Mit Juden leben

Jerusalem mit dem Felsendom im Vordergrund

Gemeinfrei via unsplash.com/ Sander Crombach

Mit Juden leben
Abschied vom Antisemitismus
16.08.2020 - 08:35
Über die Sendung:
Mit Juden leben – das heißt: mich unterbrechen lassen, vor ihren Augen und Ohren. Neu nachdenken. Zaghaft ins Gespräch kommen. Nicht wie einer, der meint, schon zu wissen. Schon zu haben. Schon zu kennen. Sondern wie einer, der sich unterbrechen lässt. Pfarrer Klaus Priesmeier in „Am Sonntagmorgen“ am Israelsonntag
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Heute ist Israelsonntag. Im Evangelischen Kirchenjahr steht er für die Verbundenheit von Christen mit dem Judentum, dem Volk der Thora. Früher gab es den Jerusalemsonntag. Im Gedenken an die Zerstörung Jerusalems, gerade auch des Tempels, folgerten Christen: Jetzt sind WIR das wahre Gottesvolk! Auch aus dieser Haltung erwuchsen die antisemitischen Schrecken unserer Geschichte. Mit Juden leben, gut und friedlich leben, war keinesfalls selbstverständlich. Und heute höre ich, wieder und immer noch, das bange Fragen jüdischer Mitmenschen: Können wir hier leben, sicher leben? (1)

Das macht nachdenklich. Und lässt mich am Israelsonntag fragen nach der Verbundenheit von Christen und Juden. Eine durchaus persönliche Spurensuche, in meinem eigenen Leben und Erleben, als Christ und Zeitgenosse.

Hinter mir lassen, überwinden möchte ich den Antisemitismus. Er zeigt sich als Judenhass und Israelfeindlichkeit. Die Worte verrutschen mir, sobald ich sie ausspreche. Sie taumeln zwischen Volk und Religion, zwischen Staat und Glaubensgemeinschaft, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Immer wieder gilt es innezuhalten und zu fragen: Moment, wovon sprechen wir? Juden, Judentum, Israel – wovon genau ist die Rede? Welche Wirklichkeit nehme ich in den Blick? Und wie?

 

 

So lange ist es noch nicht her: Mit einem Freund stehe ich in einem Warschauer Stadtbus, wir unterhalten uns – auf Deutsch. Ein Mann wendet sich uns zu, zieht den Ärmel hoch. Da steht sie: die KZ-Nummer. Eingebrannt für immer. Wir verstummen. Unser Redefluss ist durchbrochen. Unterbrochen stehen wir da. Schweigen. Unerwartetes neues Nachdenken, inneres Sortieren – vor den Augen und Ohren dieses Menschen. Zaghaft beginnt ein Gespräch.

Unterbrechung, Schweigen. Das erscheint mir wichtig. Mit Juden leben – das heißt: mich unterbrechen lassen, vor ihren Augen und Ohren. Neu nachdenken. Zaghaft ins Gespräch kommen. Nicht wie einer, der meint, schon zu wissen. Schon zu haben. Schon zu kennen. Sondern wie einer, der sich unterbrechen lässt. Der erst einmal wahrnimmt. Auch das Andere und Fremde. Und der dann erst und bedacht zu sprechen beginnt. Ein Leben ohne Unterbrechung wäre nur fortlaufende Selbstproduktion und Selbstmaßgeblichkeit. Also: Sieh hin und hör zu, immer wieder neu. Bin ich dazu bereit? Erst dann, wenn ich dazu bereit bin, so wahrzunehmen, bekommt hoffentlich auch der Abschied vom Antisemitismus eine Chance.

