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Weil ein anderes Ja schon längst gesprochen ist
Radiogottesdienst aus der Bachkirche in Arnstadt mit Pfarrerin Juliane Baumann und Theologin Ulrike Greim
27.07.2025 10:05

Johann Sebastian Bach hatte in dieser Kirche seine erste Stelle als Kantor. Nach ihm wurde das Gotteshaus später benannt: die Johann-Sebastian-Bach-Kirche im Thüringischen Arnstadt. Von dort überträgt der Deutschlandfunk den evangelischen Gottesdienst am Sonntag, 27. Juli 2025, ab 10.05 Uhr, zu hören auch in MDR Kultur.

Wo Bach an der Orgel saß, spielt an diesem Sonntag der Kirchenmusiker
Jörg Reddin und gestaltet den Radiogottesdienst musikalisch. Es predigen Pfarrerin Juliane Baumann und Ulrike Greim, evangelische Theologin und Senderbeauftragte für den MDR.

Thema des Gottesdienstes ist die Taufe. Der Kirchbucheintrag zur Taufe von Johann Sebastian Bach ist kurz: März 1685, "Herrn Johann Ambrosio Baachen, Haußman, ein Sohn Sebastian getaufft". Bach wurde als neugeborenes Kind getauft. So wie viele Täuflinge bis heute kleine Kinder sind. Von Anfang an mit Gottes Liebe benetzt. Von klein auf in die weltweite Gemeinschaft von Christinnen und Christen hineingetauft – dieser Glaube verbindet sich mit dem Wasser der Taufe. Zu Gott gehören, das feiert der Radiogottesdienst mit Musik und Worten, Gebeten und Liedern. Wir hören von drei Menschen, was es ihnen bedeutet: Getauft zu sein. Und wir feiern gemeinsam mit den Hörerinnen und Hörern Tauferinnerung!

Die Johann-Sebastian-Bach-Kirche wurde Ende des 17. Jahrhunderts im Barock-Stil gebaut. Sie ist in Weiß und Gold gehalten. Erst später erhielt sie Bachs Namen. Sie verfügt über zwei bedeutende Orgeln: die Wender-Orgel von 1703 und die Steinmeyer-Orgel von 1913. Die Kirche wurde umfassend saniert und 2000 wieder eingeweiht. Sie ist ein Aufführungsort bei den Thüringer Bachwochen.

 
Lieder des Gottesdienstes:
1. EG 444, Strophen 1 bis 3, 5: Die güldene Sonne
2. Viele Menschen können viele Sachen 
3. EG.E: Ich sage ja zu dem, der mich erschuf
4. EG 209, Strophen 1,2 und 4: Ich möchte, dass einer mit mir geht
5. EG 564, Strophe 1: Komm, heil‘ger Geist
6. EG 421: Verleih uns Frieden gnädiglich
Predigt nachlesen:

I
Wir haben im Vorfeld noch eine Frau zu ihrer Taufe befragt. Folgendes hat sie uns erzählt:

"Die Taufe – das ist für mich das große Ja" erzählt sie. Im Gegensatz zu allen Neins, die sie bis dahin erfahren habe. Mega bewegend. So ein Gefühl: Ich bin gut, so wie ich bin."

In ihrer Erziehung, da war es anders, da hieß es: "Wenn du dich genug anstrengst, bist du gut." 

Dann war sie angesehen – gerade bei ihrem Vater. Erst einmal nichts Schlechtes, sich anzustrengen, weil man angespornt wird. Das funktioniert aber nur bis zu einem gewissen Grad, sagt sie. "Bei mir hörte es bei Physik auf. Spezialgebiet meines Vaters. Er ist selber später an seinem Anspruch ans Leben gescheitert. Hat es im Abschiedsbrief so gesagt: Gescheitert."
Ihr Vater nahm sich das Leben, da war sie 16. Das "Vater" in Vaterunser, das konnte sie lange nicht sprechen, weil sie so wütend war. Konnte es ihm 30 Jahre lang nicht vergeben, bis sie zusammengebrochen ist.

