In Zeiten des Umbruchs braucht es Menschen mit klarer Haltung. Die jüdische Gesellschaftstherapeutin Ruth Cohn war so eine. Was lässt sich für die Gegenwart von ihr lernen?
Sendetext:
"… zu wissen, dass wir zählen, jeder Mensch zählt
mit unserem Leben
mit unserem Lieben
gegen die Kälte
Für mich, für dich, für unsere Welt" (1)
Mit diesen Worten beginnt ein Gedicht von Ruth Cohn. Sie wurde 1912 als zweites Kind einer jüdischen Familie in Berlin geboren. Ruth Cohn war Psychoanalytikerin. Bekannt geworden ist sie durch die so genannte Themenzentrierte Interaktion – kurz TZI.
Jeder Mensch zählt, schreibt Ruth Cohn in ihrem Gedicht. Das ist wie ein Prinzip für die TZI. Jede und jeder hat etwas dazu beizutragen zu einem Gespräch, zu einer Auseinandersetzung, zu einer Arbeitsgruppe. Damit wir gemeinsam vorwärtskommen und miteinander etwas auf die Beine stellen, muss jede und jeder sich entfalten können und gleichzeitig wissen: Ich agiere nicht im leeren Raum. Um mich herum sind andere, die am Ganzen mitwirken. Auf die muss ich eingehen. "Störungen haben Vorrang!" ist ein wichtiger Satz aus der Themenzentrierten Interaktion.
Ich spreche mit Brigitte Fenner aus Heiden in Lippe. Sie ist Pfarrerin und ist ausgebildet in Themenzentrierter Interaktion. "Zu wissen, dass wir zählen, jeder Mensch zählt". Wenn Sie das Gedicht von Ruth Cohn hören, liebe Frau Fenner, was geht Ihnen da durch den Kopf?
Ich finde, dieses Gedicht passt in unsere Zeit. Heute ist der 6. September. Wir haben eine wichtige Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Jeder Mensch zählt. Dieser Satz ist wichtig für das politische Zusammenleben in unserem Land. Es ist entscheidend, dass alle, die gewählt werden, nicht sortieren, wer angeblich mehr zählt und wer weniger.
Das Gedicht passt aber auch in jede Zeit. Ich denke an den 11. September. "Nine Eleven", der terroristische Anschlag auf New York und Washington, jährt sich in ein paar Tagen zum 25. Mal. Wir in der westlichen Welt wurden damals erstmals mit dem Phänomen brutaler Selbstmordattentate konfrontiert. Ich weiß noch, wie mich das erschreckt hat, dass Menschen ausgebildet wurden, sich selbst zu töten, um andere zu töten. Da zählte ein Menschenleben nichts mehr – das eigene nicht und das der anderen auch nicht. Das war eine neue Qualität der Unmenschlichkeit.
Sie haben ein Buch geschrieben, einen Roman. Darin stellen Sie Ruth Cohn vor. Aber nicht nur sie. Sie beschreiben eine Begegnung von Ruth Cohn mit der politischen Philosophin Hannah Arendt. Die Begegnung ist eine Fiktion. Die beiden Frauen haben sich ja nie getroffen. Aber sie hat viel miteinander verbunden. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Brigitte Fenner:
Im Kino. Ruth Cohn kannte ich gut, weil ich ja selbst die Ausbildung in ihrem pädagogischen Konzept der Themenzentrierten Interaktion gemacht habe. Auf die Idee, sie mit Hannah Arendt in Verbindung zu bringen, bin ich gekommen, als der Film von Margarethe von Trotta über Hannah Arendt herauskam. Ich saß wie gebannt vor der Leinwand und habe immerzu gedacht: Etwas verbindet diese beiden Frauen!
Beide kommen aus jüdischen Familien. Beide haben die Verfolgung durch die Nazis erlebt, aber vor allem haben beide die Opferrolle verweigert. Das hat mich beeindruckt, dass beide um die eigene Handlungsfähigkeit ringen, so ohnmächtig eine Situation auch sein mag. Darüber wollte ich die beiden diskutieren hören. Darum setze ich sie in meinem Roman zusammen in ein Flugzeug. Rein fiktiv natürlich.
