Der Mensch soll Gottes Schöpfung "bebauen und bewahren". Im Bebauen sind wir Menschen ziemlich gut. Beim Bewahren hapert es erheblich. Der jüngste Bericht zur Biodiversität nimmt die Wirtschaft in den Blick.
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Meine Brille war kaputt. Also musste ich letzte Woche zum Optiker. Eine Reparatur kam nicht in Frage, auch weil meine Werte schlechter geworden sind. Bis die neue Brille fertig war, musste ich mich ohne zurechtfinden. Ich trage schon mein Leben lang eine Brille. Insofern war das äußerst ungewohnt und teils erschreckend, was alles ich nicht gut wahrnehmen kann. Seit gestern habe ich die neue Brille. Ich sehe wieder nah und fern scharf - und auch in der Dämmerung wesentlich besser. Die Brille. Welch ein Geschenk! Welch eine menschliche Kulturleistung, die meiner unzureichenden Natur tagtäglich hilft!
Wie gehen Natur und Kultur, man kann auch sagen: wie gehen Mensch, Umwelt und Technik gut zusammen?
Die Frage beschäftigt die Menschheit von Anfang an. In den Schöpfungserzählungen der Bibel heißt es schon vor dreitausend Jahren: Und Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. (1. Mose 2,15)
"Bebauen und bewahren". Dieses Begriffspaar beschreibt bis heute das Spannungsfeld Mensch, Umwelt und Technik ziemlich treffend. Bebauen – das bedeutet, die Natur umformen für unsere menschlichen Zwecke. Bewahren heißt, die Natur schützen. Spätestens seit der industriellen Revolution haben wir die Waage massiv Richtung "bebauen" aus dem Gleichgewicht gebracht. Und das "Wir" waren lange die Industriestaaten. Inzwischen ist es praktisch die gesamte Welt.
Wie dringend wir energische Schritte zum Bewahren brauchen, stellen uns seit Jahren Klimakonferenzen und die Wissenschaft drastisch vor Augen. Und doch geraten die Fernziele zur Bewahrung oft aus dem Blick, weil die Maßnahmen des Bebauens viel konkreter und kurzfristig drängender erscheinen. Die Wirtschaft muss wachsen und der Umweltschutz hat das Nachsehen - um es mit einem Klischee zu benennen, das leider allzu oft stimmt.
Mit diesem Klischee will sich der Weltbiodiversitätsrat nicht abfinden. "Alle Unternehmen sind von biologischer Vielfalt abhängig", heißt es in dem neuen Bericht der Organisation, in der sich seit 2012 150 Länder zusammengeschlossen haben. Auf Dauer kann auch die Wirtschaft nicht bestehen, wenn sie weiter unser aller Lebensgrundlagen zerstört. Die Wirtschaft selbst ist auf diese Lebensgrundlagen angewiesen.
Sie kann aber bestehen und wachsen, wenn sie zusammen mit Politik und Gesellschaft umdenkt und die Natur in ihr Handeln einbezieht. Im Sinne der Schöpfungserzählung muss die Wirtschaft also das Gleichgewicht von Bebauen und Bewahren suchen und einhalten. Deswegen heißt der erste Kernsatz aus dem Bericht komplett: "Alle Unternehmen sind von biologischer Vielfalt abhängig, beeinflussen diese und können Akteure des positiven Wandels sein."
Der Erhalt der Artenvielfalt und letztlich der Lebensgrundlagen für Mensch und Tier braucht die Wirtschaft als Partnerin, damit das Bewahren gelingt. Nüchtern rechnet der Bericht vor: 2023 betrugen die globalen Finanzströme mit direkten negativen Auswirkungen auf die Natur etwa 7,3 Billionen US-Dollar. Demgegenüber flossen im selben Jahr nur 220 Milliarden Dollar in Aktivitäten, die auf Erhalt und zur Wiederherstellung der Biodiversität zielten.
Der Weltbiodiversitätsrat kommt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Er sucht die Partnerschaft, will gemeinsam mit Politik und Wirtschaft Steuerungsinstrumente weiterentwickeln, um die Umwelt und die Artenvielfalt zu erhalten. Also Bewahren und Bebauen!
Bei gefährlichen Arbeiten muss oft eine Schutzbrille getragen werden. Die ist verpflichtend. Bildlich gesprochen brauchen Politik und Wirtschaft ebenfalls zwingend eine "Natur-Schutzbrille". Die schützt nicht nur den Träger. Sie lässt auch schärfer sehen: die Nahziele des Bebauens genauso wie die Fernziele des Bewahrens der Natur.
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur dieser Sendung:
https://www.tagesschau.de/wissen/klima/biodiversitaet-rat-unternehmen-100.html
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