Mit Juden leben – wo treffe ich sie? Sie waren einmal da. Sie sind auch heute noch oder wieder oder ganz anders da. Der amerikanische Jude Leon Wieseltier sagt es so: „Das Ende der Welt meiner Eltern war nicht das Ende der übrigen Welt. Das war die Beleidigung, welche die Geschichte den Juden Europas zufügte... Die Städte sind noch da. Nur die Juden sind verschwunden“ (2). Ja: Die Juden sind als selbstverständliches Gegenüber nicht da. Ich muss auf die Suche gehen. Da ich nicht in der Großstadt lebe, und es auch keine Synagoge vor Ort gibt, wird ein kleines jüdisches Museum mein erster Anlaufpunkt. Denn auch in meiner kleinen Stadt sind die Juden verschwunden. Ein Museum erinnert an sie, an die Familie Cohn. Die Vorsitzende des Trägervereins, Prof. Inge Hansen-Schaberg, erklärt mir diesen Ort:

 

 

„Ja, die Cohn-Scheune wurde 2010 eröffnet und beherbergt ein jüdisches Museum mit einer Sammlung von Gegenständen aus der jüdischen Kultur und Religion, und eine Dauerausstellung zum Thema 200 Jahre jüdische Geschichte in Rotenburg und in den Nachbargemeinden. Und diese Dauerausstellung, die wir hier zeigen, die wurde in diesem Jahr aktuell erweitert um das Exil der beiden Töchter Cohn, die überlebt haben, weil sie einmal in Kolumbien 1938 Zuflucht gefunden haben, und die andere Tochter Hildegard Cohn in England. Und dadurch ist die Geschichte der Familie Cohn insbesondere durch Hildegard Cohn hier wieder in Rotenburg verankert worden.“

 

 

Als ich zum ersten Mal die Cohn-Scheune betrete, bleibt mein Blick hängen an alten Kleiderbügeln. Ich selber bin in einem Textil- und Modehaus aufgewachsen. Auch die Familie Cohn waren Textilkaufleute – wie meine Familie. Nur mit dem Unterschied: die Cohns wurden im Nationalsozialismus immer mehr eingeschränkt. Das Geschäft mussten sie schließen, der Verkauf an den Haustüren wurde verboten. Eine Schraube nach unten, am Ende die Deportation und Vernichtung der Eltern. Die beiden Töchter überleben. Ohne sie, ohne das Museum wüsste ich nichts von den Cohns und ihrer Geschichte, die auch mit meiner und meinem Wohnort zu tun hat. Das gehört zur Aufgabe des Museums, wie die Leiterin erzählt:

 

 

„Unsere Arbeit bezieht sich darauf, dass wir natürlich das Museum geöffnet haben, aber auch, dass wir eine pädagogische Arbeit machen, also wir haben mit allen Schulen hier einen engeren Kontakt, wir machen Projektarbeiten mit Schülerinnen und Schülern, und die setzen sich auseinander mit der Geschichte der Familie Cohn, mit dem jüdischen Leben, das hier nicht mehr existent ist, und auch mit den Fragen des Glaubens, nämlich die andere Kultur, die andere Religion, und die Auseinandersetzung mit sich selbst, wie stehe ich zur Religion, das ist so der wichtige Ansatzpunkt unserer Arbeit. Also Projektarbeit mit der Möglichkeit der Selbsttätigkeit, der selbstständigen Auseinandersetzung mit diesen Themen. Und ich denke, es ist ganz wichtig, dass man mit Kindern und Jugendlichen anfängt, über das Thema Toleranz, Menschenrechte, Anderssein, Fremdsein zu sprechen, auch insbesondere zum Thema Exil und Migration. Denn es ist wichtig, dass wir von vorn herein ein Klima schaffen, wo man darüber spricht, über Gefühle spricht, über Geschichte spricht, über die Möglichkeit, anders zu sein, und trotzdem irgendwie hier integriert in Rotenburg zu leben.“

 

 

Geschichte ist nicht einfach vorbei, sie endet nicht abrupt. Und die Geschichte der Juden endet nicht mit der Shoa, dem nationalsozialistischen Völkermord an den Juden Europas. Sie lässt sich auch nicht verengen mit dem Blick auf den heutigen Staat Israel, sie bleibt dauerhaft verbunden mit meiner und unserer eigenen Geschichte vor Ort. Wie lebendig sie ist, zeigt das Museum in Rotenburg:

