Wo Gott wohnt

Wort zum Tage

Gott wohnt, wo man ihn einlässt. So heißt es in den Erzählungen der Chassidim, der jüdischen Weisen, die der Philosoph Martin Buber nacherzählt hat. Gott wohnt, wo man ihn einlässt. Aber wo soll das sein? In den Kirchen, in den Gemeinden, die sich in Gottes Namen versammeln? Und wie zeigt sich das? Die christliche Gemeinde ist keine Insel der Seligen; das war sie nie und wird sie auch nie sein. Keine Gemeinschaft – ob sie nun eine religiöse Gemeinde ist oder die eigene Familie – ist eine perfekte harmonische Idylle, und wenn man das von ihr erwartet, überfrachtet man sie mit Erwartungen, unter denen sie nur zusammenbrechen kann.

 

Aber manche Gemeinden bemühen sich erst gar nicht. Wie in der Geschichte von dem Schwarzafrikaner in Südafrika nach dem Ende der Apartheid, der wünscht, in eine weiße Kirchengemeinde aufgenommen zu werden. Der Pfarrer ist reserviert. „Tja“, sagt er schließlich, „ich bin nicht sicher, Mr. Jones, ob es unseren Gemeindegliedern recht wäre. Ich schlage vor, Sie gehen erst einmal wieder nach Hause und beten und warten ab, was Ihnen der Allmächtige dazu zu sagen hat.“ Einige Tage später kommt Mr. Jones wieder. „Ich habe Ihren Rat befolgt“, sagt er zum Pfarrer. „Ich sprach mit Gott über die Sache, und er antwortete mir: ‚Mr. Jones, sagte Gott zu mir, bedenke, dass es sich um eine sehr exklusive Kirchengemeinde handelt. Du wirst wahrscheinlich nicht hineinkommen. Ich selbst versuche es schon seit vielen Jahren, und bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen.“

 

Gott wohnt, wo man ihn einlässt. Ein beinahe unglaublicher Gedanke: Wie soll Gott Raum finden in uns angesichts vieler Wünsche und manchem Eigensinn? Da ist so viel, was uns von ihm trennt. Aber wo Gott wohnt, verschwindet das Trennende. Und wo das Trennende gesucht wird – ob zwischen den Menschen und Gott oder zwischen den Menschen – da kann Gott nicht wohnen.

 

Gott wohnt da, wo sich Menschen einlassen, auf ihn und aufeinander. In der Bibel wird das Haus, in dem Gott gerne wohnt, als ein dynamisches Gebilde beschrieben, sozusagen als ‚Work in Progress‘, wenn es dort heißt: Ineinandergefügt wächst der heilige Tempel Gottes (Eph.2). In der Architektur der Wohnung Gottes werden die Steine, also wir Menschen, ineinandergefügt, sofern wir es zulassen! Ich finde, das lehrt Bescheidenheit: Gott ist der Erbauer, Jesus das Fundament. Der ganze Bau hängt also nicht an uns, nicht an mir. Aber es lehrt auch Verantwortung: An mir hängt es, ob ich selbst mich in ihn einfügen lasse. Dann ist die Antwort auf die Frage, wo Gott wohnt, einfach und klar: wo Menschen – so unterschiedlich, so gegensätzlich, so widerborstig wie sie halt sind – sich ineinanderfügen lassen, da wohnt Gott.

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