Friedlich lag das Meer

Friedlich lag das Meer
Gedanken und Gedenken nach Fukushima und Tschernobyl
24.04.2016 - 08:35

Über die Sendung

Vor fünf Jahren erreichte uns die Nachricht vom Tsunami in Japan mit seinen schrecklichen Folgen für die Küstenbewohner - und für das AKW Fukushima, das außer Kontrolle geriet. Schrecken machte sich breit und Bestürzung, weckte auch die Erinnerung an den GAU von Tschernobyl. Wie mit dem Ungeheuren weiterleben - mit dem Verlust lieber Menschen, mit der Gefahr atomarer Verseuchung? Wie an das Schreckliche denken, die Erinnerung an die Toten bewahren?

 

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Vor fünf Jahren wurde die Welt durch eine schreckliche Nachricht aus Japan aufgeschreckt. Am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit ereignete sich ein großes Seebeben vor der Sanriku-Küste der japanischen Region Tohoku. Die Folge des Bebens war ein Tsunami mit einer Flutwelle bis zu einer Höhe von 15 Metern, der eine Fläche von 470 Quadratkilometern überflutete. Er spülte Autos, Schiffe und Häuser davon und drang weit ins Inland vor. Der Tsunami riss18.537 Menschen in den Tod. Eine halbe Million Menschen wurden evakuiert und mussten in Notunterkünften untergebracht werden.

Der Tsunami überflutete auch das am Meer gelegene Atomkraftwerk Fukushima. In den Blöcken 1-3 kam es zu Kernschmelzen, vier von sechs Reaktorblöcken wurden zerstört. Große Mengen an radioaktivem Material wurden freigesetzt und kontaminierten Luft, Boden, Pflanzen, Wasser und Nahrungsmittel in der Umgebung. Hunderttausende in landwirtschaftlichen Betrieben zurückgelassene Tiere verendeten. Die Atombehörde stufte die Reaktorkatastrophe von Fukushima als GAU ein, als größten anzunehmenden Unfall. Dramatische Bilder von Männern in Schutzanzügen in zerborstenen Reaktorhäusern riefen die Erinnerung an die Katastrophe von Tschernobyl 1986 wach.

Nach der Katastrophe von Fukushima stieg die Skepsis gegenüber der zivilen Nutzung der Kernenergie weltweit. Mehrere Länder gaben ihre Atomenergie-Programme auf, so auch Deutschland. Vor dem stillgelegten AKW Krümmel bei Geesthacht fand eine Demonstration statt, auf der der Ausstieg gefeiert wurde. Wenige dachten an die großen Opfer in Japan, die diesem Ausstieg aus der Atomenergie zugrunde lagen.

 

Es gibt verschiedene Formen des Gedenkens. Eine ist die erinnernde Erzählung der Betroffenen. Eine andere das fiktionale Sich-Hineinversetzen in Überlebende. Das geschieht in dem kleinen Roman Der lange Atem von Nina Jäckle. Für diesen Roman hat die 49jährige Autorin aus dem Schwarzwald 2015 den Evangelischen Buchpreis erhalten.

Ein Inspektor, früher zuständig fürs Zeichnen von Phantombildern gesuchter Krimineller, ist nach dem Tsunami mit seiner Frau in deren zerstörtes Heimatstädtchen zurückgekehrt. Er verfertigt anhand von Fotos der entstellten Gesichter von geborgenen Tsunamiopfern möglichst präzise Zeichnungen. Damit den Hinterbliebenen die Identifizierung ihrer Angehörigen zumutbar wird. Er ist der Mittelsmann zwischen den Toten und den Hinterbliebenen. Er holt ihre Gesichter aus der vom Tsunami bewirkten Entstellung. Die zeichnerische Auferstehung kann sie zur ewigen Ruhe geleiten. Sein Zeichnen ist wie ein Epitaph des Gedenkens, das den Angehörigen den Abschied ermöglicht. Doch seine Frau wird von dieser Arbeit ihres Mannes zunehmend verstört. Er hält ihr entgegen:

 

Ich mache aus namenlosen Unbekannten wieder Menschen mit einer Familie, mit einer erzählbaren Vergangenheit. Auf dass die Toten identifiziert werden, auf dass sie ihre Namen zurückbekommen, damit sie beerdigt werden können, damit alle Frieden finden.[1]

 

 

Das Weltvertrauen aber ist verschwunden. Friedlich lag das Meer – bevor der mörderische Tsunami losbrach. Viele von der Katastrophe Betroffene kehren an die Küste zurück – und leben doch in ihren zerstörten Orten wie Fremde, die nie mehr heimisch werden in dieser Welt. Man braucht einen langen Atem, um zu zeichnen und die Zerstörung der Toten auszuhalten, sagt der Zeichner. Seine Frau hält es nicht aus, sie verlässt ihn.

