Mutig zweifeln

Morgenandacht
Mutig zweifeln
21.07.2021 - 06:35
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Er kann das nicht glauben. Seine Freunde kommen freudig auf ihn zu: „Wir haben den Herrn gesehen!“ (Johannes 20,25a) „Wir haben Jesus gesehen! Jesus lebt! “ Er kann ihnen das nicht glauben. Er wusste doch: Jesus war gestorben. Mit eigenen Augen hat er doch gesehen, wie er am Kreuz hing. In sicherer Entfernung hatte er es beobachtet. Für ihn brach eine Welt zusammen. Dahin war der Traum, dass Jesus sein Reich hier auf Erden aufrichten würde. Dahin war sein Vertrauen in Jesus. Sein Glaube gestorben.

Und nun behaupten sie, die anderen Jünger, dass Jesus von den Toten auferstanden sei und lebt. Er war nicht dabei an besagtem Abend. An dem Jesus plötzlich in ihrer Mitte aufgetaucht sein soll. Unglaublich! Das soll er jetzt einfach so glauben? Nein, so ist er nicht. Er glaubt nicht alles, was man ihm sagt. Er will es wissen und entgegnet ihnen: „Erst will ich selbst die Wunden von den Nägeln an seinen Händen sehen. Mit meinem Fingern will ich sie fühlen. Und ich will meine Hand in die Wunde an seiner Seite legen. Sonst kann ich das nicht glauben!“ (Johannes 20,25b).

Er, das ist Thomas. Thomas, der auch „Zwilling“ genannt wird, gehört zum Kreis der zwölf Jünger. Die Bibel berichtet nicht, wann oder wo er zum Jünger wurde. Nichts über seinen familiären oder beruflichen Hintergrund. Vergeblich, nach seiner Biographie zu suchen. Doch gerade ohne Biographie wird Thomas zum Zwilling.

Denn Thomas ist Zwilling aller Zweifelnden. Er teilt die DNA mit allen, die ihren Glauben nicht auf die Aussagen anderer bauen wollen, die kritisch dem Glauben gegenüberstehen oder die ihren Glauben verloren haben.

In der Kirchengeschichte hat Thomas seinen Ruf weg. Er gilt als „der Zweifler“ oder „der Ungläubige“. Dabei wäre er damals ohne mit der Wimper zu zucken bereit gewesen, für Jesus zu sterben (vgl. Johannes 11,16).

Doch sein Glaube verändert sich. Nach der Kreuzigung muss Thomas seinen Glauben neu formen. Er will handfeste Beweise sehen und kann das, was die anderen glauben, nicht mehr einfach so mitglauben. Also zweifelt er.

Thomas ist mit seinen Zweifeln nicht alleine.

Wie ihm ergeht es vielen: Der eine fühlt sich von den moralischen Vorstellungen des Glaubens eingeengt und vermisst die Freiheit. Eine andere kann den Glauben mit ihrem eigenen Denken, ihrem Verstand nicht mehr in Einklang bringen. Wieder andere empfinden den Glauben als viel zu klein gewordene Kinderschuhe, nicht mehr stimmig mit dem eigenen Leben. Manche nehmen Anstoß am Verhalten von Christinnen und Christen. Einige von ihnen zweifeln, andere können nicht mehr glauben und treten aus der Kirche aus.

Wer wie Thomas zweifelt, fragt sich, ob oder wie er etwas glauben kann. Ich finde: Zweifeln gehört zum Erbgut eines erwachsenen und freien Glaubens. Erst wenn ich mutig Glaubenssätze hinterfrage und anzweifle, kann ich mündig glauben und zu meinem eigenen Glauben finden.

Die entscheidende Frage ist, ob ich glauben will. Ist Gott mir wichtig? Suche ich ihn? Bin ich bereit, mich anrühren zu lassen?

Gott lässt mir die Freiheit. Ich kann mich einfach auf die Suche nach Antworten auf meine Fragen begeben. Ich kann die Begegnung mit Jesus suchen. Denn Jesus kann meine Zweifel überwinden und Glauben schenken.

Jesus ist dabei auch der, der seine Nachfolgerinnen und Nachfolger fragt: „Wollt ihr auch weggehen?“ (Johannes 6,67). Und auch wenn ich gehen mag, bleibt er stets ansprechbar. Gott lässt sich finden. Er kann Türen öffnen und meine Mauern überwinden, so wie bei Thomas.

Acht Tage später waren die Jünger wieder beieinander. Diesmal war Thomas bei ihnen. Da kam Jesus (Johannes 20,26a).

Und Jesus begegnet ihm. Jetzt konnte Thomas es auch glauben: „Jesus lebt!“ Er redet mit ihm und gibt Thomas sogar die Möglichkeit, seine Wunden zu berühren. Und Thomas glaubt.

Da sagt Jesus zu ihm: „Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Glückselig sind die, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!“ (Johannes 20,29).

Es gilt das gesprochene Wort.