Gerechtigkeit

Pfarrer Dr. Wolfgang Beck
Dr. Wolfgang Beck

Foto: Julia Feist

Dr. Wolfgang Beck

"Das ist total ungerecht" – das bekommen Eltern zu hören, wenn Freunden angeblich viel mehr erlaubt ist. Wenn Menschen Ungerechtigkeit spüren, kann das zu harten Auseinandersetzungen führen, nicht nur mit Jugendlichen. Die Frage, was gerecht und was ungerecht ist, bestimmt nicht nur Gerichtsverfahren oder Tarifverhandlungen. Die Frage durchzieht alle Lebens- und Gesellschaftsbereiche. Wenn in den Schulklassen Zeugnisnoten besprochen werden. Wenn es um den beruflichen Aufstieg von Kollegen geht. Nicht selten setzen sich dann gerade dort, wo etwas gerecht besprochen und geklärt werden soll, die Starken und Selbstbewussten durch.

 

Klar, Gerechtigkeit unter Menschen zu erzeugen, ist eine schwierige Aufgabe. Das haben auch die Jünger und Jüngerinnen Jesu in den ersten Jahrhunderten erlebt. Auch sie mussten erst Regeln finden, damit alle mit dem Notwendigen versorgt werden und am gemeinsamen Leben teilhaben können. Das Bemühen um ein gerechtes Miteinander finde ich wichtig. Aber läuft das darauf hinaus, dass alle gleich leben? Schließlich ist im Interesse der Gleichheit schon eine Menge Ungerechtigkeit entstanden. Was passiert also, wenn Menschen sich ungerecht behandelt fühlen, wie das vermutlich jeder schon erlebt hat?

 

Eigentlich hätte ich doch mehr Zuwendung verdient, mehr Aufmerksamkeit, mehr Rücksicht durch andere oder auch nur mehr Gehalt – dies Gefühl kennt wohl jeder. Die empfundene Ungerechtigkeit kann viele Formen annehmen und ist eigentlich permanent präsent. Es gilt aber auch: Nicht überall, wo ich mich ungerecht behandelt fühle, besteht auch tatsächlich eine Ungerechtigkeit. Deshalb ist es durchaus problematisch, wenn in gesellschaftlichen Debatten dieser Begriff allzu leicht benutzt wird. Häufig wird von Gerechtigkeit gesprochen, wo eigentlich nur etwas angemessen, verhältnismäßig oder vergleichbar sein sollte. Das ist ein Unterschied, der schnell übersehen wird.

 

Wenn Fußballer oder Manager in einer Konzernleitung horrende Gehälter beziehen, ist das wahrscheinlich wirtschaftlicher Unsinn im Verhältnis zu ihrer Leistung. Und es ist für unser Zusammenleben sicherlich nicht hilfreich. Aber nicht alles, was schlecht ist, ist damit auch automatisch ungerecht! Gerechtigkeit ist viel bedeutungsvoller, sie sollte nicht zu einem "Allerweltsbegriff" werden. Mit Gerechtigkeit ist in vielen Texten der Bibel eine zentrale Vorstellung von Gott ausgedrückt: Wenn Gott sich den Menschen zuwendet, geschieht dies vor allem darin, dass er seine Gerechtigkeit zeigt. Damit ist also etwas viel Größeres gemeint. Im Buch der Psalmen heißt es zum Beispiel: "Gott schafft Recht den Unterdrückten." (Ps 146,7).

 

Diejenigen, die sich nicht selbst zu Wort melden können und die Unterstützung benötigen, finden sie hier. Und das ist keine Vertröstung auf irgendwann, sondern bezieht sich durchaus auf das Hier und Jetzt. Daraus leitet sich für alle, die sich an der Bibel orientieren, auch der Auftrag ab, für die Schwächeren einzutreten. Gerechtigkeit bedeutet hier: Alle Menschen bekommen Chancen aufzusteigen und sich zu entwickeln. Das ist entscheidend. Wo diese Möglichkeiten eingeschränkt sind, da geht es ungerecht zu. Da gilt es zu protestieren und Dinge zu ändern.

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