Arnim Töpel
Von der Güte des Lachens
Qualitiät und Wirkung dieser urmenschlichen Regung
Autor
19.01.2025 08:35

Gelacht wird auf allen Kanälen genug. Das stimmt uns aber nicht unbedingt nachhaltig heiter. Wie kommt das? Und wollen wir uns damit abfinden? 

Sendetext nachlesen:

 

Erinnern Sie sich an den Lachsack? Diese ebenso unscheinbare wie wirkmächtige Erfindung aus den 1960ern, die man in Fachgeschäften für Zaubereibedarf und Scherzartikel feilbot? Sollten Sie zu jung sein, sei es kurz erklärt: Der Lachsack war ein kleiner, meist mit einem Clown-Gesicht verzierter Jutebeutel, der einen Mini-Plattenspieler enthielt. Die Bedienung war denkbar einfach: Man drückte ihn, den Lachsack, und schon tönte es aus seinem Inneren etwa so:

Ich weiß noch, wie ich bei einem Familienfest erstmals damit Bekanntschaft machte: Ein entfernter Verwandter, ein bekennender Spaßvogel, den nicht nur wir Kinder Onkel nannten, posaunte, er wolle seine neueste Errungenschaft vorführen und werde nun "mal ordentlich Stimmung in die Bude bringen". Die Reaktion war verhalten, wusste man doch um die Vorliebe des Onkels für eher plumpe Mittel wie Juckpulver und Kissen mit unflätigen Geräuschen. Da er jedoch zugleich für seine Hartnäckigkeit bekannt war, ergab sich die Runde, und wir versammelten uns artig um den großen Esstisch. Der Onkel platzierte den Lachsack in der Mitte, beugte sich mit großer Geste nach vorne und startete das Gerät:

Die Wirkung war phänomenal: Binnen kurzem gab es kein Halten mehr. Alle wurden angesteckt, niemand konnte sich dem unbändigen Lachen dieser anonymen Frohnatur entziehen.

"Nochmal, nochmal, nochmal!", skandierten wir Kinder nach dem ersten Durchgang. 
Und siehe da: Auch die Zugabe verfing.
Was für ein Wunderding! Von wegen wir Deutschen gehen zum Lachen in den Keller! Es war, als wären wir wachgelacht.

Und heute? Der Lachsack ist wie so vieles aus unserem Leben verschwunden. Vereinzelt mögen noch Exemplare auf irgendwelchen Speichern lagern in Kisten für Ausgemustertes. Wenn sie noch nicht weggeworfen wurden, dann wohl alleine deshalb, weil schöne Erinnerungen damit verbunden sind: "Ham wir gelacht!"

Verwendung haben wir für den Lachsack nicht mehr. Er hat seine Wirkung verloren. Oder liege ich falsch, wenn ich vermute, Sie haben gerade eben bei der Hörprobe nicht mitgelacht?

Woran hat es gehapert? Fehlte es an der zeitgemäßen Qualität? Bräuchten wir also nur ein Lachen von höherer Güte und schon stünde einem erneuten Siegeszug des Lachsacks nichts im Wege?

Nein, seine Zeit ist abgelaufen, wir sind gegen ihn immun. 
Aber warum? Befinden wir uns bereits permanent im Gute-Laune-Modus? Liegt es an unserer überschäumenden Lebensfreude, die uns tagein, tagaus ins Gesicht geschrieben steht?

Nun, das wäre übertrieben. Vielmehr wird die allgemeine Stimmung wahlweise beschrieben als schlecht, gedrückt, frustriert, gereizt, erbost. Und das, obwohl vielleicht noch nie so viel öffentlich gelacht wurde wie heute. Auf allen Kanälen, im Fernsehen, in den sozialen Medien, überall wimmelt es von Menschen, die sich biegen, die sich ausschütten und wegschmeißen vor lauter Heiterkeit.
Würden sich Außerirdische allein über die Medien ein Bild von uns Deutschen machen, sie könnten auf die Idee kommen, wir seien ein Volk von – Lachsäcken.
Aber wie kommt es, dass wir trotzdem so wenig Frohsinn zeigen? Wieso hilft uns dieses allgegenwärtige Lachen nicht, unbeschwert, heiter und vergnügt durchs Leben zu gehen, selbst wenn wir – was beileibe nicht immer der Fall ist – Grund dazu haben? Ist es die Überdosis? Kaum ist der Lachrausch verflogen, folgt unweigerlich der Kater? Schlägt uns das aufs Gemüt?

