gemeinfrei via pixabay / jplenio
Boden unter dem Beton
Die Erde, aus der wir gemacht sind und auf der wir stehen
16.07.2025 06:35
Wir stehen auf ihr. Wir sind aus ihr gemacht, heißt es in der Bibel. Erde. Trotzdem machen wir sie gerne platt.
Sendung nachlesen:

Feierabend. Ich ziehe die Schuhe aus und genieße es, den Boden unter den Füßen zu spüren. Und mich zu erden. In all den Veränderungsprozessen, die wir gerade erleben, wird das für viele immer wichtiger. Innehalten und sich erden. Ich lege mich auf die Yogamatte und beginne, bewusst zu atmen. Warte auf den Moment, wo ich im Rhythmus des Atems schwinge und den Tag loslassen kann.

"Aus Erde bist du gemacht, zu Erde sollst du wieder werden", heißt es in der Bibel. Wie wir aus Erde gemacht sind, davon erzählt die biblische Schöpfungsgeschichte. Wie eine Töpferin nimmt Gott Ton in die Hände, formt den Menschen und haucht ihm seinen Atem ein. Gott atmet in uns.

Wo ist der Flecken Erde, an dem ich das besonders spüre? Geerdet sein, Gottes Atem in mir. Andrea, meine Yogalehrerin, hat mir gezeigt, wie ich hier auf der Matte in Gedanken dorthin reise:  Eine Holzbank in den Bergen, gleich neben einem alten Steinbrunnen. Das Plätschern des Wassers in meinen Ohren, dazu das Summen so vieler Insekten - wie gut das tut. 

Manchmal denke ich auch an Franz von Assisi, der unbedingt im Kontakt mit dem Boden bleiben wollte. Nicht abgehoben, nicht verkopft über den Dingen schwebend, sondern nah dran an der Wirklichkeit, auch an Schmutz und Schmerz.

Franziskus, der Papst, hat diese Haltung weitergetragen, wenn er zu den Rändern der Welt gereist ist. Manchmal hat er den Boden geküsst, wenn er ankam. Wobei: Der Boden - das war meist eine Landebahn aus Asphalt. Versiegelt wie große Teile unserer Erde, gerade hier in Europa. Im Sommer, in der großen Hitze spüren wir, was das bedeutet, wenn der Boden kein Wasser mehr aufnimmt, wenn Grün fehlt, das kühlt. "Unter dem Pflaster den Strand" – der alte Hippiespruch erinnert daran, dass es einmal mehr gab als Beton und Asphalt. Etwas Wildes, Ungeformtes, etwas Lebendiges – Energie unter unseren Füßen. Die Kraft, die uns erdet.

Vor einiger Zeit fiel mir ein Buch in die Hände, das ich vor 15 Jahren in den USA gekauft habe. "Threshold" heißt es, Schwelle. Thom Hartmann, der Autor schreibt über "die Krise der westlichen Kultur". Er sah uns damals, 2009 am Beginn einer großen Transformation. Er zeigte das an vielen Beispielen, unter anderem am Verlust von fruchtbarem Boden. Der wird bedenkenlos plattgemacht, wenn es um einen Verkehrsknotenpunkt geht. Oder um ein Neubauprojekt.

Im Rheinland, wo – wie in der Lausitz - viele Dörfer für den Braunkohletagebau geopfert wurden, da kämpfte Bauer Willi, der letzte Landwirt, bis zum Schluss um seinen Boden. Um 400 Jahre Kultur. Wer zwei Handvoll dunkle Erde aus dem Boden holt und die Nase hineinsteckt, der sieht und spürt, wie sie lebt. Kein Flugsand wie in der Wüste, sondern all die kleinen Insekten, Larven, Pflanzenkeime.

Zum Geburtstag hat mir Andrea, meine Yogalehrerin, eine Handvoll Erde in einem kleinen silbernen Döschen geschenkt. Das war im Frühling. Die Erde duftete nach Märzenbecher und Maiglöckchen. Was bleibt übrig, wenn der Boden in den Braunkohlegebieten ausgeplündert ist? Gruben voll Wasser? Vielleicht bleibt die Erinnerung an alte Dörfer und die Sehnsucht, sich zu erden.

In dem alten Kirchengemeindehaus im Rheinland, in dem ich zehn Jahre lang gepredigt habe, war vorn neben dem Altar ein Glasfenster mit dem biblischen Bild vom Sämann. Das Haus ist längst abgerissen, aber das Fenster fällt mir noch manchmal ein. Es zeigte die dunkle Erde, auf die der Sämann die Weizenkörner wirft. Nicht alles wird aufgehen. Trotzdem nimmt er das Korn aus der Schürze und wirft es mit Schwung weit über das Feld. Das Glasfenster illustriert ein Gleichnis, das Jesus erzählt hat.

Wenn wir in diesem Gemeindehaus Gottesdienst gefeiert haben, dann sprach das Fenster mit. Und warb um Vertrauen. Dass der Boden noch trägt, auf dem wir stehen. Und dass wieder Neues wachsen kann. Weil Gott uns Mut macht, etwas auszusäen, etwas auszuprobieren, uns zu engagieren für unsere Erde.

Es gilt das gesprochene Wort.

Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!