Den Anschlusszug verpasst und jetzt auf den nächsten warten müssen. Darüber kann man sich aufregen – oder die Zeit für sich füllen. Über das Warten auf Kleines und Großes.
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Die kleine Lisa kann es kaum erwarten. Auf dem Adventskranz brennt zwar erst eine Kerze, aber die zweite wird hoffentlich bald kommen. Und nach langer, langer Zeit – zumindest in ihrer Kinderrechnung - wird endlich Weihnachten sein. Dabei stellt sich die sechsjährige Lisa natürlich schöne Geschenke vor. Aber auch den Weihnachtsbaum mit seinen Lichtern und die ganz besondere Stimmung dieser Tage.
Lisa spürt: An diesen Tagen geht es um mehr als Kerzen und Geschenke. Da steckt noch etwas Größeres dahinter: Dafür hat sie noch keine Worte, für die Geburt des kleinen Christkindes im Stall, für den Mensch gewordenen Gott bei den Menschen. Doch in dieses Geheimnis möchte Lisa eintauchen. Und sie kann es kaum erwarten.
Ihre Großmutter Eleonore sieht das gelassener. Sie hat schon eine Menge Weihnachtsfeste erlebt – schöne und traurige. Sie wartet einfach ab, was es in diesem Jahr bringen wird.
Enkelin Lisa und Großmutter Eleonore erleben die Adventszeit also ganz unterschiedlich. Aber eines haben sie doch gemeinsam: Beide warten.
Für viele ist Warten eine Zumutung. Warten passt nicht in einen Alltag voller Aufgaben. Ich war früher auch schlecht im Warten. Aber eine Zeitlang bin ich beruflich viel mit der Bahn unterwegs gewesen. Bahnhöfe sind gute Lernorte für das Warten. Etwa, wenn man seinen Anschlusszug verpasst hat und der nächste kommt erst in 50 Minuten. Was tue ich mit dieser Zeit?
Die meisten vertiefen sich sofort in ihr Smartphone. Darin ist immer etwas los. Auch meine Hand greift unwillkürlich in die Tasche. Doch ich pfeife sie zurück. Diesen Moment will ich erst einmal spüren. Da ist der Ärger über die Verspätung, den will ich bewusst wegrauchen lassen. So finde ich innerlich zur Ruhe und komme in der aktuellen Situation an.
Ich schaue mich um, wo ich bin. Wer um mich herum ist noch da? In diesem Moment sind sie meine Mitmenschen. Vielleicht gibt es etwas Interessantes oder Lustiges zu entdecken.
Ich überlege: Ist das hier verlorene Zeit? Oder geschenkte Zeit? Erlebe ich Stillstand oder einen kleinen Freiraum? Ist das hier Zeitverlust oder Pause? Meine Entscheidung.
Plötzlich sehe ich die Wartezeit in einem anderen Licht: Diese Minuten kann mir niemand nehmen. Sie sind in meiner Hand. Ich kann mir diese Zeit vertreiben. Ich kann sie mit Ärger füllen oder mit etwas, das mir guttut. Zum Beispiel kann ich in Ruhe nachdenken und eine gute Idee entwickeln. Ich kann schauen, was ich auf dem Herzen habe und es in ein stilles Gebet bringen. Ich kann auch einen lieben Menschen anrufen. Warten ist meine Zeit.
Auf dem Bahnhof habe ich gelernt, sie gut zu gestalten. Dabei ist mir eines klargeworden: Zum Ärgernis wird das Warten erst, wenn ich es zu eilig habe, wenn eigentlich alles klappen müsste.
Besser ist es, genügend Zeit einzuplanen. Dann wird auch das Warten schöner, zumindest weniger ärgerlich.
Mein Erfahrungsschatz in Sachen Warten kommt mir auch in der Adventszeit zugute. Beim Warten auf Weihnachten versuche ich es der kleinen Lisa nachzumachen: Weihnachten aufgeregt erwarten, mit Hoffnung und Spannung. Und ich gucke mir etwas von ihrer Großmutter Eleonore ab: geduldig abwarten und offen sein für das, was geschehen wird.
Ich möchte an Weihnachten einfach Gott machen lassen. Weihnachten ist ja nicht das Fest meiner perfekten Inszenierung. Sondern es ehrt die Geburt eines kleinen Kindes, Jesus. Der kommt in prekären Umständen auf die Welt und schlägt sich mit seinen Eltern irgendwie durch. Dann wird deutlich: Ausgerechnet in diesem Kind stellt sich Gott an die Seite derer, die es schwer haben. Zu ihnen kommt Gott mit seiner Liebe. Darauf muss man manchmal warten. Länger als einem lieb ist. Vielleicht muss man es sogar herbeiwarten. Aber irgendwann wird das Warten belohnt.
Es gilt das gesprochene Wort.
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