Gemeinfrei via Fundus/ Stephan Krebs
So nah dran...
… und trotzdem das Ziel nicht erreicht
11.08.2026 06:35

Mose hat nach 40 Jahren Wüstenwanderung das gelobte Land vor Augen, aber darf es nicht betreten. Er stirbt vorher. Gescheitert? Nein. Eher ein Versöhnungsangebot der Bibel für alle Unvollendeten.

Sendetext:

Er ist so nahe dran gewesen. Das gelobte Land kann Mose schon sehen. Die schön geschwungenen Hügel Kanaans hat er bereits vor Augen. Der Duft von Weideland nach einem Sommerregen steigt ihm schon in die Nase. Das klare Wasser des Jordans ist nur ein paar Minuten entfernt. Nach 40 Jahren Marsch durch die Sandwüste steht Mose kurz davor, sein Lebensziel zu erreichen. Durch viele Entbehrungen hindurch hat Mose das Volk der Israeliten in die Freiheit geführt. Gemeinsam haben sie Krisen überstanden. Nun ist das neue Leben zum Greifen nah. Nur noch wenige Schritte, und es ist geschafft.

Aber Mose darf nicht hinüber. Er muss am anderen Ufer des Flusses bleiben. Gott sagt: Du nicht. Der Herr spricht zu Mose: "Dies ist das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Ich will es deinen Nachkommen geben. Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen." (1) Zutritt verboten. Eine Antwort von Mose an Gott ist nicht überliefert. 

Ich habe lange über diese harte Entscheidung Gottes nachgedacht. So recht habe ich sie nie verstanden. Wenn sich jemand das gelobte Land verdient hat, dann ist es doch wohl Mose. Er hat es mit viel Energie geschafft, die Ketten seines geknechteten Volkes zu sprengen. Er hat sein Leben dafür aufs Spiel gesetzt.

Während der Wüstenwanderung, wo andere längst die Brocken hingeworfen hätten, hat Mose durchgehalten. Sicher, unterwegs hat der Anführer Israels kräftig mit Gott gerungen. Aber darf man in 40 Jahren einer Wüstenreise nicht auch mal zweifeln? Was sollte denn der Sinn dieser ewigen Umwege und Irrwege sein? Damit man am Ende hört: Du nicht? Ist das die Quittung Gottes für Moses Auflehnung? Wenn es so wäre, dann wäre Gott gemein. Er käme mir vor wie ein Grenzwächter, der kleinlich und stur jeden Verstoß seines Gegenübers ahndet.

"So starb Mose, der Knecht des Herrn, daselbst im Lande Moab nach dem Wort des Herrn." Elie Wiesel, Schriftsteller und Holocaustüberlebender, erzählt in einer jüdische Legende anders vom Ende des Mose. Seine Version geht recht frei mit dem Alten Testament um. Bei ihm klingt die Geschichte so: "Als Mose erfuhr, dass seine letzte Stunde gekommen war, weigerte er sich, sie anzunehmen. Wenn er auch alt und müde geworden war von der Last, ein unzufriedenes und unbeständiges Volk, das ihm unaufhörlich Sorgen bereitete, durch die erbarmungslose Wüste zu führen, so hing er doch am Leben." (1) Selbst die fünf Bücher des Gesetzes, die Moses Namen tragen, flehten Gott an, sein Leben zu verlängern. Ohne Erfolg. Gott sagt in dieser Legende zu Mose: "Du musst sterben, Mose. Du musst es, damit das Volk kein Idol aus dir macht."

Mose stirbt als Unvollendeter. Früher konnte ich das nicht verstehen. Heute denke ich: Gut so. Mose geht nicht als einer, dem alles wie im Märchen aus dem Himmel zufällt. Er steht vielmehr mit seinem unbefriedigenden Lebensende für alle Menschen, die lange Zeit ihrem Lebenstraum hinterherjagen. Um diesem Traum dann doch kurz vor dem Ziel aus den Händen zu verlieren. Die nur am gelobten Land schnuppern.

So erinnert Mose an all die Unvollendeten, die vielleicht mal nahe dran waren und am Ende doch keine Punktlandung machen konnten. Mose stirbt nicht als Idol, dem alles perfekt gelungen ist. Sondern als Mensch, dessen Leben ein Fragment bleibt. Ein Bruchstück. So wie in meinem Leben einiges Fragment bleibt.

Manchmal bist du eben nur nah dran. Aber genau so, auch in dem, was unvollendet bleibt, bist du Gott recht. Auch in deinem Bruchstück Leben ist alles da, was du zum ewigen, sinnerfüllten Leben brauchst. Gottes Liebe und Nähe sind dir sicher. Auch wenn du dir manches Ende ganz anders ausgemalt hast. 

Es gilt das gesprochene Wort.

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