An fremden Wassern weinen

Wort zum Tage

Ein Fluss mag keine Grenze sein. Die Boje in seiner Mitte soll ihn teilen, doch von rechts wie von links umströmt sie das gleiche Wasser. Die Boje sieht immer wie mitgerissen aus. Halbherzig markiert sie die Grenze. Es gibt weit weg von hier, im Osten, einen Fluss, der sich besonders schlecht zur Grenze eignet. Die Memel hat nicht einmal eine ordentliche Mündung, an der hüben und drüben zu erkennen wäre. Sie bildet ein unübersichtliches Delta unter einem Himmel so hoch, wie es ihn nur im Osten gibt. Es sieht so aus, als wollte dieser Fluss Zweifel daran säen, ob es überhaupt Grenzen geben muss. An den Ufern der Memel hat sich über Jahrhunderte alles vermischt, Deutsche, Polen, Russen, Litauer lebten dort.

Vor hundert Jahren wurde der Dichter Johannes Bobrowski an der Memel geboren. Die Zeitläufte vertrieben ihn aus seiner Heimat nach Berlin. Eine „Kriegsverletzung“ hat Johannes Bobrowski daher sein ganzes Schreiben genannt. Er war entkommen, äußerlich unverletzt und doch als ein Versehrter. Und nun schrieb er in einer „Sprache, die verwundet beim Lesen“ – sagt Herta Müller über ihn. Wer seine Gedichte liest, geht mit ihm zum Ufer der Memel, dorthin, wo er geboren wurde, und sieht

 

den Baum, den Vogel im Flug,

den rötlichen Fels, wo der Strom

zieht, grün, und den Fisch

im weißen Rauch, wenn es dunkelt

über die Wälder herab.

 

Immer zu benennen, so beginnt dieses Gedicht Bobrowskis. Es zeigt, wie man leben kann an den fremden Wassern. Indem man eine Sprache für das Verlorene sucht, auch wenn sie Wunden offenhält – und in der Sprache die Heimat findet. Denn die Sprache geht mit. Sie bleibt einem.

Gottes Volk hat es genau so gemacht, als es geführt wurde, wohin es nicht wollte, in die Verbannung nach Babylon, ins Exil. An fremden Wassern saßen sie. Erst weinten sie. Und dann begannen sie, alles aufzuschreiben, ihre Sehnsucht nach Jerusalem, ihre Liebe, ihren Schmerz, auch den Zorn. Die Psalmen der Bibel finden die Sprache dafür. Immer zu benennen ist dies alles, wenn du weiterleben willst an den fremden Wassern. Johannes Bobrowski hat das getan. Für alle, die an fremden Wassern weinen müssen, hat er das Verlorene benannt und in der Sprache wiedergefunden. Denn die Sprache ist ein Zuhause. Und was benannt werden kann, wird gebannt.

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