Die Notwendigkeit des Himmels

Wort zum Tage

Es tut mir leid. Bis heute, nach über fünfzig Jahren. Ich würde mich gerne entschuldigen bei „Fräulein Elisabeth“. So hieß eine Lehrerin. Alle nannten sie „Fräulein“, das machte man früher so. Ich war nicht gut zu ihr. Sie war um die sechzig und schwer gezeichnet. Die Füße von Fräulein Elisabeth steckten in dicken Schuhen. Immer dieselben schwarzen, hohen Schnürschuhe, die bis weit über die Knöchel reichten. Ihre Füße trugen sie nicht, deswegen die festen Schuhe. Sie gaben Halt. Von einer Krankheit der Füße wussten wir Kinder nichts oder wollten nichts wissen. Lieber machten wir uns lustig. Ich war kein guter Schüler, dafür manchmal böse. Oft war ich mir im Weg. Das lässt man ja gerne an anderen aus. Fräulein Elisabeth war so ein Opfer. Sie trug es mit Fassung. Oder hörte weg. Wenn ich an sie denke, habe ich ein schlechtes Gewissen. Heute würde ich mich entschuldigen.

 

Das geht nicht. Sie lebt schon lange nicht mehr. Viele leben nicht mehr, denen man das Leben schwer gemacht hat. In Schule, Beruf, den Familien. Eines Tages gehen sie und nehmen ihren Schmerz mit ins Grab. Wir bleiben zurück mit der Schuld. Oder die Kranken – ihr halbes Leben haben sie gelitten, wohl wenig Freude gehabt. Dann sterben sie. So vieles gibt es, was das Leben nie ausgleicht. Liebe, die ohne Dank bleibt. Schmerzen, die bleiben. Scham und Schuld, die nicht ausgelöscht werden auf Erden. Die trägt man und trägt sie bis zum Ende. Wie gerne würde ich Fräulein Elisabeth sagen, dass mir meine Bosheit von damals leid tut. Das bisschen Leben auf Erden darf doch nicht alles gewesen sein. Die vielen Fäden, die lose herumliegen, müssen doch irgendwo hinführen.

 

In den Himmel, glaube ich. Erst da sind Geschichten zu Ende. Der Tod beschließt mein Leben. Nicht aber die offenen Fragen. Nicht die Schuld, die Schmerzen; Liebe, die schön war, ohne dass jemand dafür dankte. Der Himmel ist nötig, um aus losen Fäden ein Ganzes zu knüpfen. Und ich endlich verstehe. Im Himmel sehe ich in einen Spiegel, der mir die Wahrheit zeigt – über mich. Manchmal weiß ich sie längst, wie bei Fräulein Elisabeth. Im Stillen bitte ich sie hier schon, mir zu verzeihen. Dann trage ich weniger Lasten dorthin.

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