"Mein Schatz!", sagt Gollum mit röchelnder Stimme in Tolkiens "Herr der Ringe". Was passiert, wenn Menschen sich ganz und gar einer Sache verschreiben?
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Es war einmal ein Mensch, der fand einen Schatz. Und er sprach: "Was soll ich tun? Eigentlich kann ich diesen Schatz zu nichts brauchen, aber ich will ihn trotzdem behalten. Ab heute ist es mein Schatz. Ich hab‘s: Ich will diesen Schatz hüten und immer bei mir tragen. Ich will mein Leben diesem Schatz verpflichten." Der Mensch gab sein ganzes Leben auf, alles Schöne, seine Familie und alle Freundschaften. Er wurde mit seinem ganzen Wesen ein Schatzhüter. Der Schatzhüter eines kleinen goldenen Rings. Sein eigenes Leben war damit verwirkt, beendet, vorbei. Früher hieß er Sméagol. Aber der war mit dem Schatz gestorben. Nun war er nur noch Gollum, der Schatzhüter.
Gollum ist eine Erfindung des Schriftstellers Tolkien für sein Werk "Der Herr der Ringe". Gollum war einmal ein Mensch. Bis ein Ring ihn so vereinnahmt, dass er alles Menschliche an sich vernachlässigt, vergisst und verliert. Übrig bleibt: der Schatzhüter. Nicht mehr und nicht weniger. Sein ganzes Sein und Wollen ist darauf ausgerichtet, diesen kleinen goldenen Ring zu beschützen.
Schätze sind in Geschichten meist eine feine Sache. In Märchen sind sie die Belohnung für die Heldin, den Königssohn oder die mutige Piratin. Aber manche Geschichten erzählen auch davon, dass Schätze gefährlich werden können. Denn Schätze verändern die Menschen, die sie finden.
Jesus erzählt einmal eine Geschichte, die ein bisschen an die von Gollum erinnert:
"Ein reicher Grundbesitzer hatte eine besonders gute Ernte gehabt. ‚Was soll ich jetzt tun?‘, überlegte er. ‚Ich weiß gar nicht, wo ich das alles unterbringen soll! Ich hab’s‘, sagte er, ‚ich reiße meine Scheunen ab und baue größere! Dann kann ich das ganze Getreide und alle meine Vorräte dort unterbringen und kann zu mir selbst sagen: Gut gemacht! Jetzt bist du auf viele Jahre versorgt. Gönne dir Ruhe, iss und trink nach Herzenslust und genieße das Leben!‘ Aber Gott sagte zu ihm: ‚Du Narr, noch in dieser Nacht werde ich dein Leben von dir zurückfordern! Wem gehört dann dein Besitz?‘" (1)
Die Geschichte ist seltsam. Ich find‘s hart, was dem armen reichen Kornbauern passiert. Aber dann denk ich mir: So ist es eben. Im Tod hilft einem auch kein Reichtum. Soll Gott die Wahrheit beschönigen? Meine Schwieger-Oma sagte etwas Ähnliches, wenn sie den Enkel:innen Geld zusteckte: "Ich kann‘s ja nicht mitnehmen."
Aber Jesus will mit der Geschichte mehr sagen als das. Er bringt ein paar Verse später auf den Punkt, worum es ihm geht: "Wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein."
Der reiche Kornbauer will ein Schatzhüter werden. Er hängt sein Herz ganz an seine große Ernte und richtet sein Leben darauf aus. Will größere Scheunen bauen, die alten abreißen. Und meint: Dann hat er ausgesorgt. Gar nicht so unähnlich zu Gollum erklärt auch er sein bisheriges Leben hiermit für beendet.
"Pass auf, was du dir wünschst", will ich fast zynisch sagen. Denn in der nächsten Nacht ist sein Leben beendet. Gott selbst verkündet es ihm: "Du Narr, noch in dieser Nacht werde ich dein Leben von dir zurückfordern."
Jesus aber erzählt die Geschichte nicht zynisch, sondern fürsorglich. Niemand wird lebendiger durch Reichtum. Sagt er mit dieser Geschichte behutsam. Nicht Gollum, nicht der reiche Kornbauer. Es gibt gute Schätze und es gibt schlechte Schätze. Die einen helfen zum Leben, die anderen begraben uns lebendig.
Jesus weist liebevoll auf eine mögliche Gefahr hin, vor der er uns bewahren will. Ich höre ihn so: "Ich weiß, Menschen neigen manchmal dazu, Dinge zu wollen, die ihnen nicht gut tun. Doch wo dein Schatz ist, da wird dein Herz sein. Deshalb achte auf dich. Achte auf dein Herz. Häng es nicht gedankenlos an irgendeinen Schatz. Sperr es nicht in einen Tresor. Platzier es gut. Häng es nicht an Vergängliches oder es wird vergehen. Häng es nicht an Materielles, denn das ist leicht zerstört. Häng es an einen Ort voller Leben und Liebe. An einen ewigen Ort. Häng es an Gott. Da hängt es gut."
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur dieser Sendung:
- Lukas 12,15-20 (Gute Nachricht Bibel)
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