Gemeinfrei via Fundus/ Bern Christoph Matern
Jazz & Spirit
Und wenn dein Name, Gott, Freiheit wäre?
28.06.2026 08:35

Es muss nicht immer Bach sein im Gottesdienst. Es darf auch jazzen und bluesen. Unser Autor hat den Saxophonisten Uwe Steinmetz getroffen. Dessen Terrain sind die Goldadern zwischen Jazz und Spiritualität.

Sendetext:

Die Hamburger HafenCity ist nicht New York. Auch wenn ein paar Straßen hier so tun als ob. Die HafenCity ist eine Retortenstadt, mit Wucht in die Brachflächen des ehemaligen Freihafens gestanzt. Docklands. Viel Glas und helle Klinker, wenig Patina, noch weniger Grün. Ich bin verabredet mit Uwe Steinmetz. Steinmetz ist Musikwissenschaftler, Komponist und Saxophonist. Die Goldadern zwischen Jazz und Spiritualität sind sein Terrain. Hier in der HafenCity gibt es eine klitzekleine Kapelle, die ist tagsüber geöffnet. Sie liegt im Erdgeschoss des Ökumenischen Forums, das sowas ist wie die HafenCity-Kirche. Hier gibt Uwe Steinmetz einen Workshop.

In der Kapelle stehen keine 30 Stühle, kleiner Raum, erstaunliche Akustik. Ein guter Ort, um über Jazz und Spirit nachzudenken. Über Freiheit zu sprechen. Und über eine Musik, die an den Menschwerdungs-Geschichten der Bibel näher dran ist, als manche denken. Für mich auf jeden Fall. Wenn dein Name, Gott, Freiheit wäre – wie würdest du klingen? Und was würden wir singen? Was ich bei den ersten Tönen aus dem Tenorsaxophon noch nicht weiß: Wir werden eine Jazz-Messe miteinander feiern, spontan und in Fragmenten. Eine Ode an die Freiheit. Einen Gottesdienst in blue. 

Einer der schönsten Namen Gottes ist Freiheit. 

Ich denke an Adam und Eva. Die sich Gott "zum Bilde" erschuf. Als Mann und Frau. Als ein Spiegel dessen, was göttlich ist. Weibliche Seiten, männliche Seiten – und so vieles dazwischen. Adam und Eva stehlen sich aus dem Paradies. Sie wollen schwitzen und fühlen und Entscheidungen treffen. Sie nehmen ihr Leben in die Hand – und befreien Gott aus einer Existenz im Planquadrat. Das Kleinkarierte wird zu blütenweißem Papier: Platz für ein neues Kapitel.

Ich denke an das wandernde Gottesvolk. Einmal durch die große Wüste. Nicht dem Paradies, sondern dem gelobten Land entgegen. Befreit aus der Sklaverei, befreit aus teuer bezahlter Sicherheit. Und dann plötzlich blank sein – weil man Freiheit ja nie kann, sondern jeden Tag neu lernen muss.

Ich denke an Jesus, der mit ein paar Broten eine Kleinstadt satt bekommt. Jesus nimmt sich die Freiheit, mit nichts in den Händen die Wirklichkeit zu verändern. Sie zu erweitern. Er macht sich stark für eine, die Ehebrecherin genannt wird. Einem Gelähmten sagt er: Nimm dein Bett, steh auf und geh nach Haus. Herrlich verrückt. Den Sabbat, eigentlich der große Tag der Freiheit in der Woche, aber von manchen Übergenauen vollgestopft mit Vorgaben, befreit Jesus vom Gewicht toxischer Traditionen. Was wirklich wichtig ist, würde heute auf einen Bierdeckel passen: Eat. Pray. Love. Make Peace. Iss. Bete. Liebe. Mach Frieden.

John Coltranes Suite "A Love Supreme". Ein Psalm. Ein Glaubensbekenntnis des Saxophonisten, der mit seiner Musik vor allem eins wollte: to lift people up. Die Leute aufbauen. Manchmal passiert was. Wenn Menschen in Kirchen zusammenkommen und feiern. Uwe Steinmetz:

"Das ist eine Veränderung in der Seele, würde ich sagen. Der Komponist Oliver Messiaen hat mal gesagt, die Motivation für seine Musik sind (ist), Glaubensakte zu produzieren. Und das geht allen Jazzmusikern, die mich inspirieren, genauso. Die sind Überzeugungstäter, die machen das nicht, weil sie einen Kompositionsauftrag kriegen. Und die müssen das trotzdem machen, weil sie nach einer Einheit suchen zwischen ihrem Glauben und der Musik."

