Zwischen Kinderbibel und Kriminalroman

Aus dem Leben des Buchautors Gerald Hagemann
Am Sonntagmorgen

Über die Sendung

Schon als Junge wollte er „später mal Bücher schreiben“. Der Lehrer fand ihn untalentiert, die Eltern rieten ab, aber Gerald Hagemann hat an sich geglaubt. Nun schreibt er Bücher, in denen Tod und Leben, Pfarrer und Mörder, Goldschmiedekunst und die Kunst der Verbrechensaufklärung, Humor und Jesus nebeneinander ihren Platz haben. Eine reizvolle Kombination, die Erfolg hat.

 

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Wenn man über Gerald Hagemann etwas im Internet liest, dann zum Beispiel: Jahrgang 1971, Autor, Kriminalhistoriker, Goldschmiedemeister, Hersteller von Zauberrequisiten und Mitglied des Magischen Zirkels. Er liebt Sherlock Holmes, Agatha Christie und den makabren angelsächsischen Humor.

Gerald Hagemann lebt mit seiner Familie in Ostwestfalen in einer sehr alten Stadt. – Also hier in Lemgo. Herzlich willkommen, Herr Hagemann!

 

Gerald Hagemann: Vielen Dank!

 

Wenn Sie diese biographischen Notizen über sich hören, wie gefällt Ihnen das? Ist das richtig?

 

Gerald Hagemann: Das gefällt mir sehr gut und es versetzt mich manchmal sogar ein bisschen in Erstaunen. Ich habe einen Kollegen, der hat mal gesagt: Als ich deine Biographie das erste Mal gelesen habe, habe ich gedacht, das ist doch alles ausgedacht. – Ja, das denke ich manchmal selbst, aber es stimmt tatsächlich alles.

 

Und wie kommt das zusammen: Goldschmiedemeister, Kriminalhistoriker und Autor?

 

Gerald Hagemann: Autor bin ich geworden, weil es ist einfach die schönste Sache, die es gibt im Leben für mich. Ich habe schon als Kind geschrieben, ja, und freue mich, dass ich das heute beruflich machen kann. Und Sprache fand ich immer sehr, sehr schön, und das Bedürfnis, Geschichten zu erzählen, war einfach da.

Ich hab als Kind auch schon relativ früh Agatha-Christie-Verfilmungen mit Margaret Rutherford gesehen und die alten Sherlock-Holmes-Filme und diese ganze Stimmung, Atmosphäre hat mich einfach begeistert.

Diese ganze Stimmung, Atmosphäre hat mich begeistert und ich wollte sowas auch machen. Und dann kamen die Geschichten aus mir raus. Wo die herkamen, keine Ahnung, das ist wahrscheinlich die Inspiration, die Geschichte kommt und man schreibt sie dann nur auf und sucht nach den guten Wörtern, mit denen man die dann beschreiben kann.

 

Hans Zimmer, ein Filmkomponist, der schon Oscars gewonnen hat, erzählt davon, dass er als Junge immer schon Melodien im Kopf hatte zu Bildern, die er gesehen hat. Und er sagte: „Ich war der einzige, der sich gequält hat, diese Melodien in Noten zu schreiben.“ Bis seine Schwester mal zu ihm gesagt hat: „Ich hab gar keine Melodien im Kopf.“ Da hat er überhaupt erst verstanden, dass er da so ein talentierter Mensch ist.

 

Gerald Hagemann: Ja, das kann ich nachvollziehen. Also, ich habe natürlich nicht geglaubt damals, dass ich ein besonders talentierter Mensch bin, aber ich habe immer diese Geschichten im Kopf gehabt. Es gibt auch eine interessante Begebenheit, da war ich in der dritten, vierten Klasse und wir hatten nach den Sommerferien die Aufgabe von der Lehrerin bekommen, eine Art Aufsatz zu schreiben darüber, was wir in den Sommerferien gemacht hatten. Und, ja, ich hatte in den Sommerferien ganz viel gemacht: Ich war mit dem Hubschrauber geflogen und ich hatte mit meinem Bruder eine Fernsehshow – damals war ja Rudi Carrell ganz groß und wir hatten natürlich auch eine Fernsehshow und hatten Gäste – und all diese Dinge habe ich in diesen Aufsatz geschrieben, weil sie natürlich stattgefunden haben in meiner Fantasie. Und ja… und dann hat unsere Lehrerin, als sie das gelesen hat, gesagt: „Du bist ein Lügner! Das stimmt alles nicht, was da drin steht.“

 

Aha, und wie ist Ihnen das damit gegangen? Es gibt ja auch so eine Formulierung: Wahrheit ist nicht das, was passiert ist, sondern, was stimmt

 

Gerald Hagemann: Streng genommen war das natürlich gelogen, weil das meiste ausgedacht war. Aber was hätte ich schreiben sollen!? „Ich habe da in der Sonne gelegen und ich habe ein bisschen gespielt und dann sind wir zur Oma gefahren...“ Die Geschichten waren ja tatsächlich passiert – in  meiner Fantasie, für mich war das in gewisser Weise eine Wahrheit. Von daher habe ich auch nicht die Unwahrheit aufgeschrieben. Das wäre ja auch so, als wenn man sagen würde: Was man im Fernsehen sieht, nur weil es im Film ist oder weil es eine Zeichentrickserie ist, ist nicht die Wahrheit, das ist gelogen, nur weil es ausgedacht ist.