 

Ein Versuch, den Schrecken des 11. März mit den Mitteln der Musik zu bewältigen, ist die Oper Stilles Meer des Komponisten Toshio Hosokawa, die im Januar diesen Jahres an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt wurde.

Sie erzählt von Claudia, einer deutschen Ballettlehrerin, die bei dem Tsunami ihren Mann, den Japaner Takashi, und ihren Sohn Max verloren hat. Mit dem Verlust des Sohnes kann sie sich nicht abfinden und leugnet die Realität seines Todes. Von Freunden wird sie ermahnt, doch die Wirklichkeit zu akzeptieren und nach Deutschland zurückzukehren. Sie antwortet:

 

Ich kann sie nicht sehen, diese Wirklichkeit. Wir kämpfen mit einer Wirklichkeit, die wir nicht sehen.[2]

 

 

Sie beschreibt die unfassbare Szenerie unmittelbar nach dem Tsunami, berichtet vom Evakuierungsbefehl wegen der Strahlung. Er verhinderte die Suche nach den Vermissten, die das Meer wieder hergegeben hatte und die am Strand aufgebahrt lagen.

Um Claudia umzustimmen, schlägt ihre Freundin Haruko ihr vor, das traditionelle japanische No-Theaterstück Sumidagawa zu spielen. Denn in der letzten Szene dieses Stücks, das auf einem buddhistischen Trauerritual beruht, erscheint einer Mutter ihr totes Kind, bevor es auf immer verschwindet. Claudia stimmt in den Gesang ein. Komponist Hosokawa erklärt:

 

„Indem sie ihrer Trauer durch Gesang Ausdruck verleiht und das buddhistische Gebet vorträgt, wird ihr Schmerz in einer anderen Dimension erfahrbar. Durch ihren Gesang kann sie diese Welt und das Jenseits miteinander verbinden und mit den Seelen der Verstorbenen in Beziehung treten.“[3]

 

 

Der Chor stimmt ein traurig-schönes Naturlied an:

 

„Ist die Nacht ohne Mond, frag die Sterne. Ist die Nacht ohne Sterne, frag die Wellen. Ist die Nacht ohne Wellen, frag die Wolken. Vergehen die Berge? Vergeht das Meer? Vergeht der Himmel?“ [4]

 

 

Der Komponist widmete das Werk den Opfern des Tsunami und erklärt:

 

„Wir glauben in Japan, unsere Seelen kommen aus dem Meer und gehen ins Meer zurück. Deshalb gibt es bei uns den Brauch, Laternen auf Meer zu setzen, um die Seelen der Toten dem Meer zurückzugeben. Aber dies Meer ist durch Radioaktivität verschmutzt. Wir haben das Meer verloren, in das unsere Seelen zurückkehren können.“ [5]

 

 

Die Katastrophe von Fukushima hat die Erinnerung an Tschernobyl wachgerufen. Dreißig Jahre liegt der Atomunfall jetzt zurück und ist doch immer noch nicht bewältigt. Am 26. April 1986 um 1 Uhr 23 zerstörte eine Serie von Explosionen Reaktor und Gebäude des 4. Energieblocks des AKW Tschernobyl. Feuerwehrleute, sogenannte Liquidatoren, löschten den Brand, die meisten mussten dafür mit ihrem Leben bezahlen. Aber für die anderen retteten sie mit ihrer Arbeit Lebenszeit, ja das Leben selbst. Das Kernfeuer wurde unter einem riesigen Beton-Sarkophag begraben, einer Pyramide des 20. Jahrhunderts. Der GAU von Tschernobyl war eine Schreckenserfahrung auch im Westen.

Das AKW Tschernobyl liegt nahe an der Grenze zu Weißrussland, das den Großteil der Radioaktivität abbekam. Heute lebt jeder fünfte Weißrusse auf verseuchtem Gebiet. Das sind 2,1 Millionen Menschen, darunter 700.000 Kinder. Unter den Todesursachen in Weißrussland nimmt die radioaktive Strahlung den ersten Platz ein. Auf 100.000 Einwohner kommen 6000 Krebskranke, vor Tschernobyl waren es 82.

Das Erlebnis der Tschernobyl-Katastrophe, so die Literatur-Nobelpreisträgerin von 2015 und Weißrussin, Swetlana Alexijewitsch, ist etwas, wofür Menschen kein System von Vorstellungen, keine Analogien oder Erfahrungen haben.

