Weltuntergang, na und?

Feiertag 14.07.2024 Weltuntergang, na und? Apokalyptische Fundstücke im Denken der Generation Z

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Weltuntergang, na und?
Apokalyptische Fundstücke im Denken der Generation Z
14.07.2024 - 07:05
20.06.2024
Vikarin Anna Weingart

von Vikarin Anna Weingart

" ... Und der erste Engel blies seine Posaune; und es kam Hagel und Feuer, mit Blut vermengt, und wurde auf die Erde geschleudert..." - Wie zeitlos das Thema Weltuntergang ist, zeigt Autorin Anna Weingart eindrücklich unter anderem anhand einiger Fundstücke in den Liedern aus den 60ern und der Generation Z.

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Wenn Vögel aufhören zu singen, dann ist das ein Zeichen für drohende Gefahr. Beim Mensch ist es umgekehrt: Wenn‘s dramatisch wird, dann fangen wir an mit Singen. Das einsame Mädchen im Wald und die marschierenden Truppen vor der Schlacht. Das haben Menschen immer schon gemacht.

Das bekannteste Liederbuch aus alter Zeit ist das Buch der Psalmen in der Bibel. 150 Lieder wurden dort aufgeschrieben. Die haben mit Extremsituationen zu tun: Bittpsalmen gegen die Angst. Lobpsalmen in der Freude. Und Klagepsalmen, um Wut rauszulassen.

Lieder sind über die ganze Bibel verteilt. Da singt z.B. die Richterin Debora. Sie singt nach einer erfolg-reichen Schlacht ein episches Siegeslied (Ri 5). Und es wird auch mal schwungvoll: Zum Beispiel bei Mirjam, der Schwester von Mose. Nachdem Gott Israel aus Ägypten befreit hat, startet sie eine spon-tane Loblied-Jam-Session mit Tambourin, so erzählt es das Buch Exodus (Ex 15).

Extremsituationen bringen bis heute Menschen zum Singen: Wutlieder auf der Demo. Freudenlieder im Bierzelt. Oder Fan-Gesang bei der Fußball-EM. Da geht es um alles, Meister sein oder nicht sein. 

Auch das Schreckensszenario schlechthin, der Weltuntergang, hat Menschen durch alle Zeiten zum Singen gebracht. Nena hat in den 80ern mit ihren „99 Luftballons“ einen Welthit gelandet. Dahinter: die Angst vor einem atomaren Krieg. Wenns brenzlig wird, dann fangen Menschen an zu singen.

In den 60ern sang Bob Dylan:

„Ich stand vor einem Dutzend toter Meere.
(…)
Ich sah Waffen und scharfe Schwerter in den Händen von jungen Kindern.

(…) Ich hörte das Grollen des Donners, der eine Warnung brüllte.
Ich hörte das Brüllen einer Welle, die die ganze Welt ertränken könnte.
Und es ist hart, (…) ja es ist ein harter Regen, der fallen wird.
(…) Dann werde ich auf dem Meer stehen, bis ich anfange zu sinken.

Aber ich werde mein Lied gut kennen, bevor anfange zu singen.“

Feuer und Rauch, Gewalt und Zerstörung und über all dem: Gesang. Bob Dylan singt darüber, dass er singen wird, wenn die Welt untergeht.

2000 Jahre zuvor sind die Vorstellungen vom Weltuntergang gar nicht so anders. Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, steht:

„Und da geschahen Donner und Stimmen und Blitze und Erdbeben.