 

Und jetzt – allen Erwachsenen-Urteilen zum Trotz – haben Sie nun doch schon Bücher veröffentlicht…

 

Gerald Hagemann: Ja, da staun ich selber auch sehr drüber, aber das hat damit zu tun, dass ich eben immer an mich selber geglaubt habe. Im Jahr 2000 kam mein erstes Buch raus – das war noch ein unterhaltsames Sachbuch: „London von Scotland Yard bis Jack the Ripper“. Das war ein Führer durch London. Und das ganze so ein bisschen humorvoll verpackt, weil ich liebe den dunklen britischen Humor, es ist einfach der beste der Welt.

Den ersten Verlagsvertrag zu unterzeichnen, das war unglaublich! Als ich dann den ersten Roman verkauft hatte, da hatte ich schon eine Agentin, die sich gekümmert hat. Und… ja, der erschien damals bei Goldmann. Und Goldmann ist für jeden Autor, der veröffentlichen möchte, ein Verlag „das erreicht man nicht, das schaffen immer nur die anderen“, und ich hatte es doch geschafft.

 

Der Schauspieler Jürgen Vogel hat mal in einem Interview gesagt: „Ja, natürlich hatte ich Talent und war auch gut, aber man kann nicht sagen, man ist selbst der Beste und deswegen kommt man soweit, man hat auch Glück.“

 

Gerald Hagemann: Ja, Glück spielt auf jeden Fall eine ganz wichtige Rolle dabei. Wenn man Talent hat, dann bedeutet das nicht unbedingt, dass man damit auch erfolgreich ist, das Quäntchen Glück gehört dazu, dass irgendjemand irgendjemand kennt.

 

Wenn man unter Gerald Hagemann im Internet guckt, dann findet man sieben Bücher unter Ihrem eigenen Namen: Krimis und eine Kinderbibel. Wie kommt das denn?

 

Gerald Hagemann: Ja, das ist erstaunlich. Bei der Kinderbibel war es so, dass mich ein Verlag gefragt hat, ob ich mir vorstellen könne, eine Kinderbibel zu schreiben. Und ich sagte spontan erst mal ja. Als ich mit meiner Frau dann darüber sprach, die Religionslehrerin ist, hat die mich angeguckt und hat gesagt: „Wie willst du das denn machen?“ Weil... im Familienkreis gelte ich nicht unbedingt als Vorzeige-Christ. Ich sehe mich selber auch als Christ, aber ich gehe eben nicht jeden Sonntag in die Kirche.

Und warum sollte ich mich nicht mit der Bibel gut genug auskennen, um eine Kinderbibel zu verfassen!? Vor allen Dingen mag ich gerne Kinder, habe  dann selber mal wieder angefangen, ein bisschen in der Bibel zu lesen, und dann habe ich eben diese Geschichten nacherzählt.

 

Und was hat Ihnen bei der Kinderbibel am meisten Spaß gemacht?

 

Gerald Hagemann: Das Schreiben hat mir ja ohnehin Spaß gemacht. Besonders großartig fand ich: Nachdem ich die Bibel gelesen hatte, stellte ich fest – was mir im Grunde ja auch schon immer klar gewesen ist: dass die Werte, die die Bibel vermittelt, auch meine sind.

 

Sagen Sie mal einen der Werte! Oder wo Sie dachten: Genau! So ist es als Christ.

 

Gerald Hagemann: Dass wir uns zum Beispiel nicht über den anderen stellen sollen. Da gibt's diese ganz wunderbare Geschichte, in der Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht und sie sich sträuben und sagen „um Gottes Willen, das geht doch nicht, du bist doch unser Herr!“, und er aber darauf besteht, das zu machen. Und sagt: „Noch versteht ihr es nicht, aber ihr werdet es verstehen.“

 

Menschenfreundlichkeit ist etwas, das Jesus auszeichnet. Welche Leute der alles mit Wohlwollen in seiner Gesellschaft hatte. Wurde ja auch ihm vorgeworfen: Der ist ein Fresser und Weinsäufer und der gibt sich mit Gesindel und Pack ab, mit Huren und Zöllnern, die damals als korrupt galten.

 

Gerald Hagemann: Ich glaube, das es wichtig ist, dass man auf jeden Menschen, egal, ob der arm ist, ob der reich ist, wo immer der auch herkommen mag, man sollte ihm offen und vorurteilsfrei begegnen und dann schauen, wie ist der? Man kann nicht auf einer Ebene miteinander leben, wenn man von vornherein sagt: Also, ich bin schon mal mehr wert.

