„Die Liebesgeschichte der Reformation“

Katharina Luther im Film
Am Sonntagmorgen

Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Oder auf den zweiten und dritten Blick. Aber es wurde eine große Liebe, die wuchs in einer besonderen Ehe. Der Bräutigam war ein Mönch, die Braut eine Nonne, damit könnte man heute noch Schlagzeilen machen. Aber 1525 war diese Kombination ein Skandal. Die Befreiung von der katholischen Kirche nahm mit dieser Ehe eine ganz konkrete Form an, die alle Menschen verstehen konnten, noch besser als die damals neue Bibelübersetzung. Denn am 13. Juni 1525 heirateten Katharina von Bora und Martin Luther, der zu diesem Zeitpunkt schon berühmt war. Ein paar Jahre früher hatte er seine 95 Thesen veröffentlicht und damit der Reformation der Kirche entscheidende Impulse gegeben. In diesem Jahr wird an dieses Ereignis auf vielen Wegen erinnert: 500 Jahre Reformation. Martin Luther als Denker und Theologe und die Reformation mit ihren Auswirkungen bis in die Gegenwart, darum geht es allerorten. Aber nicht am 22. Februar. An diesem Tag läuft um 20.15 Uhr im Ersten der Film „Katharina Luther.“ Die Geschichte von Martin Luther wird aus der Sicht seiner Frau erzählt. Welche Erkenntnisse das bringt, erklärt Ernst Ludwig Ganzert, der Produzent des Films.

 

„Der Gewinn ist, einen Aspekt (…) der Rolle Mann und Frau zueinander (…), zu beleuchten, was bislang so noch nicht passiert ist.“

 

Tatsächlich war das Interesse an Katharina von Bora lange Zeit nicht groß und man weiß nicht viel über sie. Als kleines Kind wurde sie von ihrer Familie in das Kloster Nimbschen gegeben, wahrscheinlich aus wirtschaftlicher Not. Hier las die junge Nonne später heimlich die ersten Schriften von Luther, in denen die katholische Kirche scharf kritisiert wurde. Wenn es wahr ist, was Luther schreibt, dass das Verhältnis des Menschen zu Gott allein von Gott bestimmt werde und nicht von den guten Werken der Gläubigen abhinge - was hält sie dann noch hinter den Klostermauern? Katharina wagt den Schritt ins Ungewisse und flieht mit einigen ihrer Mitschwestern auf der Suche nach einem neuen Leben.

Alle diese Frauen wurden verheiratet, weil ein Leben ohne Mann in der damaligen Gesellschaft für sie undenkbar gewesen wäre. Nur bei Katharina von Bora dauerte es länger. Mehrere Versuche, sie zu verheiraten, scheiterten. Am Ende wurden sie und Martin Luther ein Paar. Im Film wird dieses Paar gespielt von Devid Striesow und Karoline Schuch. Die beiden haben schon mehrfach zusammen gespielt, zuletzt in „Ich bin dann mal weg“ nach dem Buch von Hape Kerkeling. Und auch die Regisseurin ist dieselbe, Julia von Heinz. Das hatte einen guten Grund.

 

„Julia von Heinz war so beseelt und (…) man hat gemerkt, wie nah ihr das Thema geht, dass es für uns klar war, dass wir´s gerne mit ihr machen wollen. Und sie hatte wiederum aus ihren vorherigen Filmen mit diesen Schauspielern gut gearbeitet (…) und (…) mir geht´s tatsächlich so, dass ich mir gar niemand anders mehr dafür vorstellen kann, schon nach dem ersten Drehtag nicht.“

 

Karoline Schuch ist bekannt aus vielen Filmen im Kino und im Fernsehen. Die diplomierte Psychologin hat sich intensiv mit Katharina von Bora beschäftigt und einen sehr persönlichen Zugang zu der Figur gefunden.

 

Was natürlich ein wahnsinnig einschneidendes Erlebnis gewesen sein muss, ist dieser frühe Verlust (…) der Familie. Mit sechs in so´n Kloster zu geraten (…), fernab der Mutter und des Vaters, also ich kann mir nicht vorstellen, dass da ein Kinderherz komplett unbeschädigt da rausgeht. Ich glaub, da ist sie in ihren Grundfesten, in ihrem Urvertrauen sehr schwer erschüttert worden (…) und das hat, glaub ich, auch ihre Beziehung zu Gott beziehungsweise der Kirche sehr geprägt. Und hat sie auch empfänglich gemacht für Luthers Schriften, die ja dann, so sagt man, in dieses Kloster eingeschmuggelt wurden.“

 

Luthers Schriften regen Katharina und die anderen Frauen zur Flucht aus dem Kloster an. Aber was ist es an der Gestalt von Luther, das Katharina interessiert? Ist es nur eine Zweckheirat für beide? Oder wie beginnt sonst diese Liebesgeschichte der Reformation? Darüber kann man nur spekulieren, aber Karoline Schuch hat eine überzeugende Antwort darauf.