Im Klappentext zu Ihrem Buch heißt es: "Es ist, als hätten sie sich stets gerade so verpasst, als wären sie unbemerkt aneinander vorbeigelaufen – in den Gassen Heidelbergs, in den Straßen Berlins, in den Cafés von Lissabon … oder dann in New York, wo sie nur wenige Straßen voneinander entfernt wohnten und arbeiteten."
Brigitte Fenner:
Das war tatsächlich eine erstaunliche Entdeckung. Irgendwann habe ich in meiner Kladde die Lebensdaten der beiden Frauen nebeneinander notiert und gedacht: "Das gibt's doch gar nicht." Die waren zur gleichen Zeit in denselben Städten, die sind beide 1933 aus Deutschland emigriert und dann 1941 mit den letzten Schiffen von Lissabon nach New York gekommen. Und als ich dann für meine Recherche nach New York gereist bin, konnte ich deren Wohnungen und Ruth Cohns Praxisräume tatsächlich an einem Vormittag zu Fuß ablaufen. Die Columbia Universität liegt auch im selben Viertel. Das war ein wichtiger Ort für die beiden, weil man da an Bücher rankam. Man musste ja auf der Flucht fast alles zurücklassen. Die Parallelen sind also erstaunlich, bis dahin, dass beide Goethe geliebt haben, dass ihre Mütter Pianistinnen waren und beide sehr früh ihren Vater verloren hatten. Ich dachte wieder und wieder: Ich muss sie nebeneinandersetzen. Ich möchte zu gern wissen, ob sie sich verstehen.
Und - wie ging das aus?
Das verrate ich nicht. Nur so viel vielleicht: Hannah Arendt war auf jeden Fall ein ganz anderer Typ. Die Psychologie war Hannah Arendt immer ein bisschen suspekt. Ich denke, sie hatte die Sorge, dass man mit der Psychologie am Ende zu viele Dinge entschuldigen könnte. Ihr ging es um klare Urteilsfähigkeit, die auf Tatsachen beruht. Für Ruth Cohn blieb die persönliche Perspektive immer von größter Bedeutung. Und zwar als Einheit von Denken und Gefühl… und damit natürlich auch um selbst-bewusste Urteilskraft.
Wir sprechen über Ruth Cohn, die Gesellschaftstherapeutin. Mir ist schon oft aufgefallen: Ob Lehrerinnen und Lehrer, Jugendpädagogen oder Pfarrerinnen – wenn die in Gruppen sehr wertschätzend kommunizieren – also zum Beispiel nicht schnell urteilen, von sich sprechen statt "wir" oder "man", wenn sie respektvoll bleiben, auch wenn Meinungsverschiedenheiten da sind – dann sind das ganz oft Leute, die in Ruth Cohns Modell der TZI, der Themenzentrierten Interaktion, ausgebildet sind. In den 70er Jahren hat sich das hier in Deutschland etabliert.
Brigitte Fenner:
Unsere moderne Pädagogik, die systemischen therapeutischen Ansätze – sie alle haben Ruth Cohn viel zu verdanken. Aber ihr Name ist nicht mehr so bekannt. Umso schöner, dass Sie feststellen, wie sehr ein respektvoller Umgang miteinander von ihr geprägt ist.
Das hat ja was mit Ruth Cohns eigener Geschichte zu tun.
Brigitte Fenner:
Das stimmt.