 

 

„Es gibt ein Weiterleben, es gibt ein Überleben, die Eltern Cohn sind ermordet worden, die beiden Töchter haben Familien gegründet, Hildegard Jacobssohn, das ist die jüngere Tochter, die wird jetzt 101 und lebt in Dresden, und ohne sie, wäre dieses ganze Haus nicht mit Leben gefüllt worden. Und das sind so Begegnungen mit Hildegard Jacobssohn, mit ihrer Tochter Edith Meinhardt, die jetzt gerade auch diese neue Erweiterung der Ausstellung begleitet hat, und mich sehr unterstützt hat in dieser Arbeit. Also Briefe, die wir jetzt transkribiert haben, die nochmal das Schicksal der Eltern, ja, etwas verharmlost zeigen, weil, die Eltern wollten ihre Tochter nicht beunruhigen, in London lebend, und die Eltern dann nach Berlin, weil sie hier wie Verbannte lebten in Rotenburg, und die Hoffnung hatten, in Berlin würde ihnen ein normales Leben wieder ermöglicht.“

 

 

Ein normales Leben haben – für die Cohns wäre das gewesen: wie andere auch im Geschäftsleben stehen. Es ist keineswegs banal, an denselben Wirklichkeiten teilzuhaben. Jüdische Mitmenschen davon auszuschließen, das war ein Hauptelement des Antisemitismus. Die Cohns wurden als Juden betrachtet, angeblich eine andere Rasse und eine fremde Religion. Ihnen käme die Teilnahme an der normalen Lebenswelt nicht zu. Die Deutschen galten im Nationalsozialismus als Arier, als Herrenmenschen. Ein Wahn. Ein zerstörerischer Wahn, der jede Menschlichkeit aufgibt und Abermillionen von Menschen das Leben kostet. Menschen, die Menschen sind wie ich. Genau das aber spricht das antisemitische Gedankengut ihnen ab. Menschen wie wir sollten sie nicht sein.

 

 

Es gibt keinen Grund, Menschen ihr Menschsein abzusprechen, ihnen menschliche Kultur und mitmenschlichen Umgang zu verweigern. Und wo es geschah, ist daran zu erinnern: an den Bruch der Zivilisation. Erinnern, nicht zu vergessen, ist wichtig. Und ich nehme es auch als Vermächtnis aus einem persönlichen Erlebnis.

Mit einer Gruppe damals junger Deutscher saßen wir vor vierzig Jahren in einem Haus auf dem Karmel-Gebirge in Israel. Wir waren im Gespräch mit einer Gruppe Überlebender des Holocaust. Was wir denn tun sollten, was sie von uns erwarten, will einer aus unserer Gruppe wissen. Ein älterer Mann antwortet: „Ich mache euch keine Vorwürfe. Nur eines erwarte ich von euch.“ Er sagt es auf Hebräisch: „Al tischqach.“ Du vergisst nicht. Ich möchte es noch anders übersetzen: Du bist einer, der nicht vergisst. Um nichts weniger geht es als um die Frage: „Wer bin ich?“ Einer von denselben Menschen.

Warum nehmen Menschen andere davon aus, dieselben Menschen zu sein? Warum die Juden? Das fragen sie sich natürlich auch selber. Der jüdische Literaturwissenschaftlicher George Steiner hält uns Christen einen Spiegel vor (3). Er nennt drei Perspektiven: Einmal den Glauben an den einen Gott, der Schöpfer und Richter zugleich ist. Dem man also nicht irgendwie entkommt. Dann die Hoffnung auf den Gott, der Gerechtigkeit schafft, vernehmbar aus dem Mund der Propheten. Beides, das Vertrauen auf Gott und der Weg der Gerechtigkeit, gilt genauso für Jesus und damit auch für mich als Christen. Jesus ist nur aus diesem jüdischen Zusammenhang verstehbar. Und wer diesen Zusammenhang zum Schweigen bringen will, der bringt auch Jesus zum Schweigen.