 

„Was er eben so mitbringt als Mann. Dieses Sich-vor-Leute-Stellen und so wahre Wort sprechen, also für sie wahre Worte, ich glaube, das hat sie sehr beeindruckt, und sie haben ja eine Schnittmenge gefunden.“

 

Über diese Hochzeit sprach damals ganz Deutschland. Und sie war nicht nur für die Gegner Luthers ein Skandal. Auch Luther selber war lange sicher, nicht heiraten zu wollen. „Ich bin weder Holz noch Stein, aber mein Sinn steht der Ehe fern.“ Das war seine feste Ansicht. Er war 42 Jahre alt, und er lebte völlig für seine Arbeit, das Schreiben und die Organisation der Reformation, die Diskussionen. Er achtete nicht auf seine Ernährung, seine Kleidung, seine Wohnung, seinen Körper. Martin Luther wollte es vielleicht nicht wahrhaben, aber er brauchte eine energische, tatkräftige Frau an seiner Seite. Und im Lauf der Zeit begriff das sogar er selbst. Der Film zeigt, wie sich Katharina und Martin annähern.

 

Katharina: „Man hat mir schon gesagt, Ihr seid kein Mann zum Heiraten.“ Luther: „Ich hörte, dasselbe sagt man über euch. Die Wahrheit ist: ich tauge nicht für die Familie.“ Katharina: „Ich verspreche Euch, ich werde Euch niemals von Eurem Werk abhalten. Ich werde nichts tun, was Euch belastet, niemals. Ihr tut Eure Arbeit und ich werde meine tun, und wenns nicht geht, dann schickt Ihr mich einfach weg. Damit komm ich zurecht.“

 

Das klingt nach einer unterwürfigen Ehefrau. Aber es kam vollkommen anders. „Katharina Luther“ zeigt, wie Luther in Katharina eine Gesprächspartnerin für seine Lebensthemen fand. Diese Seite war dem Produzenten Ernst Ludwig Ganzert im Film wichtig:

 

„Es sind sehr viele Briefe erhalten von Martin Luther an Katharina von Bora, aber nicht umgekehrt. Es waren aber Briefwechsel. Sie konnte schreiben, sie war Nonne, sie hatte im Kloster sehr gut lesen und schreiben gelernt, sie konnte auch Latein. Also, es ist aus Erzählungen nachgewiesen, dass es auch theologischen Austausch gab zwischen beiden, aber (…) es ist immer nur seine Seite dokumentiert.“

 

Der Film „Katharina Luther“ will das ändern und die Frau aus dem Schatten holen, der das Herz von Martin Luther gehörte.

 

Die Ehe von Katharina und Martin Luther war nicht immer leicht. Sie war auch nicht gewöhnlich. Luther überließ seiner Frau die Organisation des Haushalts, sie kaufte Land, sie nahm Studenten als Mieter auf gegen Kostgeld. Und er lud sie ein, an seinen abendlichen Runden mit Gästen teilzunehmen. Obwohl Martin Luther manches geschrieben hat, was radikal frauenfeindlich klingt, war seine eigene Frau für ihre Zeit ungewöhnlich gleichberechtigt. Das ging so weit, dass Luther seine Frau gerne scherzhaft „Herr Käthe“ nannte. Die Ehe von Katharina von Bora und Martin Luther wurde zum Vorbild für ein evangelisches Pfarrhaus, in dem die Verbindung von Glauben und Kultur gelebt wurde. Der Film „Katharina Luther“ erzählt von diesen beiden Menschen mit großer Sorgfalt. Ställe voller Vieh, verstaubte Arbeitszimmer, die Enge des Klosters, alles wirkt nicht gelackt und wie aus einem Bilderbuch, sondern so, wie es damals wirklich gewesen sein könnte. Der Produzent Ernst Ludwig Ganzert erzählt, wie wichtig dieser Realismus für alle Beteiligten gewesen ist, bis hin zum Szenenbilder, der sich hier einmal ausleben konnte:

 

„Es ging um Hühner (…) und er hat nicht einfach nur Hühner besorgt, er hat sich mit dem Vorsitzenden des (…) Kleintierzuchtvereins Mitteldeutschland in Verbindung gesetzt, um zu finden, wie Hühner damals aussahen, und hat dann diese Hühner besorgt.“

 

Ebenso wichtig ist die Kamera, die oft mit der Hand geführt und etwas verwackelt ist, so dass der Zuschauer das Gefühl hat, mit Katharina in Martins Arbeitszimmer zu rennen oder mit ihr durch das Getreide auf dem Feld zu streifen. Aber im Zentrum des Films steht die Beziehung von Martin und Katharina, zwei Menschen, die versuchen, gemeinsam das ganze Leben zu führen, wie es im Film heißt. Das Leben mit allen seinen Seiten als Geschenk Gottes anzunehmen, mit aller Sinnlichkeit und auch mit allem Schmerz.

