Gemeinfrei via Fundus/ Hans-Georg-Vordran
Wie finde ich in der täglichen Reizüberflutung zu Konzentration und innerer Ruhe?
Cut
Die Schnipsel meiner Aufmerksamkeit
25.02.2026 06:35

Wie finde ich in der täglichen Reizüberflutung zu Konzentration und innerer Ruhe?

Sendung lesen:

Cut: Eben noch 6.30 Uhr-Nachrichten, Krieg, Leid, Weltpolitik. Dann Cut: Das Wetter. Und Cut. Morgenandacht. Mitten rein in die laufende Morgenroutine in der Küche, im Bad, im Auto. Zwischen "Warum sagt die Kaffeemaschine ausgerechnet jetzt: ‚Abtropfschale leeren?" und "Warum fährt denn der vor mir so langsam?!". Und Cut: Das Handy vibriert, eine Freundin schreibt.

Ziemlich viele Cuts. Ich bin noch gar nicht so richtig wach und bin schon zerrissen in hundert kleine Aufmerksamkeitsschnipsel.

Dazu gesellt sich leise noch ein anderes Gefühl. An der Oberfläche ist es Ärger. Ärger über mich selbst, dass ich meine Aufmerksamkeit so hin- und herreißen lasse. Aber unter dem Ärger liegt etwas anderes: Ist es Scham? Ich schäme mich, dass ich es offenbar einfach nicht schaffe, mich auf eine Sache nach der anderen zu konzentrieren. Stattdessen muss nur einmal die Türklingel, der Herd oder das Handy piepsen, und ich lasse mich sofort rausreißen aus meinem Tun.

Manchmal macht Ärger ja produktiv. Dann gibt er mir genau diesen kleinen Energie-Kick, den ich brauche, um etwas anzupacken. Aber mit diesem verschämten Ärger auf mich selbst ist das nicht so. Er ist nicht motivierend, eher ermüdend. Er lässt mich enttäuscht seufzen: "Ich bekomme es einfach nicht gebacken. Ich bin nicht strukturiert genug, nicht konzentriert genug."

Und mit jedem Mal, mit dem ich mir das sage, fühle ich mich noch ein bisschen unstrukturierter und zerrissener. Und je zerrissener ich mich fühle, desto weniger versuche ich überhaupt, meine Aufmerksamkeit zusammenzuhalten.

Aber es gibt etwas, das mir dabei hilft, mich zu sammeln. Jeden Tag um Punkt 12 Uhr passiert etwas, das mein Zerrissen-Werden zerreißt. Etwas, das mein Ständig-Unterbrochen-Werden unterbricht.

Es läutet.

Ich wohne und arbeite direkt neben einer Kirche. Jeden Mittag um 12 Uhr läutet dort eine Glocke. Eine nur. Ein einzelner Ton. Zuverlässig um Punkt 12 jeden Tag für etwa drei Minuten.

Der Effekt ist vergleichbar mit einer Lehrerin, die ein chaotisches Klassenzimmer betritt. Sie klatscht in die Hände und hat daraufhin für ein paar Sekunden die Aufmerksamkeit aller Anwesenden. Für ein paar Augenblicke schauen alle sie. Je nachdem, wie gut sie diese Aufmerksamkeit nutzt, kann sie sie halten oder verliert sie wieder.

Wenn die Mittagsglocke läutet, dann wirkt das bei mir so ähnlich. Für einen Augenblick sind alle meine zerrissenen Aufmerksamkeitsschnipsel bei der Glocke.

Ich realisiere, dass es 12 Uhr sein muss. "Der Morgen ist rum", weiß ich also. Er war zerrissen, er lässt sich auch nicht mehr kitten. Aber diese Glocke markiert einen möglichen Neustart. Der Mittag beginnt, und der könnte besser werden. Er ist noch unzerrissen. Noch ganz. Alles wär möglich! Die Glocke läutet weiter, ruhig, beharrlich.

Manchmal verliere ich die Aufmerksamkeit nach dieser Unterbrechung wieder. Ich schau dann kurz auf und werkel sofort wieder weiter. Aber an vielen Tagen schafft es die Mittagsglocke, meine Aufmerksamkeit zu halten. Das ist nichts, was ich selbst tue. Nichts, was ich schaffe. Das Läuten erfordert keine Reaktion von mir. Es ist kein Wecker, kein Timer, kein Handyklingeln. Die Glocke läutet nicht wegen mir, aber doch irgendwie für mich. 

Und ihr Ton verweist auf etwas außerhalb von mir selbst. Die Schallwellen breiten sich aus in die Stadt und in meine Wohnung und in den Himmel. Und meine Konzentration folgt ihnen. Oben in der Luft schwebt der Ton und mit ihm meine Aufmerksamkeit. Irgendwie über allem. So ein Ton ist nicht in den Kommentarspalten auf Social Media zu finden und auch nicht im Mailpostfach. Er versackt nicht im Klein-Klein. So ein Glockenton steht da drüber, schwebt in der Luft, auf halbem Weg zu dem, von dem ich glaube: Er hält alles Zerrissene zusammen.

Nicht wegen uns. Aber für uns.

Es gilt das gesprochen Wort.

Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!