gemeinfrei via pixabay / Saipano
Schaf sein
Von wegen blöd!
11.08.2025 06:35
Schafe folgen treudoof ihrem Hirten. So das Vorurteil. Stimmt ja gar nicht! Sie sind eher wie Shaun das Schaf. Das wirft ein neues Licht auf die Hirte-Schaf-Bilder in der Bibel.
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Streckenweise liest sich die Bibel fast wie ein Handbuch für Schafzüchter. Jedenfalls hat man es dauernd mit Schafen zu tun. Abraham, Isaak und Jakob waren Viehzüchter und Vieh hieß damals Ziegen und Schafe. Auch König David war zunächst Schafhirte. Und was hüten die Hirten in der Weihnachtsgeschichte? Natürlich Schafe! In den Erzählungen der Bibel werden die Schafe und ihre Hüter zu jüdischen und christlichen Symbolen. Im vielleicht schönsten aller Psalmen ist das zu dem großartigen Bild von Gott als Hirten verdichtet:

"Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser."

Wenn man einen Text neben dem "Vater Unser" auswendig kennen sollte, dann ist es dieser Psalm 23. Mit ihm kann man leben und sterben. Und das kann man nicht mit vielen Texten.

Im Neuen Testament wird dann Jesus zum guten Hirten, der sein Leben lässt für seine Schafe. "Ich bin der gute Hirte", sagt Jesus im Johannesevangelium. Und Jesu Herde, das ist seine Gemeinde. Wir Christinnen und Christen, sind seine Schafe.

Mein Problem: Ich bin nicht gerne Schaf. Diese ständigen Schafs- und Hirtenbilder fühlen sich für mich an wie ein Wollpulli auf bloßer Haut. Er juckt, kratzt und scheuert und ich will ihn ausziehen.

Ich bin nicht gerne Schaf. Schafe sind dumm. Schafe sind blöd. Schafe sind langweilig. Sie sind so langweilig, dass man sie zählt, um einschlafen zu können. Da will ich kein Schaf sein! Und erst recht will ich kein Schaf sein in der Gemeinde und nur schlucken, was die Hirten da vorn oder die Hirten da oben sagen. Ich will kein Stimmvieh sein.

Jetzt denken Sie vielleicht, er ist ja auch kein Schaf, sondern ein Hirte. Ja, ich bin Pastor, Pfarrer. Dennoch passt mir das ganze Bild nicht. Denn das Hirte-Schaf-Bild ist undemokratisch und ihm fehlt jegliche Augenhöhe. Schafe führen kein selbstbestimmtes Leben. Sie folgen einem Leithammel und werden ständig gescheucht vom Hütehund oder vom Hirten. Sie dürfen eigentlich nie tun, was sie wollen.

Die neueste Forschung zu Schafen widerspricht mir. Inzwischen ist nachgewiesen, dass Schafe nicht dumm sind, sondern ziemlich intelligent. Sie können sich sehr gut Gesichter merken. Sie können sehr gut auf sich aufpassen und wissen, was ihnen guttut. Schafe seien entgegen der landläufigen Meinung "flauschige Intelligenzbestien". Das kann ich im Kopf wahrnehmen, aber noch nicht fühlen.

Flauschige Intelligenzbestien... Da fällt mir eigentlich nur ein Schaf ein, das dem nahekommt und mich mit dem Schafsein versöhnen könnte. Es ist ein fiktives Schaf, das so ganz anders ist als die anderen. Ich meine "Shaun das Schaf". Es ist ursprünglich und noch immer in der Sendung mit der Maus zu sehen. Und wo es U- und S-Bahnen gibt, begegnet einem Shaun inzwischen an fast jeder zentralen Bahnstation auf den Bildschirmen.

Shaun. Endlich ein Schaf, das nicht blöd ist, endlich ein Schaf, das Fantasie hat, das ausbricht, das etwas Anderes erleben will, wo das Leben nicht am Gartenzaun oder am Gatter und schon gar nicht auf dem Schlachthof endet. Shaun ist einer, der anstiftet; der alle aufwiegelt, wenn es sein muss. Einer, der gern Streiche spielt. Mit Shaun wird jeder Tag zum Abenteuer. Er erfindet das Leben und die Welt täglich neu und bringt mich zum Lachen.

Shaun ist ein widerständiges Schaf. Wenn der gute Hirte der Bibel solche Schafe gebrauchen kann, bin ich auch gern Schaf.

Es gilt das gesprochene Wort.

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