Diese Nähe und Unmittelbarkeit ist in erster Linie das Verdienst der Schauspieler Karoline Schuch und Devid Striesow. Sie stellen das Leben dieses Paars in allen denkbaren Situationen dar, vom ersten Kennenlernen bis zum gemeinsamen, abgrundtiefen Schmerz über den Tod einer Tochter. Und sie machen spürbar: Katharina und Martin haben sich, bei allen Problemen, bei allen Reibereien, über alles geliebt.

 

„Ich finde auch, diese Briefe, die er an sie geschrieben hat, die hab ich mir wirklich zu Gemüte geführt. Wie er sie anspricht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das eine langweilige, traurige, nervige Ehe war. Es kann nicht so sein. So schreibt man sich nicht an, wenn man keine glückliche Ehe geführt hat.“

 

Ganz am Ende des Films, nachdem das Paar viele Krisen durchgemacht hat, liest Katharina, was ihr Mann ihr geschrieben hat.

 

Luther: „Einem freundlichen, lieben Herrn, Frau Katherinen Lutherin von Bora, Doktorin, Predigerin, Brauerin, Gärtnerin, und was sie mehr sein kann. Gnade und Friede, liebe Käthe. Wie reich hat mich Gott beschenkt. Nicht mit irdischen Gütern, nicht mit Geld und Land und Hausrat. Denn wenn ich in der Welt nichts hätte, besäße ich doch den größten Reichtum. Meine Frau und meine Kinder. Lieber möchte ich selbst sterben, als jemals wieder erleben zu müssen, dass eines meiner Kinder oder meine gute Frau sterben,…“ Katharina: „… denn ich liebe Euch mehr als mich selbst. Du, Katharina, wurdest mir von Gott gesandt, zum Vorbild und zum Wegweiser. Dein Glaube wurzelt tief im Leben. Deine tätige Liebe trägt reiche Früchte. Was du für mich getan hast, und für die Kinder, darin steckt mehr Glaube als in jedem Gebet. Andere beten um Gottes Hilfe. Du aber bist Gottes Hilfe. In Liebe, dein Martinus Luther.“ 

 

„Katharina Luther“ läuft am 22. Februar, ganz am Anfang des Jahres zum Reformationsjubiläum. Aber der Film ist keine Geschichtsstunde zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr. Er hat eine zeitlose Qualität, weil er die Frage nach der Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann stellt. An Martin Luther sind hier vor allem seine Fähigkeiten als Mann und Vater interessant.

 

„Sonst kriegt man da jetzt gar nicht so viel vermittelt, außer dass er eben eine sehr starke Ehefrau hatte, die diesen Laden zusammengehalten hat, und die ihn auch ausgehalten hat, gerade in seinen späten Jahren, wo er dann (…) wirklich ein bisschen hohlgedreht hat. (lacht) Es ist liebevoll gemeint, natürlich.“

 

Das ist vielleicht die größte Stärke des Films. Er holt jemanden auf den Boden zurück, der oft und lange auf Säulen gestellt worden ist. Er macht aus einem Denkmal einen Menschen. Einen Menschen mit großen Schwächen und großen Stärken. Er zeigt, in welchem Umfeld Luther lebte und wie wichtig seine Frau wirklich war. Und damit zeigt „Katharina Luther“, dass alle großen Bewegungen, alle Theorien und auch alle religiösen Bewegungen einen konkreten, menschlichen Anfang haben.

 

„Ich find auch schön, dass das Luther-Jahr mit so nem Film beginnt. Es wird ja viel kommen jetzt, dieses Jahr, was Luther angeht. Aber (…) dass eben genau das der Einstieg ist, find ich total schön. Und ich freue mich darüber und bin stolz darauf. Dass eben die Frau zuerst mal erzählen kann, wie sie die ganze Sache gesehen hat. (…) Es ist auch wichtig, dass auch kritisch über Luther gesprochen wird in 2017, glaub ich. Aber erstmal Katharina, und das ist auch gut so. (lacht)“

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