Man ackert mit viel Mühe und Liebe – und dann wird nichts daraus. Was nun: frustriert aufgeben? Es nochmal versuchen und wieder scheitern?
Sendetext:
Vieles versucht. Immer gescheitert. Erneut versucht. Wieder nichts. Wer von uns einmal ein Projekt an die Wand gefahren hat, schweigt darüber meist still und schämt sich. Vom Karriereknick oder der krachenden Pleite erzähle ich eher ungern. Meist erfährt nicht einmal der beste Freund oder die engste Freundin etwas von mir. Am liebsten würde ich die Niederlage vergessen.
In der Bibel gibt es nicht nur Geschichten vom gelingenden Leben. Zum Glück erzählt sie auch davon, wie Menschen Krisen und Bauchlandungen durchgemacht haben. Wie sie trotz bestem Bemühen gescheitert sind.
Eine Erzählung vom Scheitern stammt vom Propheten Jesaja. Es ist sein Lied vom unfruchtbaren Weinberg. (1) Jesaja stellt sich wie ein Bänkelsänger mit Gitarre mitten auf den Marktplatz.
Denkt euch, singt Jesaja, mein Freund hatte einen Weinberg. Unglaublich viel Mühe gibt er sich. Das Land ist gut ausgewählt. Das Erdreich ist fruchtbar. Mit Spaten und Hacke und viel schweißtreibender Arbeit gräbt er den Weinberg um. Selbst einen Turm für einen Wächter setzt er hin. Alles ist bereit für den Erfolg.
Beim Stichwort "Weinberg" muss es bei den Leuten geklingelt haben. Der Weinberg ist in der Bibel immer ein Bild für Gottes Liebe. Um Liebe und Leidenschaft für die Sache geht es. Wer einmal seine ganze Kraft eingesetzt hat, um ein Ziel zu erreichen, kennt das. Aber oje, alle Mühe und Liebe sind vergeblich. Statt süßer Früchte erntet der Freund nur saure Schrumpeltrauben. Er zahlt jede Menge Lehrgeld, sein schönes Projekt verdorrt. Jesaja fragt ins Publikum hinein: Leute, sind wir nicht alle schon mal gescheitert?
Da haben wir uns die größte Mühe gegeben mit unseren Kindern. Haben viel Liebe in ihre Entwicklung investiert - und dann geraten sie ganz anders. Da tun wir alles, die Beziehung zu einem Mann, zu einer Frau lebendig zu halten, doch schließlich welkt alles dahin. Oder das erhoffte lukrative Geschäft führt geradewegs in die Pleite.
Kein Wunder, dass der Weinbergsbesitzer seine Geduld verliert. Den Zaun des Weinbergs reißt er nieder, traurig und enttäuscht. Am Ende überlässt er den karstigen Weinberg seinem Schicksal. Nur weg - der Freund ist gescheitert.
Aber Jesajas Lied nimmt eine überraschende Wendung. "Liebe Leute, ihr seid der Weinberg dieses Herrn", singt Jesaja sinngemäß. Stirnrunzeln im Publikum. Du, lieber Mensch, bist der karstige Boden. Du bist der Weinstock, der nicht reift. Jesaja lüftet das Geheimnis, wer mit seinem Freund, dem Weinbergbesitzer, gemeint ist: Gott. Seine freundliche Liebe hat bei den Menschen nicht gefruchtet. Wie oft hat Gott seine Liebe vergeblich über ihnen ausgegossen! Immer und immer wieder. Auf dem Marktplatz wird es still. Betretenes Schweigen.
Im Weinberglied singt Jesaja weiter: "Gott erwartete Rechtsspruch, doch siehe, da war Rechtsbruch; er hoffte auf Gerechtigkeit, doch siehe, da war Schlechtigkeit."
Das will der Prophet Jesaja kritisieren: Wer Gottes Liebe vergisst, wird hartherzig. Wer die himmlische Liebe verschmäht, vergisst am Ende auch die irdische Liebe zu den Menschen, seinem Nächsten. Der Prophet singt einen Protestsong, der wachrütteln soll.
Ein paar Jahre später wird Jesaja sich selbst widersprechen. Der Protestsänger wird ein neues, tröstliches Lied singen: "Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht." (2) Der Name "Jesaja" ist Programm und bedeutet: Gott rettet. Gott befreit zu neuem Leben. Menschen können scheitern und hinfallen. Gottes Geduld endet nie. Niemals würde Gott seinen geliebten Weinberg, seine Welt, sich selbst überlassen. Auch wenn wir Gott ab und zu völlig vergessen: Gott bleibt sich und seiner Liebe zu uns treu. Er gibt gerade denen, die gescheitert und verkehrt abgebogen sind, eine neue Chance.
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur zur Sendung:
(1) Jesaja 5
(2) Jesaja 9,1
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