Ihre Familie, die hatte bis dahin mit Kirche nicht wirklich was zu tun gehabt. Das mit der Taufe – das wollte sie. Da war sie zwölf. Und das kam so:
"Eine aus meiner Klasse in der Grundschule hat Blockflöte gelernt. Da dachte ich: Ich will das auch. Der Unterricht war bei der Gemeindepädagogin. Meine Freundin ist hinterher immer noch woanders hingegangen, und hat gesagt: "Ach komm doch mal mit." So kam ich in die Christenlehre. Und bin geblieben. Ich bin so aufgelebt. Das war eine Gemeinschaft, die einfach nur gut ist. Da war Wärme und Freude, da war Musik. 

Gottes Ja – das ist so ein Gefühl. Ich hab das gespürt, dass jemand einfach so Ja zu mir sagt, dass mich jemand liebhat, weil mir so viele gute Sachen passieren. Das war zuhause nicht so. Da war auch Gewalt im Spiel."

Als Christenlehrerkind hat sie dann alle Nachteile der sozialistischen Schule erlebt. Die Lehrerin hat am Schuljahresende gesagt: "Du bist zwar Klassenbeste, aber ausgezeichnet wird der Zweitbeste, weil du zur Christenlehre gehst." Das ist schon ziemlich hart -  nicht nur für eine Grundschülerin.
Sie erinnert sich, wie sie mit der Christenlehre immer mal im Gottesdienst gesungen haben: "Ich habe einen Namen und ich bin getauft". Ihre Oma meinte dann: Das kannst du aber nicht mitsingen. Als sie es nach ihrer Taufe wieder gesungen haben, da hat sie es sehr stolz mitgesungen. Und sie erinnert sich noch genau an den Moment ihrer Taufe:

"Die Taufe – die war auf Burg Bodenstein. Da ist das so mit einem Taufengel, der oben hängt. Jemand kurbelt und der Engel kommt herunter und hält die glänzende Taufschale. Mit der Kanne wurde das Wasser hineingeschüttet: klares Wasser. Ich sehe noch die Gesichter der Paten, die mich liebhatten und um die Situation zuhause wussten.

Und wie das Wasser an meiner Stirn herunterlief und ich dachte nur: ‚Jetzt gehöre ich richtig dazu.‘ Als die Taufkerze angezündet wurde, dachte ich: Ey, da brennt ein Licht für mich, das hat nichts damit zu tun, was ich kann oder nicht kann. Dann habe ich meine Familie damit angesteckt. Die haben sich dann später auch alle taufen lassen. 

In der Familie meines Vaters galt das als Fluch: manische Depression. Es traf immer die Männer. Der Vater meines Vaters hatte sich auch das Leben genommen. Meine Mutter sagte immer zu uns Kindern: Einen von euch trifft es wohl auch. Tatsächlich hat es mich getroffen. 

Ohne dieses Ja, das mir mit der Taufe eingepflanzt wurde, ohne das wäre ich heute nicht mehr da, glaube ich.

Hätte ich ein Tintenfass gehabt, so wie Luther, hätte ich es manchmal geworfen. Für mich war es die Faust, mit der habe ich gegen den Türrahmen gestoßen: ‚Nee! Ich bin getauft!‘"

So hat sie es wütend und trotzig gesagt gegenüber dem Gefühl, schutzlos zu sein und machtlos. Die Taufe: Das ist für sie wie ein Schutzschild.

II
Und wenn ich nicht dazugehöre, könnte ein anderer sagen. Menschen, die nicht getauft sind, oder aber Menschen, die getauft sind, und sich trotzdem fremd fühlen in ihren Gemeinden. Und gelegentlich gehöre ich dazu. Denn das Idealbild einer funktionierenden Gemeinde – wo findet man das schon.
Da könnte man dann sagen: Ich freu mich ja für dich. Ich höre das gern. Aber es ist wie aus einem fremden Land.