Und der erste [Engel] blies seine Posaune; und es kam Hagel und Feuer, mit Blut vermengt, und wurde auf die Erde geschleudert; und der dritte Teil der Erde verbrannte, und der dritte Teil der Bäume verbrannte, und alles grüne Gras verbrannte. Und der zweite Engel blies seine Posaune; und etwas wie ein großer Berg wurde lichterloh brennend ins Meer gestürzt, und der dritte Teil des Meeres wurde zu Blut, und der dritte Teil der lebendigen Geschöpfe im Meer starb, (…)

Und (…) die den Sieg behalten hatten (…) standen an dem gläsernen Meer und (…) sangen das Lied des Mose (…). (Off 8, 5-9; 15, 2-3)“

Die Vorstellungen ähneln sich. Das Thema Weltuntergang hat etwas Zeitloses. Gerade in Krisenzeiten bezog man sich immer wieder auf die biblischen Apokalypsen. Sie schafften es, dem scheinbar sinnlo-sen Leid verschiedenster Krisen doch einen Sinn abzutrotzen. Denn die Offenbarung des Johannes offenbart letztlich eine paradiesisch neue Welt. Vorher aber muss die alte Welt durch ein Gericht aus Feuer und Schwefel. Auch die Musik, die heute vor allem unter Jugendlichen populär ist, beschwört die dunklen Träume aus Feuer, Ruinen und Gesang. Doch die junge Generation mischt auch eine eige-ne Note dazu und streut noch mal extra Pfeffer auf ihre musikalischen Apokalypsen. Der Rapper Je-broer z.B. scheint das Ende nicht zu fürchten, sondern feiert es mit Lust an der Zerstörung. Und mittendrin stimmt auch er ein Lied an.

 „Du darfst dir heute noch was wünschen,
die Welt liegt morgen schon in Trümmern,
Ich zünde sie an und wir beide singen,
Weltuntergangshymnen“

Als „Generation Z“ bezeichnet man die ungefähr zwischen 2000 und 2015 Geborenen, seit Corona auch „Zoomer“ genannt. Der aktuelle Jugendbericht der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern spricht von einer „krisenerprobten Generation“. Deren großer Traum: Normalität. Jugendstudien beschreiben die Generation Z als pragmatisch, selbstreflektiert und problembewusst. Gerechtigkeit und Ökologie sind ihnen wichtig. Sie sind zwar politisch interessiert, bringen sich aber nicht aktiv ein, weil sie sich von Politik und Nachrichtenlage überfordert fühlen.

Ich selbst gehöre knapp noch zur Vorgängergeneration, der Generation Y. Als wir Jugendliche waren, galt unsere Generation als leistungsorientiert, sehr optimistisch und deutlich unpolitischer als heute die Zoomer. Wenn ich die Jugendstudien über die Generation Z lese, habe ich Jugendliche aus meinem Umfeld vor Augen. Einzelne von ihnen scheinen so gar nicht ins Bild zu passen. Aber im Schnitt erkenne ich wieder, was die Studien beschreiben. Vor meinem inneren Auge entsteht eine klassische Zoomerin. Ich nenne sie mal Zoé, lasse sie 19 Jahre alt sein und stelle mir vor:  Zoé ist tanzen und irgendwann in der Nacht läuft dieses Lied. „Die Welt liegt morgen schon in Trümmern, ich zünde sie an und wir beide singen Weltuntergangshymnen“. Ich denke, Zoé hätte in dem Moment diese Abrissstimmung gefühlt.

Das Kaputte fühlt sich manchmal echter an als die Realität. Und gedanklich tanzt Zoé mit anderen auf den brennenden Trümmern der Welt. Dieser Welt, die, seit die Generation Z denken kann, von einer Krise in die nächste rutscht. Zur Finanzkrise war meine Zoé erst drei, das Wort „Artensterben“ kannte sie vermutlich schon im Kindergarten. Mit acht Jahren kann sie den Treibhauseffekt erklären. Mit zehn hört sie zum ersten Mal von der Flüchtlingskrise und hält in der Schule ein Referat über das Grundrecht auf Asyl. Ein Jahr später wird Donald Trump Präsident. Als für Zoé die mittlere Reife ansteht, wird wegen Corona die Schule geschlossen. IS, Kriege und Fake News. Hitzerekorde, KI und das Massengrab Mittelmeer. Zoé kennt es nicht anders.