Es gibt Zutaten, die religiöse Erfahrungen möglich machen. Die Glaubensakte provozieren. Menschen und Orte, Klänge und Resonanzen, eine dünne Haut, der menschliche Durst nach Dialog und Teilhabe.

"Ich habe das Gefühl, dass ich diese Wir-Momente brauche. Ich gehe vereinzelt in den Gottesdienst und der Klang, das Hören, das macht mich zum Wir, zur Gemeinschaft mit den anderen Feiernden. Und das brauche ich, dafür gehe ich in Kirchen."

Ich bin ein Gottesdienst-Fan. Ich will mich verwandeln lassen. Von Kräften und Mächten, die ich nicht in der Hand habe. Lasse die Stimmen von Menschen an meine Haut, die anders sind als ich. So viele Lebensgeschichten an einem Ort gibt es sonst nur im Freibad oder auf dem Campingplatz. Im Gottesdienst bin ich umgeben von Menschen ohne Handy in der Hand. Meine Blicke gehen spazieren, auch ins Innere. Weil nicht alles Gold war in der vergangenen Zeit. Manches war Mist. Manches ist nicht gelungen. Wenn wir dann beten, geht es nicht um Schuldzuweisungen. Sondern darum, dass ich andere Quellen brauche, um die Baustellen in mir aushalten zu können. 

Ich rufe ins Universum, und ich rufe nicht allein. Wir möchten gehört werden – und ich glaube, dass auch Gott gehört werden will. Wenn Worte zu Stille werden und Töne zu Gesang, dann dreht sich was. Ich bin in einem Raum, der meine Widersprüchlichkeiten aushält.

Wir beten und wir singen – oft vibriert dann die Luft. "Everybody has the blues" hat Martin Luther King Jr. 1964 zur Eröffnung des Berliner Jazzfestivals geschrieben. Uwe Steinmetz liebt diese Worte:

"Everybody has the blues, everybody longs for meaning. Everybody needs to love and be loved. Everybody needs to clap hands and be happy. Everybody longs for faith. In music, especially this broad category called Jazz, there's a stepping stone towards all of these…"

"Jeder Mensch hat den Blues. Sehnt sich nach Sinn. Will lieben und geliebt werden. Möchte vor Freude in die Hände klatschen und glücklich sein. Jeder Mensch möchte auf etwas vertrauen. In der Musik, im Jazz, gibt es einen Weg dorthin…"

"Da ist alles drin, wir wollen Glück, wir wollen auch an was glauben, das hält uns zusammen als Menschen und die Hoffnung darauf, dass sich Sachen zum Besseren verändern, dass Heilung möglich ist und er identifiziert das ganz klar darin, dass Jazz eben diese ganzen Ausdrucksmöglichkeiten des Menschseins enthält und damit eben essentiell arbeitet. In dem Sinne ist Jazz gar keine Metapher, sondern ein Spiel mit dem Urmenschlichen, wie in der griechischen Tragödie, die man dann selber liest."

Zum Jazz gehören "Blue Notes". Diese gebogenen Noten, die die Seele in all ihren Nuancen vermessen. Zwischen Ups und Downs, Erfolgen und Pleiten, Trauer und Trost. Eigentlich nur der Spielraum eines Halbtonschritts. Trotzdem passt die ganze Welt hinein. 

"Jesus ist jemand, der zeigt auf die Wunden in der Gesellschaft oder trifft Menschen, die verwundet sind. Und dann passiert was mit denen. Und das ist schwer auszuhalten für uns, weil wir als Menschen natürlich in der Regel davorstehen und sagen, nee, das geht jetzt aber nicht. Also, hör mal auf, das ist ein bisschen zu viel. Und das alleine ist schon ein ganz starker Blues, würde ich sagen, aufzuwachen und zu merken, dass nichts perfekt ist und dass unser Leben fragmentarisch ist. Und das kann im Gottesdienst zwar seinen Platz finden durch Worte, Psalmen, Gebete, aber die Musik, die das integrieren kann, die sagt, hey, es gibt einen Dur-Akkord und da sind trotzdem ein paar Trübungen drin, das passt aber zusammen. Und deswegen ist Blues tatsächlich heute für viele wieder eine tiefreligiöse Musik."

Blue Notes sind klitzekleine Orte größter Freiheit. Improvisierte Momentaufnahmen des Jetzt. Nicht reproduzierbar. Und von berührender Aufrichtigkeit. Vielleicht macht diese hellwache Spontaneität Jazz für mich zur perfekten Kirchenmusik.

Uwe Steinmetz wird oft zurückgespiegelt,

"dass die Menschen, wenn sie Jazz in der Kirche hören, wahrnehmen, wow, die Leute hören ja ständig aufeinander, da steht kein Dirigent vorne – das heißt aber auch, dass es oft eine sehr kontemplative, eine ganz intensive, kraftvolle Stimmung ist, die entsteht."

