Verpasste Chancen

Pfarrer i.R. Alfred Buß

Das Wort zum Sonntag: 01.07.2017

Sprecher: Alfred Buß, Unna

Thema:  Verpasste Chancen

Fünftes Schuljahr am Gymnasium. Englisch für Anfänger. Ich übersetzte: Der Polizei regelt den Verkehr. Die Klasse johlte. Ich wusste nicht, warum. Das Wort „Polizist“ kannte ich nicht. Unsere Familie sprach Platt, nur wenig Hochdeutsch. Für mich war ein „policeman“: „Der Polizei“. Als sei ich auf einem anderen Stern gelandet – so erlebte ich das Gymnasium. „Haste Schiß?“ fragte ein Mitschüler. Klang unanständig – ich verstand nicht, was er meinte. Das kam dieser Tage in mir hoch, jetzt, wo es wieder Zeugnisse gibt.

Bis heute geht es vielen Kindern so. Stammen sie aus bildungsfernen Milieus oder anderen Kulturen, so ist die Schule oft ein krasser Bruch mit ihrem bisherigen Leben. Plötzlich werden Fähigkeiten und Verhaltensweisen verlangt, die es in ihrer Kindheit gar nicht gab. Es mag banal klingen: Pünktlich sein, morgens frühstücken, alleine lesen. So verkümmern manche Talente.

Diese Erfahrung hat mich zu einem leidenschaftlichen Verfechter gemacht für Bildungsgerechtigkeit. Jeder Mensch ist von Gott begabt, hat besondere Fähigkeiten und Talente. Davon bin ich überzeugt. Damit sie auch geweckt werden, müssen alle Bildungszugang haben.

Bildungsgerechtigkeit ist ein altes Thema: „Wie kann man es verantworten, dass man die Leute bisher in so großer Unwissenheit und Dummheit gelassen hat? Mein Herz blutet, wenn ich diesen Jammer erblicke“, schrieb Philipp Melanchthon, ein Mitstreiter Luthers, schon vor 500 Jahren, als er die verbreitete Unwissenheit in den Gemeinden erlebte. Später wurde Melanchthon Praeceptor Germaniae genannt – Lehrmeister Deutschlands. Mit ihm wurde die Reformation zu einer großen Bildungsinitiative. Sie forderte die allgemeine Schulpflicht und führte zur Gründung zahlreicher Universitäten. Bildung sollte nicht länger Wenigen vorbehalten bleiben. Alle sollten Zugang dazu haben, unabhängig von Herkunft und Stand.

Das gilt immer noch. Kinder müssen von Beginn an gezielt gefördert werden, damit ihre Herkunft nicht auch ihre Zukunft bestimmt.

Eine Schulleiterin brachte es auf den Punkt: Gerecht ist nicht, wenn alle Kinder einen Apfel pflücken dürfen, sondern wenn der Zwerg unter ihnen eine Leiter bekommt. Wie wahr!

Freilich füge ich hinzu: Die Langen unter ihnen dürfen auch nicht auf die Leitern warten müssen. Sie brauchen ja keine. Dafür werden beim Erdbeerpflücken die Zwerge schneller sein. Bildungsgerechtigkeit strebt danach, Defizite auszugleichen, den unterschiedlichen Gaben gemäß.

Wird einem Kind etwas zugetraut, so weckt das Begabungen und Talente. Leitbild der Reformatoren waren mündige Menschen und mündige Gemeinden.

Und doch warnte Melanchthon vor zu großer „Manchfeltickeit“, vor zu viel Wissensstoff. Wissen ist wichtig. Heute mehr denn je. Aber wichtiger noch ist ein verantwortlicher Umgang damit. Zum Wissen gehört das Gewissen – die Orientierung. Christenmenschen sollen Gottes Wort hören, sich ihres Verstandes bedienen und in Glaubensdingen auskunftsfähig sein. Wo kommen wir her, wo gehen wir hin, was sollen wir tun, was müssen wir lassen, worauf dürfen wir hoffen? Vielleicht gehen auch Sie diesen Fragen nach – dazu wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag!

 

 

 

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