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Wie Franz von Assisi Sultan Al-Kamil bekehren wollte
Zum 800. Todestag Franz von Assisis
04.10.2026 08:35

Ägypten, 1219: Mitten im Kreuzzug überquert ein Bettelmönch die Front, um den Sultan zu bekehren. Was aus dieser gefährlichen Begegnung wurde, verändert bis heute den Blick auf Dialog zwischen den Religionen.

Sendetext:

Es ist Herbst des Jahres 1219: In der ägyptischen Hafenstadt Damiette, an der Mündung des Nils, haben sich die Einwohner verschanzt. Ihre Stadt wird seit Monaten von Truppen angegriffen, die sich im fünften Kreuzzug auf den Weg gemacht haben. Johanniter, Templer, Deutsche Ordensritter wollen Kairo erobern und von dort nach Jerusalem weiterziehen. Nach langer Belagerung nehmen sie Damiette ein. Doch dann ändert sich die Lage, sie werden in einen Hinterhalt gelockt. Aber trotz des Sieges rückt der Sultan nicht vor, denkt sogar über einen Waffenstillstand nach. Zu unübersichtlich erscheint ihm die Lage. 

Jetzt sieht ein Mönch seine Stunde gekommen. Sein Name: Giovanni di Pietro di Bernardone. Die meisten Menschen nennen ihn einfach Franziskus oder Franz von Assisi. Der von ihm in der italienischen Stadt Assisi gegründete Orden der minderen Brüder war immer populärer geworden. Das Bekenntnis zur Armut verschaffte den Bettelmönchen im Umfeld von Korruption und Machmissbrauch hohes Ansehen. Und dann hat Franziskus sich den Rittern angeschlossen. Er hatte eine Eingebung, der zufolge eine große Katastrophe bevorstand. Nun, nach der Niederlage der Kreuzfahrer und dem Zögern des Sultans, macht er sich tatsächlich auf den Weg nach Ägypten. Er will den Sultan missionieren:

In der Dämmerung der heranziehenden Nacht gelingt es Franz zusammen mit seinem Gefährten Illuminato, der ihm als Dolmetscher dienen soll, die Grenze zwischen den Kriegslagern zu überwinden. Die ganze Nacht zuvor haben sie im Gebet verbracht, denn ihre Mission ist nicht ungefährlich. Franziskus hat immer wieder die eigenen Ritter gedrängt, von einem Angriff abzusehen, allerdings ohne Erfolg. Deshalb sieht er nur noch eine Möglichkeit, um den Krieg zu beenden: Er will den Sultan bekehren, ihn von der Einzigartigkeit des Christentums überzeugen. Ein gewagtes Unternehmen, das durchaus tödlich enden kann. Tatsächlich schafft Franziskus es: Der Sultan empfängt ihn. Drei Tage diskutiert Franz mit ihm und kehrt dann unversehrt wieder zurück. 

Soweit die Legende. Ob es sich tatsächlich genau so zugetragen hat, muss kritisch betrachtet werden. Auffallend ist, dass es in arabischen Quellen nahezu keine Hinweise auf die Begegnung gibt. Für sie hat der Mönch aus Assisi keine Bedeutung. Außerdem sind die Berichte über die Ereignisse am Nil insgesamt spärlich. Bei aller Skepsis hinsichtlich der Details geht die Mehrheit der Historiker dennoch davon aus, dass es tatsächlich zu dieser Begegnung gekommen ist. Und dieses Treffen ist beachtenswert: Ein Ereignis, das noch immer Rückschlüsse ermöglicht, in welcher Weise eine Annäherung in Kriegszeiten möglich ist und wie Begegnungen der Religionen in Krisen aussehen können. Schon deshalb verdient Franz von Assisi, der gestern vor 800 Jahren gestorben ist, noch immer Beachtung. Vor allem aber macht diese geheimnisvolle Begegnung eines Christen mit einem Muslim inmitten der Kriegswirren neugierig. 

Wie sah die Begegnung des Mönchs mit dem Sultan in diesem interreligiösen Friedensgespräch aus dem 13. Jahrhundert aus? 

Da ist zum einen Franz von Assisi.Als Mönch hatte er ein Leben in Armut gewählt. Im Einklang mit der Natur wollte er sein, schrieb ein Lied für die Sonne, sprach von Schwester Mond und soll sogar den Vögeln gepredigt haben. Keine Frage, dass dieser Mönch ein friedliebender Mensch war. Und doch ist nicht klar, ob er sich grundsätzlich gegen die Kreuzzüge aussprach, oder ob er nur eine Schlacht verhindern wollte, weil er die Niederlage der Kreuzfahrer voraussah.