„Das macht mir schon Angst, weil man als junger Mensch wird man in eine Welt geboren, die so ein bisschen vor dem Abgrund steht oder vor einem großen Desaster, wo man selber keinen Einfluss hat darauf, dass sich daran was ändert.“

„(…) man weiß nicht, was in der Zukunft passiert. (…) Und, ich sage mal, es ist jetzt schon allgegen-wärtiger als je zuvor, … Das ist natürlich immer ein Gedanke, der immer im Hintergrund sein wird und vor dem ich auch Angst habe.“

So sagen es tatsächlich Befragte einer Jugendstudie und es treibt auch die gedachte Zoé um. Ich  seh sie vor mir wie sie diesen Gedanken für ein paar Stunden entfliehen will. Sehe sie mitten in der Nacht, durchgeschwitzt im Kunstnebel einer Tanzfläche, um sie nur Schemen und alle Krisen so weit weg.

Weißt du noch als wir in die Tische ritzten in den Schulen
Bitte Herr vergib ihnen nicht, denn sie wissen was sie tun
Unter den Pflastersteinen wartet der Sandstrand
Wenn nicht mit Rap, dann mit der Pumpgun
Und wir singen im Atomschutzbunker
Hurra, diese Welt geht unter!
Hurra, diese Welt geht unter!
Hurra, diese Welt geht unter!
Und wir singen im Atomschutzbunker
Hurra, diese Welt geht unter!
Hurra, diese Welt geht unter!
Auf den Trümmern das Paradies

Nimm dir Pfeil und Bogen, wir erlegen einen Leckerbissen
Es gibt kein‘ Knast mehr, wir grillen auf den Gefängnisgittern
Verbrannte McDonald‘s zeugen von unsern Heldentaten
Seit wir Nestlé von den Feldern jagten

Schmecken Äpfel so wie Äpfel und Tomaten nach Tomaten
Und wir kochen unser Essen in den Helmen der Soldaten
Du willst einen rauchen? Dann geh dir was pflücken im Garten
Doch unser heutiges Leben lässt sich auch nüchtern ertragen

Komm wir fahren in den moosbedeckten
Hallen im Reichstag ein Bürostuhlwettrennen
Unsere Haustüren müssen keine Schlösser mehr haben
Geld wurde zu Konfetti und wir haben besser geschlafen


Ein Goldbarren ist für uns das gleiche wie ein Ziegelstein
Der Kamin geht aus, wirf‘ mal noch ‚ne Bibel rein
Die Kids gruseln sich, denn ich erzähle vom Papst
Dieses Leben ist so schön, wer braucht ein Leben danach?

Und wir singen im Atomschutzbunker:
Hurra, diese Welt geht unter!
Hurra, diese Welt geht unter!
Hurra, diese Welt geht unter!
Und wir singen im Atomschutzbunker
Hurra, diese Welt geht unter!
Hurra, diese Welt geht unter!
Auf den Trümmern das Paradies

Nehmen wir an, die 19-jährige Zoé hätte einen jüngeren Bruder oder noch besser: einen Cousin. Nennen wir ihn Zarec und lassen ihn jetzt 14 Jahre alt sein.

2015 war das Lied „Hurra diese Welt geht unter“ ein Radiohit. Da war Zarec gerade 5 Jahre alt. Vielleicht fand er das Lied damals komisch, ein bisschen gruselig sogar. Vielleicht sagte ihm damals auch ein Erwachsener das, was ein Mensch, der den kalten Krieg noch miterlebt hat, eben sagen würde: dass es nämlich respektlos sei, das Lied, und dass man über Atombomben keine Witze mache.

