Wenn uns Stromausfall und Schneechaos kalt erwischen, dann besorgen sich einige für den nächsten Ernstfall Notstromaggregate und legen Vorräte an. Wir treffen Vorsorge, auch wenn wir merken, dass unser Leben nicht lückenlos kontrollierbar ist. Wie kann die Balance zwischen Vorbereitung und Vertrauen gelingen? Pfarrer Alexander Höner aus Berlin verrät Ihnen einen fast vergessenen Überlebenstipp.
Sendetext nachlesen:
Schönen guten Abend!
"Sind Sie auf den Ernstfall vorbereitet? Haben Sie eine Taschenlampe parat? Trinkwasser gelagert?" Ich sitze beim Frühstück, höre im Radio diese Fragen und schaue rüber zu unserem Wasserkasten. Mmmh … erwischt! Da steht nur noch eine einzige volle Flasche drin. Nicht gut vorbereitet.
Hier bei uns in Berlin haben zehntausende Menschen in dieser Woche wirklich den Ernstfall erlebt. Strom- und damit auch Wärmeausfall bei klirrender Kälte. "Sag mal, Alexander, was hältst du eigentlich davon, ein bisschen Benzin in Reserve zu haben?", ruft meine Frau aus dem Badezimmer. "Dann kommen wir zur Not auf jeden Fall in unsere Waldhütte."
Zur Not? Benzin? Waldhütte? – der Ernstfall kommt gedanklich immer näher. Und noch einmal die Radiomoderatorin: "Sind sie auf den Ernstfall vorbereitet? Es kann jeden treffen, jederzeit, an jedem Ort." Was ist denn hier gerade los? Warum müssen wir uns alle vorbereiten?
Diesen Vorbereitungsdruck erlebe ich auch in meinen Seelsorgegesprächen. "Herr Höner, wie kann ich mich am besten darauf vorbereiten, wenn meine Mutter stirbt?" – "Ist sie schwer krank?" frage ich. "Nein, aber wenn’s soweit ist, will ich vorbereitet sein, dass es mich nicht komplett aus der Bahn wirft." Und das ist kein Einzelfall! Ganz viele machen sich ähnliche Sorgen. Und es ist manchmal paradox: Je mehr sie über Vorkehrungen nachdenken, desto größer wird die Angst vor möglichen Krisen und Kontrollverlust.
Hundertprozentig vorbereitet sein auf alles. Auf Krieg, auf Tod, auf Trennung, auf Scheitern. Geht das? Nein, das geht nicht. Und diese Erkenntnis müssen wir aushalten! Das Leben ist zerbrechlich, unvorhersehbar und gerät auch mal aus der Bahn.
Das andere Extrem ist: Null Vorbereitung, Null Ausrüstung, volles Vertrauen. Wie es einer der bekanntesten Menschen der Weltgeschichte einmal empfohlen hat:
"Nehmt außer einem Wanderstock nichts mit auf den Weg: kein Brot, keine Vorratstasche und auch kein Geld im Gürtel. Ihr dürft Sandalen anziehen, aber nehmt kein zusätzliches Hemd mit." (Markus 6, BB) So schickt Jesus seine Jünger auf den Weg. Keine Verpflegung, kein Benzinkanister, kein Notstromaggregat. Ist das die Lösung? Pures Vertrauen?
Ich vertraue auf eine göttliche Kraft und trotzdem erlebe auch ich Krisen und mache mir Sorgen um die Zukunft. Mein Vertrauen macht mein Leben nicht sicherer, nicht krisenfester. Aber mein Vertrauen hilft mir, mich nicht verrückt zu machen. Ich vertraue darauf, dass wir als Gemeinschaft, als Nation, als Demokratie zusammenhalten und uns gegenseitig unterstützen, auch wenn Ereignisse auf uns zukommen, auf die wir nicht hundertprozentig vorbereitet sind.
Ich rechne mit Krisen und ich rechne weiter mit dem Guten, dass wir Menschen zusammenhalten und dass eine liebende Kraft, die ich Gott nenne, an meiner Seite ist, an unserer Seite. Ich brauche beides: Vorbereitung und Vertrauen.
Ich wünsche Ihnen eine behütete Nacht und eine gesegnete neue Woche.