Klar ist: Franz von Assisi wollte den Kampf zwischen Christen und Muslimen vermeiden. Unstrittig ist auch, dass er von seinem christlichen Glauben ebenso überzeugt war wie von dessen Überlegenheit. Nur dieser Glaubenseifer brachte ihn auf die etwas abstruse Idee, den Sultan zu missionieren, um so Frieden zu erlangen.

Wie reagierte sein Gesprächspartner auf dieses Ansinnen? Und wer war das überhaupt: der Sultan, der als Oberhaupt der Muslime den Kreuzfahrern gegenüberstand?

Sultan al-Malik al-Kamil herrschte zu Beginn des 13. Jahrhunderts zusammen mit seinen Brüdern über den gesamten Orient. Der sagenumwobene Saladin war sein Onkel. Beide gehörten zu den Ayyubiden, einer kurdischen Dynastie der Sunniten. Al-Malik al-Kamil galt als Freund der Wissenschaften und Förderer der Künste. Zeitgenössische Quellen beschreiben ihn als gebildeten Herrscher, der selbst als Rechtsgelehrter ausgebildet war. So zog er geistige Koryphäen in sein Umfeld und pflegte mit Vorliebe Debatten über religiöse Fragen. Dabei zeigte er ein besonderes Interesse an der islamischen Mystik der Sufis. Die Bezeichnung der Sufis leitet sich von dem Wort suf für raue Wolle ab und bezieht sich auf die schlichten Gewänder der Derwische, die in ihrer asketischen Ausrichtung eine gewisse Parallele zu den christlichen Asketen zeigten, wie es die Franziskaner waren. 

Der Hinweis auf die Verbindung des Sultans zu den Sufis kann den Schleier lüften, der über dieser rätselhaften Begegnung liegt. Tatsächlich musste die Erscheinung des Franziskus Erinnerungen an die Derwische wecken. Und damit war die Möglichkeit zu einem Gespräch gebahnt: Sei es aus Toleranz, die zum Kern der Identität der Sufis gehört, oder auch aus purer Neugierde.

Hat der Sultan den unscheinbar wirkenden Mönch für harmlos gehalten oder gar für geistig verwirrt? Zum Christentum bekehren ließ er sich jedenfalls nicht. Das primäre Ziel, mit dem Franziskus aufgebrochen war, schlug also fehl. Aber trotzdem scheint es ein Gespräch gegeben zu haben, und zwar als Austausch auf Augenhöhe. 

Kehren wir noch einmal zurück zu den legendären Berichten, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie das Gespräch der so verschiedenen Persönlichkeiten verlaufen sein könnte.

Dass dieser schlicht gekleidete Mönch furchtlos in das Lage der Feinde kam und den Sultan zu sprechen wünschte, verschaffte ihm Respekt. Über mehrere Tage hörte der Sultan ihm zu, bewirtete ihn und zog sogar seine Berater hinzu. Franziskus hingegen betonte, er sei von Gott geschickt und nicht von den Kreuzrittern. Und er sprach nicht gegen den Islam, sondern zeigte sich um die Seele des Sultans besorgt. Sein Missionsversuch kam nicht aggressiv daher, sondern im Gewand der Fürsorge. Er meinte, den Sultan vom rechten Glauben überzeugen zu müssen, damit dieser keine Seelenqual zu erleiden habe. Solche Glaubensstärke beeindruckte al-Kamil, und angesichts des Bettelgewands erinnerte er sich an eine Weisheit des Sufi Dichters Suhrawadi: "Wenn Worte aus dem Herzen kommen, werden sie ins Herz eingehen; aber wenn sie nur von der Zunge kommen, werden sie nicht über die Ohren hinausgehen." Am Ende entließ der Sultan seinen ungewöhnlichen Besucher und verabschiedete sich mit dem Worten: "Bete für mich, damit Gott mir den Glauben offenbart, der ihm am wohlgefälligsten ist."

Aufgebrochen war Franziskus, um Frieden durch die Bekehrung des Sultans zu erreichen. Das Ergebnis war dann aber doch anders: Getragen von Respekt und geprägt von der aufrichtigen Haltung als Folge eines ehrlichen Glaubens änderte sich das jeweilige Bild von der anderen Seite. Im Gespräch wurden Klischees korrigiert. Man erkannte gemeinsame Interessen und entwickelte Neugierde für das Fremde.