Und gerade heute, wo wir ja die vielen Flüchtlinge zum Beispiel aufnehmen, ist es auch wichtig, dass man da nicht von vornherein sagt: Oh, der hat aber schwarze Haare und der ein bisschen dunklere Hautfarbe und Bart, das ist einer von den ganz Bösen, vor dem muss ich Angst haben. Ich muss vor niemandem Angst haben. Ich muss dem offen begegnen. Wenn ich dann feststelle, dass irgendetwas an ihm mir Angst macht, dann muss ich da meine Konsequenzen draus ziehen, aber nicht von vornherein sagen: Derjenige ist so und so, das sehe ich dem schon so an. Geht nicht, finde ich.

 

Menschenfreundlichkeit ist ein Stichwort, das Sie wiederfinden in der Bibel und auch für sich selber gut finden. In Krimis gibt es ja oft so brutale Szenen und meine Fantasie würde gar nicht reichen, um das alles zu erfinden und aufzuschreiben. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass die Krimiautoren nicht diese Brutalen sind, die Spaß haben an der Brutalität, sondern dass sie eher die Sensiblen sind, die durch die Welt gehen und so vieles aufnehmen und auch 'n Ventil benötigen, um das selber zu verarbeiten.

 

Gerald Hagemann: Ja, das denke ich auch. Ich glaube, dass die meisten Krimiautoren alle sehr nette Leute sind. Also, ich kenne sehr, sehr viele. Wir sind im Syndikat – das ist die Vereinigung der deutschsprachigen Krimi-Autoren – organisiert und wir sind alles sehr gesellige, sehr nette und auch sehr empathische Menschen. Das müssen wir auch sein, weil sonst könnte man ja keine glaubhaften Figuren erschaffen.

Und wahrscheinlich haben Sie Recht, wir machen das, um, ja, eben auch mit dem Tod fertig zu werden, so ein bisschen therapie-artig, um mit den ganzen Schrecken fertig zu werden.

 

Es gibt noch eine Art, um mit Schrecken oder überhaupt mit dem Leben fertig zu werden, und zwar Musik. Musik hören – oder eben Musik komponieren. Der Komponist Hans Zimmer war es übrigens, der für die neuen Sherlock-Holmes-Filme die Musik geschrieben hat. Herr Hagemann, die Deutschen lieben Krimis, Sie auch.

 

Gerald Hagemann: Ja, ich liebe Krimis. Was mich selber fasziniert, ist im Grunde die Faszination des Bösen, glaube ich: Warum tut ein Mensch einem anderen Menschen Leid an, warum tötet er ihn, warum bringen sich Menschen gegenseitig um?

Man muss ja mit diesen Schrecken leben. Es passieren genug Verbrechen in der wirklichen Welt, warum denkt man sich noch welche aus? Ich glaube, das hat eine therapeutische Wirkung, einen Krimi zu lesen: Man taucht in eine Geschichte ab, in der etwas ganz, ganz Furchtbares passiert, aber da der Täter in der Regel am Ende der Geschichte gefasst wird, bestraft wird, geht es uns auch wieder gut, weil es ist die Normalität wiederhergestellt. Es ist Gerechtigkeit wiederhergestellt – im weitesten Sinne, weil die gestorbenen Menschen können wir ja nicht wieder lebendig machen. Aber das ist eigentlich das, was am Faszinierendsten ist. Ich glaube, der Krimi ist eine gute Möglichkeit mit dem Tod umzugehen.

 

Das entspricht dem alten biblischen Satz aus einem Psalm: „Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden!“ Dieses „Sterben müssen“, das bedenkt ja so ein Krimiautor dauernd. Haben Sie was gelernt, beim Krimi-Schreiben?

 

Gerald Hagemann: Ich weiß nicht, ob ich direkt was draus gelernt habe. Aber wenn es eine Weisheit gibt, die man daraus ziehen kann, ist es, dass das Leben eben endlich ist und dass man im Hier und Jetzt Dinge tun muss. Man kann nicht später auf dem Sterbebett liegen und sagen, „ja, hätte ich doch mal weniger gearbeitet, wäre ich doch mal netter zu den Leuten gewesen“. Ich persönlich denke, das sollte man jeden Tag machen. Man sollte jeden Tag so leben, wie man es selber für richtig hält, ohne die Grenzen der anderen Menschen zu überschreiten.

 

Welches war denn Ihr letzter Krimi, den Sie so richtig mit Gewinn gelesen haben?

 

Gerald Hagemann: „Die Deutschlehrerin“, heißt das, großartiges Buch, wo man am Ende vor lauter Mitgefühl weinen muss, ohne mit einem negativen Gefühl zurückzubleiben. Ein wunderbares Buch, das durch ein schlechtes Ende eine heile Welt schaffen kann.

 

Wenn das gelingt, dass man am Ende mit einem guten Gefühl sogar aus einer schlechten Sache rausgeht, dann macht das Leben Spaß. Mir hat es heute Morgen großen Spaß gemacht. Auch wir sind am Ende unserer Sendung.

                              

Mein Dank gilt dem Autor Gerald Hagemann. Am Ende hören wir ein Stück, das er gerne ganz am Ende seines Lebens, zu seiner Beerdigung gespielt haben möchte: Mr. Bojangles von Sammy Davis Junior.