Das Böse und das Gute

Das Böse und das Gute
spricht Dechant Benedikt Welter aus Saarbrücken
05.06.2021 - 23:50

Einen guten späten Abend, verehrte Damen und Herren.

„Das Böse ist immer und überall“, sang in den 80er Jahren die Band „Erste Allgemeine Verunsicherung“. Die haben das damals mit Humor besungen. Aber es hat doch etwas in sich, das mir heute  in Pandemiezeiten das Lächeln einfrieren lässt.  Politiker bereichern sich im Geschäft mit Schutzmasken; nicht durchgeführte Schnelltests werden abgerechnet - zur Gewinnmaximierung. Letztes Jahr wurden erste Wirtschaftshilfen gleich wieder gestoppt weil es auch die gab, die sich unrechtmäßig bereichern wollten.

„Das Böse ist immer und überall“. Dazu gehört auch der Missbrauchsskandal, der meine katholische Kirche erschüttert. Ganz viel Böses ist da zutage getreten. Und dass Kardinal Marx gestern seinen Rücktritt angeboten hat, bewegt mich tief.  Damit– so schreibt er dem Papst – will er zeigen „dass nicht das Amt im Vordergrund steht, sondern der Auftrag des Evangeliums“.

Dass schamlos getrickst und getäuscht wird, um den eigenen Geldbeutel zu füllen, ist nicht neu. In den dunklen Zeiten des Krieges heißen solche Menschen „Kriegsgewinnler“. Leute, die aus dem Unglück anderer für sich selbst Profit herausschlagen. So ein Verhalten hat Menschen schon lange umgetrieben. Und deswegen haben sie gefragt, warum sich manche oder viele so übel verhalten. Eine Antwort ist schon früh in christlichen Klöstern entstanden. Da lebten Menschen in einer engen Gemeinschaft; sie mussten Regeln finden für das gemeinsame Leben. So entstand die Liste der sieben Hauptsünden – heute noch bekannt als „die sieben Todsünden“. Dazu gehört als Nummer 2: der Geiz mit der Habgier im Gefolge. Und als Nummer 5 die Völlerei, die sich in Selbstsucht suhlt.

Das war also ein Katalog von Ursachen im Menschen selbst dafür, dass von Menschen so viel Zerstörerisches und Verletzendes ausgeht. Dieser Katalog der sogenannten Sieben Hauptsünden ist ein Versuch, das negative und bösartige Chaos ein wenig zu ordnen, in dem wir uns oft genug wiederfinden. Und wer es ein wenig strukturiert, kann gegen das Bösartige besser aktiv vorgehen: Zuerst wird entlarvt, was dahintersteht. In diesem Falle Habgier und Selbstsucht.

Nicht vor dem Bösen kapitulieren. Eine Ordnung entdecken im Chaos – um es eindämmen zu können. Das steht für mich hinter diesem Katalog der Sieben Sünden.

„Das Böse ist immer und überall“. Ja – aber: Das Gute ist „immerer und überaller“.

Da ist zum Beispiel die Europäische Staatsanwaltschaft am Dienstag  an den Start gegangen. Mit ausgelöst dadurch, dass Nummer 2 und 5 aus der Liste, Habgier und Selbstsucht also, der Allgemeinheit Hunderte von Millionen Euro Steuergelder rauben. Ein anderes Beispiel aus der abgelaufenen Woche ist für mich auch,  dass Papst Franziskus das kirchliche Recht verschärft und es strenger macht – gegen Wirtschafts-Vergehen, aber vor allem auch im Kampf gegen sexualisierte Gewalt.

Dem Katalog der Sieben Sünden können wir etwas entgegensetzen. Im Großen wie im Kleinen: Etwa an unserer Pfarrkirche Sankt Jakob in Saarbrücken. Da haben wir seit Beginn der Pandemie einen sogenannten Gabenzaun eingerichtet. Die Leute können in Taschen verpackte Lebensmittel an den Zaun hängen, Bedürftige können sie mitnehmen, ohne Rechenschaft geben zu müssen. Vor kurzem hält da ein Familienauto am Zaun. Eine Frau und vier Kinder, von klein bis groß, steigen aus und hängen 25 Taschen an den Zaun. Ich wollte hingehen, um mich zu bedanken, aber da fuhr der Wagen schon los. Statt Nummer 2 und 5, Geiz und Habgier  gibt es da Großherzigkeit – immer wieder mal. Das Gute ist eben „immerer und überaller“.

Einen gesegneten und guten Sonntag wünsche ich Ihnen.