Der Sonntagmorgen scheint mir eine gute Gelegenheit, dem auf den Grund zu gehen, ist der Sonntagmorgen doch die letzte weitgehend witzfreie Zone. Zu allen anderen Zeiten beömmeln sich unzählige Scherzkekse in den Medien um die Wette. Und das betrifft längst nicht nur Unterhaltungsformate, auch im Informationsbereich grassiert das krampfhafte Bemühen, allem und jedem eine Pointe abzugewinnen.

Am siebten Tage sollst du ruhen, heißt es in den Zehn Geboten im Alten Testament. Ob sich alle Witzbolde daran gebunden fühlen, da bin ich mir nicht so sicher. Auf jeden Fall profitiere ich davon, dass sie den Sonntagmorgen links liegen lassen. Ich kann sogar im Radio einen beliebigen Sender wählen, ohne wie an jedem anderen Tag fürchten zu müssen, von irgendeiner brüllkomischen Morningshow drangsaliert zu werden.

Noch zu Zeiten des Lachsacks gab es eine Fernsehsendung mit dem Titel "Es darf gelacht wer-den". Das wirkt aus heutiger Sicht geradezu rührend zurückhaltend, längst gilt: "Es muss gefälligst gelacht werden!"
Mit Ausnahme eben vom Sonntagmorgen. Ist das nicht auch eine bedeutsame Ausprägung der Sonntagsruhe? Am siebten Tage sollst du in Ruhe gelassen werden.
Und natürlich auch deinerseits die Welt in Ruhe lassen. Ich bin nicht gehalten, bei meinen Nachbarn zu klingeln und mit dem Witz zum Sonntag aufzuwarten: "Einen hab‘ ich noch, kommt ein Mann zum Arzt…"

Was nicht bedeutet, dass wir bevorzugt ernst in Erscheinung treten sollen. Martin Luther hat das in einer seiner berühmten Tischreden so auf den Punkt gebracht: "Gott macht keine traurigen Gedanken…, er ist ein Gott der Lebendigen." (1)

Ich finde, das ist eine schöne, eine hoffnungsfrohe Botschaft: Auch wenn die ganze Bandbreite an Gefühlen zu uns gehört, die Traurigkeit inbegriffen, Gott sorgt nicht für diese Empfindung. Er verlangt sie nicht. Wir dürfen fröhlich sein. Oder um es in Anklang an den gerne zuspitzen-den Luther salopp zu formulieren: Gott ist kein Gott der Griesgrämigen.
Und damit bin ich wieder bei der Frage: Wieso findet sich bei all dem vielen Lachen, das uns ständig begegnet, so wenig Frohsinn?

Mir fällt dazu eine Formulierung aus Kindertagen ein. Da forderten Erwachsene bisweilen: "Lach‘ doch mal! Oder geht’s dir nicht gut?"

An sich harmlos, bestimmt fürsorglich gemeint. Und doch steckte darin bereits ein Entweder-Oder. Wer lacht, der zeigt, alles ist in bester Ordnung. Wer nicht lacht, muss einen Grund dafür haben. Besser gesagt: Wer nicht lacht, der hat offenkundig Probleme.

Diese Sicht auf das Lachen als Indikator für unseren Idealzustand hat sich in der mediengeprägten Zeit verselbstständigt und noch dazu gewaltig verschärft.
Denn heute bleibt es ja nicht beim Agieren im überschaubaren Kreis, wo man sich zumindest näher kennt, wo man einer Einschätzung auch einmal entgegentreten kann. Durch die allgegenwärtigen Medien geschieht beinahe alles öffentlich, vor aller Augen.

Wer nicht lacht, fällt nun potenziell der ganzen Welt unangenehm auf, wird sogleich taxiert und schürt mannigfaltige Spekulationen: "Der lacht ja gar nicht! Was stimmt nicht mit dem?"

