Der gar nicht so verlorene Sohn

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Der gar nicht so verlorene Sohn
10.10.2020 - 10:00
 

 

 

Pendeln oder Umziehen?

Ich bin Vater eines Sohnes, der gerade seine erste eigene Wohnung bezieht. Mir ist dabei natürlich mein eigener Auszug aus meinem Elternhaus vor dreißig Jahren eingefallen. Meine völlig illusorische Rechnung, mit der ich argumentativ klar machen wollte, dass es für meine Eltern billiger wäre, mir ein Zimmer zu finanzieren statt der Pendler-Bahnfahrten zwischen Elternhaus und Uni-Stadt. Meine Mutter hatte sofort durchschaut, dass die Rechnung nicht aufgehen konnte. Und mein Vater sagte zu ihr so etwas wie: „Lass gut sein, es ist so weit.“

Mein Sohn ist viel klüger als ich damals. Er geht zum Studium in eine Stadt, die viel zu weit weg ist fürs Pendeln, hunderte von Kilometern. Das wird teuer - auch für uns Eltern.

Die Sippe hält zusammen

In biblischer Zeit wäre das nicht passiert. Die Menschen lebten damals in einer Gesellschaft, in der das Zuhause-bleiben normal war. Die Sippe hält zusammen, bewirtschaftet gemeinsam ein Stück Land oder eine Viehherde. Jede Hand zählt. Der Auszug, das Verlassen der Familie, das Beginnen eines eigenen, neuen Lebensabschnitts an einem neuen Ort, war wohl eher nicht die Norm.

Deswegen ist die Geschichte vom verlorenen Sohn (Lukas 15, 11ff.) so erstaunlich.

In der Bibel heißt es, dass der Sohn fragt: „Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht“. Und der Vater gibt es. Da wird wenig ausgeschmückt, wohl, weil ein Erbe dem Sohn tatsächlich einfach zusteht. Auch das, was in der Fremde geschieht, ist in wenigen Zeilen beschrieben: Das Erbe wird verprasst, mies gewirtschaftet, eine Hungersnot kommt - und der reiche Erbe erlebt seinen sozialen Abstieg zum hungernden Schweinehirten.

Was in der Geschichte mitschwingt: Sünde! Der biblische Sohn in der Fremde begeht eine Sünde, weil er das Geld verprasst. Als eine landesweite Hungersnot ausbricht, hat er das Geld vorher nicht gut zusammengehalten. Er kehrt zurück.

Der Konflikt mit dem Bruder, der sich sein Erbe nicht hat auszahlen lassen. Das ausschweifende Fest, das der Vater schmeißt, weil der verlorene Sohn zurückkommt. Ich lese das alte Gleichnis durch die Brille unserer heutigen Gesellschaft lese: Heute ist der Auszug die Norm. Irgendwann sind die Kinder groß - und wollen raus in die Welt. Ein Erlebnis - für Kinder und Eltern.

Es ist soweit

Natürlich wissen Eltern: Bei den meisten Neu-Ausgezogenen gibt’s Momente, wo am Ende vom Geld noch recht viel Monat übrig ist. Bestimmt auch, weil das Geld unvernünftig ausgegeben wurde. Bier statt Brot, Reisen statt Rücklage. Geld, das einem zusteht, kann man doch ausgeben, wofür man will. Welche jungen Leute haben schon Rücklagen für schlechte Zeiten? Und sagt nicht Jesus selbst an einer anderen Stelle „Seht die Vögel unterm Himmel - sie säen nicht und ernten nicht. Und der Herr ernährt sich doch.“ Als Vater eines ausziehenden Sohnes empfinde ich das Gleichnis - vielleicht etwas altersmilde - als ziemlich streng.

Es würde keinen Spaß machen, den eigenen Nachwuchs wirklich scheitern zu sehen. Aber wenn’s eng wird, ist es doch auch für Alten gut zu wissen, dass die Jungen sich schon erinnern, an wen sie sich wenden können. Und es ist doch für die Jungen schön zu wissen, dass es für die Alten bis heute ein Festtag ist, wenn sie mal wieder im alten zu Hause vorbeischauen.

Mir gefällt die elterliche Gelassenheit: Sowohl im Bibeltext, die meiner Eltern - und ich kann es selbst jetzt auch so sehen. Es ist so weit.

So jedenfalls geht es mir persönlich. Mit meinem überhaupt nicht verlorenen Sohn.