Es gibt ein Schlüsselerlebnis, von dem sie öfter erzählt. Das ist eine Situation im Zweiten Weltkrieg im Schweizer Exil. Sie lebt mit ihrem Mann nah an der Grenze zu Nazi-Deutschland. Er arbeitet an einer Klinik. Sie haben ihr erstes Kind, und auf einmal ist es auch hier nicht mehr sicher. Die Front rückt näher. Man hört den Gefechtslärm. Ihr Mann wird mit an die Grenze gerufen, und Ruth ist nun allein zu Hause mit der kleinen Heidi. Für diese Situation - dass die Deutschen die Schweiz besetzen und sie nicht rauskommen - hatte das Ehepaar überlegt: Was wird mit unserem Kind? Und eine Ampulle für das Kind bereitgelegt. Und dann sitzt Ruth Cohn da und merkt, sie schafft das nicht. Sie kann das nicht tun. Da kommt die Frau des Klinikverwalters angelaufen und sagt: "Wir nehmen das Kind."
Über die Haltung dieser Frau hat Ruth später immer wieder nachgedacht. Diese einfache Frau bietet Ruth an, Heidi als das Baby ihrer gerade volljährigen Tochter auszugeben. Sie ist bereit, ihrer eigenen Tochter ein uneheliches Kind anzudichten, und das in der konservativen Schweiz, wo nicht mal Männerbesuch erlaubt ist in den Schwesternzimmern. Aber für die Frau zählt dieses Kind.
Wie hat dieses Erlebnis die spätere Lehre von Ruth Cohn beeinflusst?
Brigitte Fenner:
Für Ruth Cohn geht es nicht nur um Methoden. Vielmehr müssen Haltung und Methode zusammenfinden. Aus diesem Schlüsselerlebnis hat Ruth Cohn einen Grundsatz abgeleitet. Er heißt: "Ehrfurcht gebührt allem Lebendigen und seinem Wachstum."
Das freut Sie als Theologin, nehme ich an…
…ja, für mich verbindet sich das mit der Schöpfung Gottes. Und ich mag dieses altertümliche Wort "Ehrfurcht". Weil darin noch mehr anklingt als Respekt. "Ehrfurcht" hat mit Respekt und Staunen zu tun. Mit Hingabe und mit Liebe. Aber der Satz wirkt auch ohne religiösen Bezug. "Ehrfurcht gebührt allem Lebendigen und seinem Wachstum." Wie bei dieser Frau des Klinikverwalters. Die trug diese Ehrfurcht in sich. In TZI-Kursen wird das geübt.
Wie kann man Ehrfurcht üben?
Brigitte Fenner:
Ruth Cohn erzählt, dass sie ein Bild geträumt hat. Es passt auf eine Serviette. Ein Dreieck mit einem Kreis oder besser mit einer Kugel drumherum. An jeder Ecke des Dreiecks ein kleines Wort. Ich – Wir – Es. Damit sind die Spitzen schon beschriftet. Und die Kugel nennt sie den Globe. Er steht für alles, worin wir leben und was sonst noch Einfluss nimmt auf ein Geschehen.
Klingt einfach und auch ein bisschen abstrakt. Was macht man dann damit?
Brigitte Fenner:
Man spielt und balanciert damit. Das ist die hohe Kunst. Man nähert sich einem Thema von allen Perspektiven an und schenkt jeder Ecke und auch dem Globe Beachtung. Immer wieder. In den Kursen nimmt man sich viel Zeit dafür. Ich habe ein Thema und schaue: Was bedeutet es für mich persönlich? Das Ich. Welche Sorgen, Ängste oder welches Glück empfinde ich dabei? Dann gehe ich in den Austausch mit anderen. Das Wir. Dadurch wächst ein gegenseitiges Verständnis und ein Gefühl für die Gruppe. Dann gibt es einen Impuls, der das Thema vertieft, Fakten beisteuert oder Zusammenhänge erklärt. Das Es. Und wieder von vorn. Ein TZI-Kurs ist eine echte Übung in Entschleunigung.
Haben Sie Beispiele aus Ihrem Berufsleben als Pfarrerin?