Das Tor zur schönen Welt, in der sich alle lieb haben, in der ich respektvoll behandelt werde, in der ich da sein kann, wie ich nun einmal bin – das Tor ist zu. Ich weiß nicht einmal wie es heißt, dieses Tor: Dummheit, Boshaftigkeit oder Schicksal.

Oder – so könnte jemand sagen – ich bin einfach anders. Und das ist es. Das ist der Grund, weswegen ich mich ‚draußen‘ fühle. Queere Menschen höre ich das sagen. "Wir haben keinen sicheren Ort in euren Gemeinden". Und wir müssen das demütig hören. Und manche denken:

"Und wäre ich so wie die meisten, würde ich bestimmt dazugehören."
Wie unfassbar traurig ist das!

Aber es gibt so viele Gründe, sich draußen zu fühlen oder auch ganz praktisch ausgeschlossen zu sein. Wenn jemand im Rollstuhl sitzt oder an einer Depression leidet. Oder weil sie eine Frau ist. Oder aber Menschen, die keinen deutschen Pass haben. Dann: herzlich willkommen. Was stünde ihnen alles offen! 

Manche höre ich sagen: Wenn ich so wäre, wie die meisten, dann wäre das Tor zum leichten Leben auf. Dort scheint die Sonne. Dann – bestimmt dann würde ich dazugehören. Dann könnte ich auch fröhliche Lieder singen. Könnte hier sitzen und mich freuen, weil ich viele kenne und mag und die mich auch kennen und mögen. Und könnte hinterher beim Kirchenkaffee fröhlich mitschwatzen. Und es würde eine Einladung zum Mittagessen bei rausspringen.
Wenn – ja – wenn.

Dann würde Gott mich von allen Seiten umgeben und seine Hand über mir halten. Dann würde ich von seiner Hand gehalten sein, selbst wenn ich auf den Flügeln der Morgenröte wegfliehen würde vor aller Welt. Gott würde mich tragen. Bis ans Ende und darüber hinaus.
Super Idee.

Aber für viele ist diese Tür ist zu, der Riegel fest davorgeschoben.
Closed Society. 
Tja – s’est la vie. 
Wie furchtbar ist das, dass wir Menschen dieses Tor zu Gott mit unserer Borniertheit gleich mit verschließen!
Und wir christlichen Rest-Gemeinden bleiben unter uns. Was für ein Verlust!!

Und wenn ich nicht dazugehörte.
Die Bibel ist voll von Geschichten über Menschen, die nicht dazugehören. Adam und Eva denken nach und – zack – gehören sie nicht mehr zum Paradies. Kain erschlägt seinen Bruder, und Abel ist raus und – rums – auch Kain ist gezeichnet fürs Leben. Und so weiter.

Mal selbstverschuldet, mal fremd. Bei Josef sind es die eigenen Brüder, die ihn verraten und verkauft haben. 

Was wäre der Moment, der mich hereinholt? Was ist es, das Menschen die Tür aufmacht zu einer Gemeinschaft, zu echter Verbindung?

Bei Zachäus ist es Jesus schlicht mit dem Satz: Komm vom Baum herunter, ich will bei dir essen. So einfach ist das. Da sieht mich jemand und kommt zu Besuch. 
So einfach ist das?
Und selbst wenn ich mal ‚drin‘ war, gibt es tausend schlechte Gründe, rausgefallen zu sein.
Wer müsste mir die Tür aufmachen, damit ich dazugehören darf? Erstmals oder wieder.
Bist du das?
Oder sind Sie das?
Oder kann ich mir womöglich auch selbst die Tür aufmachen zum Glauben, zur Gemeinde, zu einer – wie auch immer gearteten Gemeinschaft? Einfach hingehen und mitmachen? 

Manchmal klappt das ja. Bei mir zuhause am Küchentisch. Oder in einem Kunst-Projekt mit Kindern, immer gern in einem Chor. Und im günstigen Fall sonntags in einem Gottesdienst. Wenn ich ahne, dass Gott groß ist. Dass sie die Liebe ist, die alles umfasst, auch und gerade alles Unvollkommene. Dass wir ihn ihr aufgehoben sind.  

