400 Kilometer für Gerechtigkeit

Wie echter Mut zum Protest aussieht, zeigt die Opposition in der Türkei
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Alle reden über die brutalen Ausschreitungen beim G20-Gipfel. Die Krawallmacher in Hamburg haben es sich einfach gemacht. Schwarz vermummt sind sie durch die Straßen gezogen, haben randaliert und behauptet, das wäre Protest.

 

Was echter Protest ist, das haben am letzten Wochenende ganz andere gezeigt. In der Türkei sind Hundertausende auf die Straße gegangen und haben gegen die autoritäre Politik von Erdoğan demonstriert. Nicht schwarz vermummt wie die Randalierer in Hamburg, sondern viele mit weißen Mützen und weißen Schildern in der Hand. Auf den Schildern stand nur ein Wort: Adalet. Auf Deutsch: Gerechtigkeit. Sie haben ihr Gesicht gezeigt für Gerechtigkeit in ihrem Land. Seit dem Putschversuch gegen Erdoğan vor einem Jahr wurden mehr als 50 000 Menschen ins Gefängnis geworfen. Über 100 000 wurden aus dem Staatsdienst entlassen – meist ohne Begründung und ohne Einspruchsrecht. Wer in der Türkei gegen Erdoğan protestiert, weiß, was er riskiert. Dass es jetzt trotzdem Hundertausende getan haben, das nenne ich echten Protest. Das ist echter Mut und Einsatz für Demokratie und Gerechtigkeit.

 

Kemal Kılıçdaroğlu heißt der Mann, der diese vielen Menschen mobilisiert hat. Er ist der Oppositionsführer im türkischen Parlament. Am Anfang hat ihn kaum jemand ernst genommen. Er hatte verkündet: Aus Protest gegen die Inhaftierung von Journalisten, Politikern und Professoren geht er zu Fuß von Ankara bis nach Istanbul. Ein langer Weg, über 400 Kilometer, und der 68-jährige ist zwar schlank, aber nicht besonders sportlich. Doch er marschiert los. Nur ein paar Hundert Menschen laufen mit, bei fast 40 Grad auf der Landstraße. Einer, der die ganze Strecke mitgemacht hat, sagt: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich bis zum Ende durchhalte. Aber Kılıçdaroğlu ist jeden Morgen voll Energie aufgebrochen. Das hat uns motiviert.“

 

Am vergangenen Sonntag erreichen sie Istanbul. Und da sind aus den wenigen viele geworden, mehrere Hunderttausend. Kılıçdaroğlu sagt: „Wir sind für Gerechtigkeit marschiert, für die Rechte der Unterdrückten, für die Abgeordneten im Gefängnis, für die inhaftierten Journalisten, für die Universitätsmitarbeiter, die ihre Jobs verloren haben.“ Die Demonstranten wollen kein Ein-Mann-Regime, sondern echte Demokratie. Gerechtigkeit, nicht zuletzt auch für Deniz Yücel und Mesale Tolu, die inhaftierten deutschen Journalisten.

 

Es gibt sie also doch, die andere Türkei, die für Demokratie auf die Straße geht. Und die zeigt: Mut und Stärke beweist man nicht, indem man Schaufenster einwirft oder Autos in Brand steckt. Echten Mut und echte Stärke hat, wer Gesicht zeigt und für die aufsteht, denen Unrecht getan wird. Die Mächtigen dieser Welt kann man ganz friedlich mit einem einfachen Fußmarsch nervös machen.

 

Sich für Gerechtigkeit einzusetzen, das ist zäh. Dafür muss man hartnäckig sein. Mich beeindruckt, dass Kılıçdaroğlu weitergelaufen ist, auch wenn es am Anfang nur wenige waren, die ihn unterstützt haben. Diesen Mut brauchen in der Türkei zurzeit viele. Auch viele Christen in der Türkei brauchen täglich Zivilcourage, um sich nicht vertreiben zu lassen. Gerade erst hat der türkische Staat mehr als 50 Kirchen, Klöster und Friedhöfe der aramäischen Christen im Südosten beschlagnahmt und der Religionsbehörde Diyanet unterstellt.

 

Nicht dreinschlagen, sondern dranbleiben, hartnäckig sein, so beschreibt die Bibel Menschen, die für Gerechtigkeit kämpfen. Jesus erzählt von einer Witwe, die immer wieder zu einem ungerechten Richter geht und von ihm fordert: „Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!“ (Lukas 18,3) Der ungerechte Richter weigert sich. Doch die Witwe hört nicht auf, kommt immer wieder und fordert: „Schaffe mir Recht!“ – bis der Richter tatsächlich für Gerechtigkeit sorgt. Ein langer Weg. Aber ich glaube, so geht Protest für Gerechtigkeit – friedlich, aber hartnäckig.

 

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30.06.2017 06:35