Ist nicht mehr genug für alle da?

Pastorin Annette Behnken

Die alten Texte der Bibel erzählen davon, dass die Bauern etwas von ihrer Ernte am Feldrand stehen lassen sollten für die Armen. Eine frühe Form sozialer Absicherung, die auf dem Gebot fußte, dass es mit Gott gerecht zugehen sollte in der Welt.  Wer zu wenig zu essen hatte, konnte sich wenigstens am Feldrand mit Getreide versorgen. Heute ist das bei uns Aufgabe des Staates, für die Grundabsicherung zu sorgen. Aber offensichtlich funktioniert das nicht zureichend. Sonst gäbe es nicht immer mehr Menschen in Armut in unserem Land - und nicht immer mehr „Tafeln“, also Initiativen von Ehrenamtlichen, die übriggebliebene Nahrungsmittel in Supermärkten einsammeln, die normalerweise vernichtet würden. Und die verteilen sie an Bedürftige. Also: ein unglaublich wichtiger Dienst und allgemein hoch angesehen. So macht das auch die Tafel der Stadt Essen. Doch seit einer Woche steht sie unter heftigster öffentlicher Kritik. Seit sie beschlossen hat: wer neu Lebensmittel ausgeteilt bekommen will, muss einen deutschen Pass vorzeigen, weil in ihrer Not einzelne Bedürftige andere beiseite gedrängt haben. Und das sollte gestoppt werden. Doch es gibt hinter diesem ganzen Ärger den eigentlichen Skandal. Einen massiven Missstand unserer sozialen Gesellschaft, auf den diese ganze Debatte sehr deutlich aufmerksam macht.

„Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden“, heißt es in der Bergpredigt der Bibel. Es heißt nicht: Selig sind die hungern und dürsten. Das wäre absurd. Es heißt: Selig sind die Hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Der Fall Essen macht deutlich: Gerechtigkeit ist das eigentliche Thema.

13 Millionen Menschen in unserem Land sind von Armut betroffen. Vor allem Kinder, Alleinerziehende, Migranten und Senioren. Kein Wunder also, dass die Warteschlangen an den Tafeln länger werden. Die Konkurrenz um die Verteilung wird härter und der Stress für die Ehrenamtlichen, die die Tafeln betreiben, größer.

Ehrenamtliche, die sich in den Initiativen der Tafeln teils bis zur Erschöpfung für Bedürftige einsetzen. Was ich daran so gut finde, was mir Hoffnung macht, ist, dass das zeigt, wie viele Menschen mit Herzblut für die Werte einer gerechten Gesellschaft einstehen, sich stark machen für die Würde jeder und jedes einzelnen, für Solidarität, für Nächstenliebe. Die Tafeln, ja, die sind ein Segen, weil sie helfen. Aber genau darin liegt auch der eigentliche Skandal. Es ist originäre und ursprüngliche Aufgabe des Staates, Armut zu bekämpfen und ein Existenzminimum zu sichern, von dem Menschen leben können. Das ist nicht die Aufgabe ehrenamtlicher Organisationen wie der Tafeln.

„Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.“ Die Tafeln sind ein Segen für die Bedürftigen und Armen, und die Tafeln beruhigen unsere Gewissen. Aber: Gewissensberuhigung ist die kleine Schwester der Gleichgültigkeit. Die Not ist längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Und das darf nicht sein. Nicht beruhigen, beunruhigen lassen müssen wir uns. Aufwachen. Uns empören. Über den eigentlichen Skandal. Der Skandal um die Essener Tafel könnte so ein Weckruf sein. Und damit: ein Segen. „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.“

 

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