Ich könnte dabei sein. Auch die komischen Lieder mitsingen. Im günstigen Fall die Atmosphäre verändern. Das Schreckliche beim Namen nennen, weil das auch den anderen hilft. Ich könnte aktiv werden und Räume schaffen, die so offen sind, wie ich es selbst brauche, um gut da sein zu können. Christentum als Mitmachreligion. Könnte mir gefallen. Ist keine Garantie, dass es gutgeht, aber eine Chance. Und meine Antwort. Mein Ja.

"Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du durch Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. Denn ich bin der Herr, dein Gott." Gottes Wort. Gottes Antwort. Gottes Ja.

Für mich klingt’s wie sein Widerwort – gegen alle Zweifel, gegen die Angst. Gott spricht es durch den Propheten Jesaja, lang ist’s her. Sein Wort ergeht an Menschen, die durch Krisen und Leid gehen. So wie ich auch manchmal. Nein, du sollst nicht untergehen und nicht ausbrennen. Ich bin’s, Gott! "Fürchte dich nicht! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen." 

Und wenn ich gerufen werde, dann will jemand eine Distanz zu mir überbrücken, dann stehe ich nicht unbedingt nah bei, sondern vielleicht etwas weiter weg. Wenn mich jemand beim Namen ruft, dann bin ich bekannt – und erkannt. Dann will jemand eine Beziehung zu mir herstellen. Das klingt schön! 

Wir haben gehört von welchen, die nicht wissen, ob sie dazugehören sollen und können, zu Gottes buntem Volk. Ob Gottes Ja auch ihr’s sein kann, und wie. Wir haben gehört von Anne und Christian, und wie sich mit der Taufe das Wort Gnade für sie anhört. Und von einer Frau, die durch Feuer gegangen ist und die das Wasser der Taufe durchs Leben trägt.

Gottes Ja ist längst gesprochen. Über alles, was war und ist und kommen mag. Denn: "Siehe ich bin bei dir, alle Tage! Bis an der Welt Ende." 

Amen

Es gilt das gesprochene Wort.
 

Informationen zur Bachkirche und zur Gemeinde:

Barock ist sie, schlicht in weiß und gold gehalten. Sie hat zwei Emporen plus Orgelempore, ist ein großer Saalbau mit hölzernem Tonnengewölbe. Errichtet 1676 bis 1683 als "Neue Kirche" auf den Grundmauern einer Bonifaciuskirche, die hier bis zum großen Arnstädter Stadtbrand stand. Erst später erhielt sie Bachs Namen, weil Johann Sebastian hier seine erste Stelle als Kantor innehatte. Die Bachkirche verfügt über zwei bedeutende Orgeln: die Wender-Orgel von 1703 und die Steinmeyer-Orgel von 1913. Die Kirche wurde umfassend saniert und 2000 wieder eingeweiht.

Seither finden zahlreiche Konzerte an beiden Instrumenten statt. Die Orgeln sind ein Magnet für hochrangige Organistinnen und Organisten aus aller Welt. 
Dank vieler Ehrenamtlicher kann die Kirche das ganze Jahr über für Touristen geöffnet werden. Die alljährlich stattfindenden Thüringer Bachwochen sind das größte Festival für Barockmusik Thüringens und verhelfen authentischen Bachstätten über die Landesgrenzen hinaus zu künstlerischer und touristischer Anziehungskraft. 

Ein Schwerpunkt des Gemeindelebens ist die Pflege der Kirchenmusik in vielfältiger Form, die durch Kreiskantor Jörg Reddin neuen Aufschwung genommen hat. Regelmäßige Kantatengottesdienste, Konzerte und Aufführungen bereichern das kulturelle Leben der Stadt.
Die Kirchengemeinde unterstützt die "Ökumenische Aktion Gastfreundschaft" und verteilt in der kalten Jahreszeit einmal wöchentlich Mittagessen an Bedürftige. 

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