Zu einem guten Leben gehört Haltung. Die ist nicht angeboren. Man muss sie sich erarbeiten.
Sendetext:
Wie geht gutes Leben? Ich meine: Mit Haltung. Einer Haltung der Wertschätzung, Aufrichtigkeit und des Mitgefühls seinen Mitmenschen und der Schöpfung gegenüber. Klingt einleuchtend, auch durchaus christlich, finde ich. Jesus gibt aber zu bedenken: Eine solche Haltung fällt einem nicht in den Schoß. Die muss man sich erarbeiten, sie ist nichts für Feiglinge. Deshalb braucht es Nachdenken, Kalkulation und gute Planung, um Haltung buchstäblich durchzuhalten.
Auf seinem letzten Lebensweg, vor seiner Kreuzigung in Jerusalem, erzählt Jesus dazu zwei Geschichten. Beide sind ebenso einleuchtend wie rätselhaft. Im Gleichnis vom Turmbau geht es um einen Bauherrn, für den es wichtig ist, die Kosten vorab zu überschlagen, damit er nicht am Ende mit einer Bauruine zum Spott der Umgebung wird. Im Gleichnis von einem kampfeslustigen König geht es um einen Herrscher, der sinnvollerweise erst einmal überlegt, ob er mit seinen Truppen dem Gegner gewachsen ist. Sonst ist es besser, sich um Friedensgespräche zu bemühen.
Mit Kriegsführung kenne ich mich nicht aus, ich leide nur darunter. Und ich hätte mir gewünscht, dass die Kriegstreiber vor einem jahrelangen, mörderischen Konflikt überlegt hätten, ob der Angriff wirklich alternativlos ist. Was das Bauvorhaben angeht: Wer, so wie ich, schon einmal einen Altbau renoviert hat, kann Jesus nur zustimmen. Ohne eine solide Finanzplanung, die mit unangenehmen Überraschungen rechnet, endet das Vorhaben im Fiasko. Soweit alles einleuchtend – aber was hat das mit Haltung zu tun?
Der Vergleichspunkt ist die Vorbereitung. Haltung ist keine angeborene Eigenschaft, sie muss entwickelt werden und braucht kluge Planung und Strategie. Haltung ist kein Sprint, sondern die Langstrecke, die Energie frisst. Ganz häufig stößt man auf Widerstände. Und: Haltung ist etwas ganz Zentrales. Bei den Beispielen, die Jesus nennt, geht es um viel. Um Leib und Leben, Hab und Gut. Und interessanterweise auch darum, sich nicht lächerlich zu machen.
Letztlich geht es um die Gefahr, sich selbst zu überschätzen. Sowohl der Turmbauer als auch der kriegslustige König stehen im Regen, wenn sie unklug handeln. Ja, sie sind dem Spott der anderen ausgesetzt. Das ist bei einer Lebenshaltung auch der Fall. Was kann ich mir leisten, worauf muss ich verzichten? Was muss jetzt, was kann später geregelt werden? Wer kann mich unterstützen?
Die Menschen, die sich gerade in den Unrechtsregimes dieser Welt für Wertschätzung, Aufrichtigkeit und Mitgefühl einsetzen, können dazu viel erzählen. Einige riskieren dafür sogar ihr Leben. Mich hat sehr bewegt, wie Alexander Nawalny vor seinem Tod bezeugt hat: Sein christlicher Glaube trägt ihn und schenkt ihm die Kraft, Haltung zu bewahren. Nawalny ist vergiftet worden. Und doch: Diese Haltung hat niemand töten können. Die trägt weiter.
Ich weiß nicht, ob ich diese Kraft und den Mut hätte. Haltung hat ihren Preis. Mag ich den zahlen?
Trotzdem bleibe ich dabei: Für gutes Leben brauche ich Haltung. Und zum Glück gibt es andere, die mit mir der Ansicht sind: Es lohnt sich, dass wir uns für Menschenrechte und Demokratie einsetzen und für die Schwächeren in der Gesellschaft.
In meiner Kirchengemeinde treffen sich Menschen seit vier Jahren jeden Mittwoch, treu und gewissenhaft, um für den Frieden zu beten. Manchmal, wenn meine Kraft wackelt, kann ich mich da anlehnen. Halt finden. Und Kraft.
Und Jesus selbst? Er hat Haltung bis zuletzt bewiesen. Dem Spott seiner Henker und der Leute, die bei seiner Kreuzigung zugesehen haben, zum Trotz. Weil Jesus seine Haltung durchgehalten hat, wurde sein Kreuz zum Halt für viele. Zum Zeichen, das Kraft schenkt und Mut, die eigene Haltung zu bewahren. Nicht für ein leichtes Leben. Aber für ein gutes Leben.
Es gilt das gesprochene Wort.
Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!