Klage und Käsebrötchen

Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz

epd/Frank Schulze

Aufraeumarbeiten nach der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands, am 17.07.2021 in Schuld, Rheinland-Pfalz. Der Landkreis Ahrweiler war in der Nacht zum Donnerstag (15.07.2021) besonders stark von Starkregen und Schlammlawinen getroffen worden. Besonders schlimm erwischte es Schuld an der Ahr mit seinen knapp 700 Einwohnern. Mindestens sechs Haeuser wurden niedergerissen, die Hauptstrasse und eine Bruecke teilweise zerstoert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besuchte zusammen mit der rheinland-pfaelzischen Ministerpraesidentin Malu Dreyer (SPD) am Sonntag (18.07.2021) das von den Wassermassen verwuestete Eifeldorf Schuld. (Siehe epd-Bericht vom 18.07.2021)

Klage und Käsebrötchen
23.07.2021 - 06:35
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Die Gedanken zur Woche im DLF.

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Die Flut in der Eifel hat sein Haus zerstört, ein Mann sitzt davor und sagt: Mein Haus ist weg, alles, was ich noch besitze, trage ich am Leib. Ich habe überlebt. Aber mein Unglück schreit zum Himmel.

Niemandem sollte das zustoßen, was Menschen jetzt in der Eifel, an Erft, Ruhr, Ahr und Wupper und jetzt auch in China erleben müssen. Auch wenn manche meinen, solche Katastrophen müssten geschehen, damit sich etwas ändere. Hätten wir etwas tun können, damit das nicht passiert?

In einer vollkommenen Welt hätten wir die immense Versiegelung des Bodens verhindert. Hätten für mehr Flächen gesorgt, wo das Wasser versickern kann. Hätten früher und mehr renaturiert. Hätten den CO2-Ausstoß reduziert. In einer vollkommenen Welt hätten wir vernunftbegabte Wesen das Richtige getan. Wir wussten und wissen ja, was gut ist. Ja, wir sollten unsere Verantwortung für Umwelt und Mitmenschen ernstnehmen. Klimaneutral wirtschaften, Infrastrukturen und Katastrophenschutz verbessern – um der Realität des Klimawandels gerecht zu werden.

Alles richtig – und dennoch rührt das Menschenmögliche an Grenzen. Mit der Flut ist das ‚Memento mori‘ beängstigend hereingebrochen in unser Leben. ‚Gedenke, dass wir sterben müssen‘. Davor fürchten wir uns. Doch es öffnet die Augen: Absolute Sicherheit ist eine Utopie. Es gibt sie nicht. Wer die Augen davor verschließt, wird blind für die Grenzen des Handelns. Und taub für alle Warnungen, egal mit welcher Technik. Dass wir verletzliche Wesen in einer begrenzten Welt sind, ist schwer auszuhalten. Die Frage nach den Schuldigen drängt diese Erkenntnis in den Hintergrund.

So wie es verführerisch ist zu sagen: ‚Die Natur schlägt zurück!‘ Als wäre die Natur ein Wesen. Doch die Natur ist keine schwarze Pädagogin des unvollkommenen Menschen. Sie ist, wie sie ist. Und wir sind verletzliche Wesen in einer begrenzten Welt. Kein Katastrophenschutz schafft die Katastrophen ab. Katastrophenschutz bedeutet, sich auf solche Unglücke einzustellen. Sie gehören zum Leben, aber sie schreien zum Himmel.

‚Himmelschreiend‘ ist keine Floskel, sondern sagt, dass ich genauso mit Gott reden kann: Zum Himmel schreien. Der Psalmbeter in der Bibel tut das und ich kann mir seine Worte leihen (Ps. 88, 2.8.10): Gott, ich schreie Tag und Nacht vor dir. (…) Ich bin wie ein Mann, der keine Kraft mehr hat. (…) Du bedrängst mich mit allen deinen Fluten. (…) Mein Auge sehnt sich aus dem Elend.

Wer so klagt, wirft Gott sein Unglück vor die Füße und sagt: ‚Du, Gott, hast mich verlassen, im Stich gelassen. Ich verstehe dich nicht. Ich kann es nicht.‘

Der Psalmbeter glaubt daran: Sein Zorn berührt Gottes Herz. Viele belächeln diese Vorstellung. Andere haben die Geschichte mit Gott beendet, haben sozusagen die Tür geschlossen und keine Erwartungen mehr. Doch manche setzen hinter ihre Klage ein Fragezeichen, das die Tür einen Spalt offenhält. Wie der Beter. Er hat die Hoffnung, dass Gott das Fragezeichen sieht: Gott, geht deine Geschichte mit mir weiter?

Wie hält man das aus, wenn man im Schlamm steht? Der Mann in der Eifel vor seinem zerstörten Haus sagt: Mir wird ein Käsebrötchen in die Hand gedrückt, es treibt mir die Tränen in die Augen. Meine Habseligkeiten aus dem Schlamm auf der Straße in die Presse des Müllwagens zu werfen, fällt nicht mehr ganz so schwer, weil wir es als Nachbarn gemeinsam tun. Weil es allen so geht.

Die Klage schreit zum Himmel – und verbindet zugleich mit ihm. Und das Käsebrötchen verbindet mit anderen auf Erden. Beides hilft auszuhalten, ein verletzliches Wesen zu sein. Die Toten zu betrauern. Langsam Atem holen. Klage und Käsebrötchen sind ein guter Anfang. Die Hochwasserhilfen helfen weiter. Und dann braucht es Mut für die richtigen Entscheidungen in der Politik. Für ein gutes Leben in einer gefährdeten Schöpfung.

Welche Entscheidungen könnten das sein? Diskutieren Sie mit, auf Facebook unter „Evangelisch im Deutschlandradio“.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

 

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