Brigitte Fenner
Naja, ich habe viele Gelegenheiten, TZI anzuwenden. Wenn ich eine Predigt schreibe, beginne ich bei mir. Was löst ein Bibeltext in mir aus? Was mag ich, worüber schüttle ich den Kopf? Das Ich. Und dann stelle ich mir einige der Gottesdienstbesucher vor. Das Wir. Und dann lese ich wieder den Text. Das Es. Und überlege, was noch eine Rolle spielt: das Wetter, die Jahreszeit, die Nachrichtenlage? Der so genannte Globe. Was hat der Bibeltext dazu zu sagen? Ich balanciere und spiele mit dem Dreieck und der Kugel.
Oder im Kirchenvorstand. Thema: Wie verteilen wir die Aufgaben, wo jetzt nur noch eine Pfarrerin im Ort ist? Früher waren es zwei. Ich komme mit einer Idee, teile aber auch meine Ängste. Wie soll ich das schaffen? Und dann höre ich auf die anderen Stimmen. Auch die haben Ängste oder Hoffnungen. Wir informieren uns über neue Gottesdienstformen. Wir überlegen, wer in der Gemeinde noch mithelfen kann oder was die Gemeindeglieder am meisten vermissen würden. Wir würdigen unsere schöne alte Kirche als großen Schatz und beschließen dann zwei Gottesdienste im Monat zu anderen Zeiten und nur mit Ehrenamtlichen zu gestalten… Auf diese Weise werden wir in der Gruppe selbst wirksam. Das ist so wichtig.
Nun gibt es ja heute so viele kommunikative Modelle, Seminare für Achtsamkeit … was ist das Besondere an Ruth Cohns Methode?
Brigitte Fenner
Das Besondere ist und bleibt für mich: Ruth Cohn verbindet Haltung und Methode. Jeder Mensch wird ernstgenommen. Jeder kann etwas beitragen und wird auch praktisch dazu immer mehr befähigt.
Das wirkt auch der Polarisierung und Radikalisierung entgegen. Besonders, wenn wir jetzt nochmal an die Wahlen denken. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr gehört. Sie schwanken zwischen einem "Alles oder nichts". Entweder sind sie ganz Opfer oder sie erhoffen sich einen Aufstieg, eine Allmacht, die ebenfalls realitätsfern ist. Jedenfalls für die meisten Wählerinnen und Wähler.
Wenn Ruth Cohn mit uns hier im Studio säße: Was würde sie uns sagen?
Brigitte Fenner:
"Du bist nicht allmächtig, du bist nicht ohnmächtig, du bist teilmächtig." Das ist nochmal so ein schöner Satz von Ruth Cohn. Ich finde ihn ungeheuer hoffnungsvoll. In meinem Umfeld versuche ich, die Freude an dieser "Teilmacht" zu wecken. Wenn viele Menschen mitdenken und es dann umsetzen, erleben sie: Ich kann etwas erreichen. Nicht alles und nicht ganz allein, aber etwas. Und mit anderen zusammen. Mein Beitrag ist wichtig. Und wir verändern was.
Danke, liebe Birgit Fenner. Wichtig ist für mich, dass das alles auf einem Fundament ruht. Manche nennen es Menschlichkeit. Als Christin nenne ich es die Liebe Gottes. Damit können wir vieles in der Welt zum Guten wenden. Das letzte Wort gehört jetzt Ruth Cohn und ihrem Gedicht über das, was für sie grundlegend ist:
"… zu wissen, dass wir zählen, jeder Mensch zählt
mit unserem Leben
mit unserem Lieben
gegen die Kälte
Für mich, für dich, für unsere Welt" (1)
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1. Dionne Warwick, What The World Needs Now
2. Al Stewart, The Year of the Cat
Literatur / Quellen dieser Sendung:
1. Zitiert nach: S. 164 Brigitte Fenner: "Versuchen, irgendwie ein Mensch zu sein", Hannah Arendt und Ruth Cohn – eine Begegnung, Patmos, Ostfildern, 2025, aus: Cohn, Ruth C.: "Zu wissen, dass wir zählen", Bern, 1990, S. 2.