Was wirklich zählt

Pastorin Annette Behnken

Ich bin immer noch drin ….in diesem Verein. Mein Verein. Auf den einige komplett genervt reagieren, „lass mich bloss in Ruhe damit“. Den meisten anderen ist er schlicht egal - und zwar sehr egal.  -- 

Die Kirche schrumpft rasant. Und ich gehör immer noch dazu, zu meiner mir manchmal so peinlich-lahmen-lebensfremden Kirche. Aber genau deshalb.

Weil sie sich so wacker gegen den Zeitgeist stellt, wenn es nötig ist. Und die Fahne hochhält für die wichtigsten Werte: die, die dem Leben dienen. Über allen Zeitgeist hinweg.

Weil ich damals meiner Grossmutter geglaubt habe, dass es Gott gibt und dass er überall ist wie Nebel und Wolken und alles mit Wohlwollen erfüllt.

Weil ich schon immer Sehnsucht hatte. Nach Tiefe. Schönheit. Sinn. Nach Zuhausesein in der Welt. Weil ich verstehen will: Was hat er sich gedacht, der, den ich Gott nenne, was hat er sich gedacht mit dem Ganzen hier, mit all dem Leben, das so beschissen sein kann und so wunderschön.

Ich hab meine Zweifel an ihm. Das ist nicht schwer, Gründe gibt es genug. Ob‘s ihn wirklich gibt und wie, weiss ich nicht. Trotzdem kann ich nicht aufhören, ihn zu suchen und irgendwie zu glauben.

Und wenn ich glücklich bin, weil ich den Wald rieche und das Meer höre und meine geliebtesten Menschen küsse - dann muss dieses Glück doch irgendwo hin.

Ich finde es zum Niederknien wunderschön, in Kirchen zu sein, weil mich ihre erhabenen Gewölbe und Mauern mit Ehrfurcht erfüllen und das Wissen, dass in ihnen seit Jahrhunderten gebetet, gesungen, geglaubt und gezweifelt wird. Weil ich die Choräle liebe und es mich glücklich macht, sie zu singen. Weil sich mir nach Jahren immer wieder neue Geheimnisse enthüllen. Der seltsamen Melodien und Texte und Gebete. Weil ich nie fertig werde mit all dem.

Ich vertraue unseren Vorgängerinnen und Vorgängern im Glauben, die großartige Dinge gesagt haben, wie der Nazigegner und Theologe Dietrich Bonhoeffer, der meinte: Mag sein, dass der jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.. Oder wie der legendäre Arzt und Friedensnobelpreisträger Albert Schweizer: Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in einer Garage steht.

Ich glaube nicht, dass Christen die besseren Menschen sind oder die glücklicheren.

Unsere Gesellschaft verdankt aber ihre höchsten Werte dem Christentum: Frieden. Gerechtigkeit. Bewahrung der Schöpfung. Und die Würde jedes und jeder einzelnen. Auch deshalb bin ich noch dabei.

Ich bin noch dabei, weil das Leben schwierig und kompliziert ist und ich nicht will, dass wir den Vereinfachern und Fundamentalisten das Feld überlassen.

Weil Jesus gesagt hat: „Ich bin das Leben“. Weil ich glaube, dass er einer der freiesten Menschen überhaupt war. Der bedingungslos aus der Liebe lebte. Bei dem jede und jeder Würde hatte. Der heilte und erlöste.

Mein Bild von Gott hat Federn gelassen über die Jahre, seit ich meiner  Großmutter geglaubt habe. Und das ist richtig so. Weil ich eigentlich nichts weiss. Edith Stein gesagt, die in Auschwitz wegen ihres Glaubens umgebracht wurde, hat gesagt. Gott ist ungreifbar, unfassbar und doch ist er mir näher, als ich mir selbst.

 

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