Wie ein Baum

Wort zum Tage

Ein Mann kam zu mir, verzweifelt, mit vielen Fragen. Seine erste Frage war: „Wie soll ich denn Geburtstag mit den Kindern feiern?“ Denn ihre Mutter, seine Frau, lag im Krankenhaus im Sterben und er konnte es nicht akzeptieren, dass sie ihn und die beiden Kinder zurücklassen würde. Er hat mir übrigens erlaubt, von ihm zu erzählen. Seinem Selbstbild nach war er ein starker Mann, der seiner kranken Frau immer wieder Mut gemacht hat; der immer nach besseren Therapiemöglichkeiten gesucht hat; der nie aufgeben wollte. Wenn sie mit ihm darüber sprechen wollte, dass sie sterben werde, wurde er wütend. Wütend auf sie, dass sie sich so gehen lasse, wie er es damals sah. Aber auch wütend auf Gott, der das alles zuließ. Nicht zuletzt wütend auf sich selbst, dass er ihr nicht helfen konnte. Für ihn als Ehemann war klar: ‚In guten wie in schweren Tagen‘. Er sah es als seine Aufgabe an, seine Frau möglichst vor allem zu beschützen.

 

Als er dann keine Kraft mehr hatte, konnte er es sich nicht eingestehen. Wenn er sich kurz aus dem Zimmer im Krankenhaus wegstahl, um einen Kaffee zu trinken, hatte er ein ungutes Gefühl. Er fürchtete, sie könnte gerade jetzt, wo er nicht da war, ins Koma fallen, und er würde nie wieder mit ihr sprechen können. Unendlich schwer war es für ihn zu akzeptieren, dass er schon längst tief erschöpft war. Und wie weh ihr Verlust tun würde, wie schmerzlich es für ihn jetzt schon war.

 

Aber schon das auszusprechen, nahm der Verzweiflung etwas von ihrer Kraft weg. Ganz langsam veränderte er sich. Mitten in der Traurigkeit ließ er auf einmal gute und tröstende Worte an sich heran, von seiner Frau, von seinen Kindern. Am wichtigsten, so glaube ich, war ihm, dass er mit seinen Kindern wieder sprechen konnte, auch über ihre Mutter, und wie es ihr geht, und dass er traurig ist, und sie auch traurig sein dürfen. Dass sie aber auch fröhlich sein dürfen und nicht jeden Tag denken, sie dürften es nicht sein, weil ihre Mutter so krank ist. Und dass ihre Mutter sich das wünscht, dass sie trotzdem auch fröhlich sind.

 

Irgendwann entdeckte dieser Mann für sich, dass Gott weder das Leiden will noch es wegzaubert. Sondern selber in seinem geliebten Sohn Jesus gelitten hat, der weiß, wie verzweifelt man im Leid sein kann. Er konnte sich wieder an Gott wenden, ihn um Hilfe bitten, ihm auch alles klagen, was ihm im Herzen Kummer machte.

 

Der Glaube, sagt eine afrikanische Weisheit, ist ein Baum. Er wächst in der Wüste, in der Hoffnung, dass Gott den Regen schickt. Vergeblich zuweilen. Oft ist es so. Aber manchmal – manchmal findet der Regen den Baum. Manchmal findet ein göttliches Wort das Herz eines Menschen, tröstet und gibt innere Stärke.

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