Kurz: Wer nicht lacht, gerät in Verdacht und muss damit rechnen, als Außenseiter abgestempelt zu werden, als Störenfried, als Versager. Für alle ersichtlich und festgeschrieben für die Ewigkeit.
Wer will das schon?
Was bleibt da anderes übrig, als wohl oder übel mitzulachen. Völlig unabhängig davon, ob einem danach zumute ist. "Okay, jetzt reiß dich mal zusammen! Die anderen schaffen es ja schließlich auch. Haha! Seht her, mir geht es blendend! Es könnte nicht besser sein! Ha, ha-ha, haha, ihr Loser, so sehen Sieger aus!"

Jemanden erkennen, begreifen, sein Wesen erspüren und sich daraufhin vielleicht sogar in ihn verlieben, wie wir das eben bei Ina Deter gehört haben, diese faszinierende, unergründliche Wirkung des Lachens hat mit diesem "Heute lache ich mal länger als nötig!"-Lachen nichts zu tun. Das verhallt, geht ins Leere und hält nicht vor.

Wie sollte es auch? Es fußt auf keiner Empfindung und ist nur eine Maske, die man eben aufsetzt, wenn man sie nötig zu haben meint. Einheitlich, laut, im strikten Gleichklang.

Was dabei untergeht, Lachen ist doch eigentlich etwas Höchstpersönliches. Es macht uns aus, es lässt tief blicken. Dementsprechend kann es Interesse wecken, Sympathie. Mehr noch, es kann entzücken, betören, anziehen, verzaubern. Über alle Sprachgrenzen hinweg.

Dabei mussten wir es nicht erlernen, nicht erwerben. Unser Lachen ist ein Geschenk. Für unsere Mitmenschen, aber auch für uns selbst. Da kann es befreiend wirken, erlösen, uns im positiven Sinne durch und durch erschüttern und beglücken.

In schwierigen Begegnungen wiederum vermag ein Lachen zur rechten Zeit, eine angespannte Situation zu entkrampfen, Fronten aufzubrechen, Wege zum Verstehen zu ebnen, wo Erklärungen, Argumentationen scheitern, wo jedwedes Wort nichts ausrichten würde.

Und wenn zwei zusammen lachen und weinen können, wie es so schön heißt, dann schafft das nicht nur eine momentane, flüchtige Gemeinsamkeit, sondern eine dauerhafte Basis.

Ein zugewandtes Lachen, arglos, absichtsfrei, nicht kalkuliert, schon gar nicht einstudiert, zeugt von Menschlichkeit, verströmt Güte. Und dafür muss es noch nicht einmal gut klingen. Manch einer meckert nun einmal, wenn er lacht, gluckst, giggelt, kreischt oder dröhnt. Andere wiederum geben kaum einen Laut von sich und lachen in sich hinein.

Na und? Hauptsache, es ist echt, natürlich und steht im Einklang mit der Persönlichkeit.

Solch ein Lachen hilft beim Menschsein und beim Menschbleiben.
Ja, mag sein, dass wir hochentwickelten Wesen unser Lachen gelegentlich als Schutzschild brauchen. Das dürfen wir, solange es die Ausnahme bleibt. Doch vergessen wir nicht, dass da in uns ein ungleich wirkmächtigeres Lachen schlummert, das wir zum Wohle aller wieder mehr zum Vorschein bringen sollten. Nicht gewollt, nicht gekünstelt, sondern aus uns heraus. Immer im Wissen, in unserem Inneren arbeitet nicht wie beim Lachsack die Mechanik, sondern das Herz. Von Anfang an.

Und das sollen wir nicht mehr hinkriegen?
Pff! Das wäre doch gelacht!
Oder vielleicht in diesem Fall noch schöner: gelächelt.

Es gilt das gesprochene Wort.

Musik dieser Sendung:
1. -2. All the world is a stage, Slade
3. Der lachende Vagabund, Fred Bertelmann 
2. Almost Blue, Chet Baker
5. Brain Damage, Pink Floyd
4. Wenn du so bist wie dein Lachen, Ina Deter
5. Babysitter-Boogie, Ralf Bendix
6. The Shadow of Your Smile, Herb Ellis

Literatur dieser Sendung:
1. Martin Luther Tischreden, RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 1222, S.67f.