gegen fassungsloses Starren auf Gräber. Der Evangelist schickt die Jünger und Jüngerinnen zurück nach Galiläa. Sie fürchten sich sehr, schreibt er. Wer würde das nicht verstehen? Aber sie gehen los. Das leere Grab hält sie nicht fest. Warum auch? Ich bleibe ja auch nicht auf dem Friedhof.

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