Offensichtlich war die Ähnlichkeit des christlichen Bettelmönchs mit den Derwischen eine Grundlage für diese Annäherung. Wie die Franziskaner haben sich die Derwische allem Ruhm und Besitz entsagt, suchten stattdessen die Nähe zu Gott und zu den Menschen. Als höchstes Ideal galten ihnen deshalb Toleranz und Nächstenliebe, und zwar über alle Grenzen hinweg. 

Aus dieser Sicht erscheint das Interesse des Sultans an dem Mönch plausibel. Auch Franz kam tief beeindruckt zurück. Vieles von dem, was er später als Ordensregel für die Franziskaner formulierte, ist von diesem Ereignis geprägt. 

Die Begegnung zwischen Fanz von Assisi und Sultan Al-Kamil war einer der ersten interreligiösen Dialoge. Zwar bewirkte diese geheimnisumwitterte Begegnung nicht das Ende des Kriegs, aber sie führte mit einem gewissen Abstand zu Verhandlungen und letztlich zum Frieden von Jaffa. 

Von muslimischer Seite wurde dieser Friedensschluss nicht gerade begeistert gefeiert. Sultan al-Kamil erfuhr Kritik für sein Entgegenkommen. Und es ist nicht klar, ob sich diese Begegnung auf sein Denken ausgewirkt hat. Sicher ist jedoch, wie sich die Perspektive auf christlicher Seite verändert hat: 

Seit dem Gespräch des Sultans mit dem Bettelmönch ist klar: Armut bedeutet nicht automatisch Ohnmacht. Außerdem wissen wir: Das Miteinander der Religionen setzte die Begegnung in respektvoller Demut voraus.

Das gilt nicht nur für den Glauben, sondern auch für politische Haltungen. Der Weg zum friedlichen Miteinander führt über die gegenseitige Anerkennung, getragen von der gemeinsamen Sorge um die Zukunft. Und auch dafür gibt Franz von Assisi Empfehlungen, indem er den Mutigen rät: Sie sollen, wenn sie gegen den allwaltenden Hass antreten, niemanden beschimpfen, nicht murren, andere nicht verleumden, nicht richten und nicht verdammen.

Und so kann aus der Begegnung zweier beherzter Menschen in der Krise Hoffnung gegen die Frustration wachsen. In den Aufzeichnungen, die er nach der Begegnung mit al-Kamil aufgeschrieben hat, heißt es wohltuend:

"Wo Liebe und Weisheit herrschen, gibt es weder Furcht noch Ungewissheit. Wo Geduld und Demut walten, gibt es weder Zorn noch Unruhe. Wo Armut mit Freude einhergeht, gibt es weder Gier noch Habsucht. Wo die Gottesfurcht den Hof bewacht, findet der Feind keinen Einlass." (1) 

Franz von Assisi wurde in seiner Persönlichkeit durch die Begegnung mit Sultan al-Kamil verändert. Wie diese Begegnung verlaufen ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Aber eines ist deutlich: Er verabschiedete sich von starren Überzeugungen, wollte Mauern nicht mehr hinnehmen, denn diese lösen keine Probleme, rufen stattdessen neue Spannungen hervor und vergiften die Atmosphäre. Wenn damals so ungleiche Partner wie Franziskus und al-Malik al-Kamil zusammenkamen, dann muss es doch möglich sein, auch heute, in drängender Sorge um die Zukunft, über alle ideologischen Mauern hinweg das Gespräch zu finden.

Es gilt das gesprochene Wort.

Musik dieser Sendung:
1. Introduction, Dream of the Orient
2. In te domine speravi, Trialog 
3. Sonnengesang des Franz von Assisi, Laudato Si – Musik aus Regensburg
4. Christ ist erstanden - Hallelujah, Trialog 
5. Witchi-Tai-To, Twelve Moons

Literatur dieser Sendung:
1. Franz von Assisi: Admonitiones, No.27 De virtute effugante vitio. (https://www.intratext.com/IXT/LAT0826/
Die Legende über die Begegnung wurde aus der folgenden Literatur zusammengestellt:
Frank M. Rega: Sr. Francis of Assisi and the Conversion of the muslims, Charlotte, North Carolina 2007   ISBN: 978-0-89555-858-9.
Der Sultan und der Heilige. Islamisch-Christliche Perspektiven auf die Begegnung des hl. Franziskus mit Sultan al-Kamil (1219–2019). Hg. v. Amir Dziri, Angelica Hilsebein, Mouhanad Khorchide und Bernd Schmies. Münster 2021. 
Jason Welle: Arabic Sources for the Encounter between the Saint and the Sultan: Fakhr al-Fārisī’s Famous Adventure with Francis, or Lack Thereof. In: Studia Orientalia Christiana, Collectanea 48-49 Kairo (2025-16). S. 7-75.