 

„Wir alle hatten das Gefühl, auf etwas Unerhörtes gestoßen zu sein. Tschernobyl ist ein Mysterium, das wir erst noch entschlüsseln müssen. Man fand keine Worte für die neuen Gefühle (…). In der Nähe von Tschernobyl begann jeder zu philosophieren. Die Kirchen füllten sich wieder. Mit Gläubigen und mit Menschen, die kurz vorher noch Atheisten gewesen waren“.[6]

 

 

Viele Soldaten wurden eingesetzt gegen den unsichtbaren Feind Radioaktivität Sie begruben die verseuchte Erde in Bunkern. Sie fuhren durch leere Dörfer, erschossen die Haustiere, die vertrauensvoll auf sie zugelaufen kamen, trafen auf einsame Alte, die nicht gehen wollten.

 

„Sie saßen abends bei Kienspanbeleuchtung zusammen, mähten das Heu mit der Sense und wandten sich mit Gebeten an Tiere und Geister. An Gott. Genau wie vor 200 Jahren, nur dass irgendwo hoch oben Raumschiffe umherflogen.“[7]

 

 

Swetlana Alexijewitsch hat über mehrere Jahre mit Menschen gesprochen, für die die Katastrophe von Tschernobyl zum schrecklichsten Ereignis ihres Lebens wurde. Oft war der Preis ihrer Zeugenschaft ihr Leben.

 

„Schreiben sie das auf, sagten sie immer wieder. Wir haben nicht verstanden, was wir sahen, aber es soll bewahrt werden. Irgendjemand wird es lesen und verstehen. Später, nach uns.“[8]

 

 

Erst 1997 veröffentlichte Swetlana Alexijewitsch diese Gespräche. Die Lektüre dieser Zeugnisse ist schwer auszuhalten. Aber es ist das mindeste, was für die Opfer dieser bislang schlimmsten Atomkatastrophe getan werden kann – ihnen wenigstens zuhören. Die Frau eines der völlig verseuchten Feuerwehrmänner, die den brennenden Reaktor löschen sollten und ohne Schutzkleidung dort hingeschickt wurden, erzählt:

 

„Die Explosion selbst habe ich nicht gesehen. Nur die Flammen. Und mein Mann kam und kam nicht (…). Um sieben teilte man mir mit, dass er im Krankenhaus sei. Ich sah ihn (…). Ganz aufgedunsen, verquollen, die Augen waren fast nicht zu sehen. Ich fragte: Wassenka, was soll ich machen? Geh weg, geh weg von hier, du kriegst doch ein Kind (… ). Sie wurden nach Moskau geflogen. Ich fuhr nach Moskau (...)

Die letzten Tage im Sauerstoffzelt: Er veränderte sich. Jeden Tag traf ich auf einen anderen Mann (…). Die Verbrennungen traten zutage (…). Jemand ermahnte mich: ‚Vor ihnen liegt nicht mehr ihr Mann sondern ein hochgradig verseuchtes Objekt. Sie sind doch keine Selbstmörderin.‘ (…) Das letzte, ich erinnere mich nur bruchstückhaft (...). Um acht früh: Wassja, ich geh jetzt, ich ruh mich ein bißchen aus (…). Dann rufe ich die Schwester an: wie geht’s ihm? Er ist vor einer Viertelstunde gestorben, ich stand am Fenster und schreie: Warum? Wofür? Ich sah zum Himmel hoch und schrie (…). Innerhalb von vierzehn Tagen stirbt der Mensch (…). Ich war damals 23 Jahre alt.“[9]

 

 

„Eine einsame menschliche Stimme“ nennt Svetlana Alexijewitsch dieses Zeugnis von Ludmilla Ignatenko, Ehefrau des umgekommenen Feuerwehrmanns Wassilij Ignatenko. Wie der Zeichner aus Japan den Toten aus dem Meer setzt die Autorin den vielen Liquidatoren, die verantwortungslos in den Reaktor geschickt wurden, einen Gedenkstein.

Das ist das Mindeste, was getan werden kann. Und anders, als jetzt wieder ungebrochen auf Kernenergie zu setzen wie aktuell in Japan. Stattdessen: Den Toten ihre Namen und ihre Geschichte bewahren. Dem Gedenken Raum geben um zu begreifen, dass es nur die eine Welt gibt, die dem Menschen anvertraut ist. Damit nicht aufhören „Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“, wie es die Urgeschichte der Bibel allen Menschen verheißt. Und das Menschenmögliche zu tun, um solche Katastrophen wie die von Tschernobyl und Fukushima in Zukunft zu verhindern.

 

[1] Jäckle, Der lange Atem, 17f

[2] Programmheft Stilles Meer, Hamburgische Staatsoper, 2016, 40

[3] Stilles Meer, Programmheft der Hamburgischen Staatsoper 2016, 5

[4] Stilles Meer, 44

[5] Stilles Meer, 22

[6] Swetlana Alexijewitsch, Tschernobyl: eine Chronik der Zukunft, München 2015, 40f

[7] Alexijewitsch, 46

[8] Alexijewitsch, 43

[9] Alexijewitsch,19ff