 

 

Steiner bringt, als dritte Perspektive über die Bibel hinaus, den Hinweis auf jüdische Impulse für eine Gesellschaft des Miteinanders. In ihr wird das Teilen gelebt – es macht nicht arm, sondern reich; es nimmt mir das Leben nicht, sondern es gibt mir und anderen Würde.

So steht das Judentum für etwas, was der Mensch soll, aber offensichtlich nicht will und nicht kann. Nämlich dem einen Gott vertrauen, sich dem Anspruch auf Gerechtigkeit und Ausgleich stellen, Glauben und Vertrauen wagen statt Selbstsicherung zu betreiben.

Das fällt schwer. Lieber bin ich selbst maßgeblich, setzte mich durch und grenze mich ab. Durch Konsum, durch privaten Besitz, durch Egoismus – die Auswahl ist groß. Und dabei stört diese Stimme. Sie soll schweigen. Doch ist genau das die Stimme, die für Menschlichkeit und Menschwerdung steht. Wir sollten das wissen, nicht nur als Christen. Und nicht nur in Museen. Nicht nur am Israelsonntag brauchen wir diese Stimme, die uns immer neu unterbricht.

Nicht zufällig beginnt die biblische Geschichte des Judentums mit dem Abram, der aufbricht. Das Judentum steht in seiner Vielfalt für uns Menschen überhaupt. Durch den Ruf, der den Abram und dann dessen Nachkommen ereilt, steht das Judentum uns auch gegenüber. Uns gegenüber als Zeuge dieses Rufs, den es als einen Ruf des einen Gottes überliefert. Mit Juden leben hieße dann nicht nur, eine gesellschaftliche Aufgabe anzunehmen – es bedeutete auch, sich zu diesem Ruf zu verhalten. Den Ruf Gottes nach Gerechtigkeit und in ein Vertrauen nicht zum Schweigen zu bringen: Darin liegt ein wesentlicher Ansatz, Antisemitismus wirklich zu überwinden.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

 

 

Musik dieser Sendung:
 

  1. Jewish Town, Itzhak Perlmann, Schindlers Liste (Soundtrack)
  2. Jewish Town, Itzhak Perlmann, Schindlers Liste (Soundtrack)
  3. Auschwitz-Birkenau, Itzhak Perlmann, Schindlers Liste (Soundtrack)
  4. Remembrances, Itzhak Perlmann, Schindlers Liste (Soundtrack)
  5. Yerushalayim Shel Zahav, Itzhak Perlmann, Schindlers Liste (Soundtrack)

 

Literaturangaben:

  1. Was gemeinhin Antisemitismus genannt wird, ist keine Reaktion auf die Semiten, das sind die Nachkommen Noahs. Sem ist Sohn Noahs, Genesis 5,32; 10,1; 11,10. Als Semiten bezeichnet man verschiedene vorderorientalische Völker. Eine bestimmte „Rasse“ wird damit nicht bezeichnet. Überhaupt erscheint der Begriff „Rasse“ obsolet.
  2. So Wieseltier in seinem Buch „Kaddisch“, München Wien 2000, S. 85. Wieseltier sagt das also in der Trauer um seinen Vater.
  3. Steiners Blickrichtung geht auf das Judentum. Er fragt sich: Was ist daran so ärgerlich für andere? Er setzt die Frage auf einer hohen, reflektierten Ebene an. Das ist sicher zu ergänzen durch eine andere Blickrichtung. Antisemitismus begegnet auch und insbesondere als eine völlig unbedachte und eigenen Interessen wie Gefühlslagen entsprungene Verhaltensweise, die zwar auf Juden und Israel projiziert wird, sie aber als Subjekt gar nicht wahrnimmt sondern sie objektiviert. Wie sie wirklich sind, ist dem Antisemiten eigentlich völlig egal. Er benutzt sie für seine Absichten und Gefühlsausbrüche.