Beim Improvisieren wirbelt Energie durch den Raum. Die spiegelt, was da ist. Erkennt an, was ist – aber auch das, was sein könnte. Zum Blues gesellt sich die Utopie. In großer Freiheit. Ein lebendiger, durstiger Dialog. 

Jazz verbindet. Live und spontan. Darum gehört er für mich in die Kirche. Jazz verbindet die Musizierenden untereinander, die hinhören und ins Risiko gehen. Verbindet die Menschen im Raum, die zu Klangkörpern werden. Mensch und Gott, die einander in Frage stellen.

In Kirchen sagen wir zu Beginn, in wessen Namen wir zusammen sind. Wir labeln diese heilige Zeit. Es geht um Gott, Jesus und Geist – und um uns Menschen mit den bunten Seelen und wilden Herzen. Uwe Steinmetz spricht noch von einer anderen Dreiheit: von Feuer, Wahrheit und Gebet. 

Es ist zum einen wirklich auch eine Energie, die nicht verlöschen kann, der man begegnet. Das, denke ich, kennen alle, die meditieren, oder alle, die Gotteserfahrungen machen. Dass Feuer dafür ein guter Ausdruck ist, weil da etwas weitergeht.

Im ersten Teil der Bibel ist Gott oft im Feuer zu finden. In der Hitze, im gleißenden Licht. Gott zeigt sich Mose in einem brennenden Dornbusch. Nah, aber niemals zu nah. Wer Gott begegnet, dem geht es unter die Haut. 

"Das andere ist die Idee, dass das, was da ist, eben wahrhaftig ist und eine Wahrheit ist, die nicht unbedingt von rationalen Sachen, sondern eben von Glauben bestimmt wird. Aber das verlangt dir selber eben was ab. 
Und das dritte ist das Gebet. Das ist dann letztlich diese sich öffnende und kontemplative Haltung, das Hinhören auf dich selber und auf das, was sozusagen gerade ansteht und was gebraucht wird."


Wenn Musik und Worte unser Dasein aufbrechen, geht mir das Herz auf. Ich möchte das Feuer spüren, ich möchte um Wahrheit ringen und Verbindung aufnehmen im Gebet. Ich möchte eine Gänsehaut kriegen. 
Es reichen ein paar Töne – und plötzlich ist Jesus mit im Raum, hier in der kleinen Kapelle in der Hamburger HafenCity. "Gottes Geist ist auf mir", liest Jesus aus den alten Schriften vor. "Hat mich gesalbt, zu verkündigen das Evangelium den Armen. Und mich gesandt, den Gefangenen zu predigen, dass sie frei sein, und den Blinden, dass sie sehen sollen."

Uwe Steinmetz spielt ein Agnus Dei, ein Stück aus der Abendmahlsliturgie. Wenn wir Gottesdienste feiern, dann essen wir auch. Erinnern uns an das letzte Abendmahl und setzen uns zu Jesus an den Tisch. Dieser Abend geht nicht gut aus. An diesem Abend bricht die irdische Existenz von Jesus in Stücke. Jesus steht ein für seine Worte. Läuft nicht weg. Mehr Wahrheit geht nicht. 

Am Ende der Segen. "Gott segne dich und behüte dich." Das ist mehr als ein Wunsch, eine Art Zauberformel. "Gott lasse leuchten das Angesicht über dir und sei dir gnädig." Das ist wie eine Brücke, zurück in den Alltag. "Gott erhebe das Angesicht auf dich und schenke dir Frieden."

"Das ist das Erlebnis, was viele aus Gottesdiensten, wenn sie gelingen, mitnehmen, dass sie im Alltag sich ein Stück gestärkt fühlen, bestärkt fühlen in ihren Überzeugungen, die eben Glaubensakte sind. Das Lebensgefühl, dass es etwas gibt, was uns weiterbringen kann als der Alltag."

Ich gehe anders, als ich gekommen bin. Aufgeladen. Einsichtiger mit mir und hellsichtiger mit Gott. Verbunden und frei. Ich kann nicht anders – und kremple die Ärmel hoch.

Es gilt das gesprochene Wort.

Musik dieser Sendung:
1. Soundcheck (Saxophon)
2. Improvisation, (Saxophon)
3. John Coltrane: Psalm
4. Kyrie, (Saxophon)
5. Kyrie
6. Intro Over the Rainbow (Saxophon)
7. Over the Rainbow
8. Intro Agnus Dei (Saxophon)
9. Agnus Dei
10. Worksong (Saxophon)

Sendungen von Pastor Matthias Lemme