Neun Jahre später, also diesen Sommer, sitzt Zarec mit Freunden abends im Park. Irgendwer hat wohl eine Musikbox dabei und in der Playlist ist auch dieses Lied. „Und wir singen im Atomschutzbunker: Hurra, diese Welt geht unter! Auf den Trümmern das Paradies!“

Das Lied ist noch immer unter den 100 meist gestreamten Songs auf Spotify. Was hört wohl ein Zoomer wie Zarec darin? Henning May, der Sänger des Refrains, macht keine Witze über Atombomben. Was er singt, ist relevant, es fühlt sich ernst an. Wie ein freier, wilder Traum darüber, wie die Welt sein könnte, wenn sie nicht so wäre wie sie ist. Wenn wir sie heute Abend noch mal ganz neu bauen dürften. Auf den Trümmern das Paradies!

„Übertreibt doch nicht immer so, steiger dich nicht so rein“, würde Zarec von Erwachsenen zu hören bekommen und: „es ist noch immer alles gut gegangen.“ Und meistens würde wohl auch Zarec nicht weiter grübeln über die Krisen dieser Welt. Oft würde er nur mit halbem Ohr zuhören, wie Erwachse-ne die Letzte Generation als zu radikal abstempeln und Fridays For Future als Schulschwänzer.

Aber manchmal, manchmal da packt ihn ganz plötzlich eine solche Wut, dass er gar nicht weiß wohin da-mit. Es geht da doch um seine Zukunft. Zumindest kurzzeitig hilft dann: Freunde und Musikbox, beide auf voller Lautstärke im Park. Und zusammen die Krisen niedersingen Hurra diese Welt geht unter! Lasst mich in Ruhe mit eurem ignoranten „alles halb so schlimm!“.  

Ich würd' dir gerne deine Angst nehmen
Alles halb so schlimm, einfach sagen
Diese Dinge haben irgendeinen Sinn
Doch meine Texte taugten nie für Parolen an den Wänden
Kein Trost spenden in trostlosen Momenten
Im Gegenteil, fast jede meiner Zeilen
Handelt von negativen Seiten oder dem Dagegensein
Ich hab' kein' sicken Flow und ich schreib' auch keine Hits
Aber gib mir eine Strophe und die gute Stimmung kippt

Ich wär' gerne voller Zuversicht
Jemand, der voll Hoffnung in die Zukunft blickt
Der es schafft, all das einfach zu ertragen
Ich würd' dir eigentlich gern sagen

Alles wird gut, Die Menschen sind schlecht und die Welt ist am Arsch
Aber alles wird gut, Das System ist defekt, die Gesellschaft versagt
Aber alles wird gut, Dein Leben liegt in Scherben und das Haus steht in Flammen
Aber alles wird gut, Fühlt sich nicht danach an aber alles wird gut

Und wär' mein Großvater nicht seit fünfzehn Jahren tot
Würde er jetzt sagen: „Mensch, Kinder, wie die Zeit vergeht
Wenn du denkst, dass es immer irgendwie im Leben weitergeht
Holt dich Krebs straight back in die Realität“
Geile Themen für Songs in diesen Zeiten
Aber „Glaub an dich, geh deinen Weg“
Schaff' ich einfach nicht zu schreiben
Tut mir leid, keine Sätze, die dich aufmuntern zum Schluss
Auch der letzte Track zieht ein' noch runter in den Schmutz

Ich wär' gerne voller Zuversicht
Jemand, der voll Hoffnung in die Zukunft blickt
Der es schafft, all das einfach zu ertragen
Ich schau' dich an und würd dir eigentlich gern sagen
Alles wird gut.

Zurück zu Zoé, die diese Gedanken kennt: „Ich wär gerne voller Zuversicht, jemand, der voll Hoffnung in die Zukunft blickt, jemand, der Träume hat und an sie glaubt.“

Natürlich hat auch Zoé Lebensträume. Aber die sind anders. Als ihre Eltern ihr erzählen, wovon die beiden als Teenies geträumt haben, muss sie lachen. Ihr Vater wollte Astronaut werden und ihre Mutter Sängerin. Sie träumten beide davon, reich und berühmt zu werden und als sie etwas älter waren, träumten sie zumindest noch immer von einem eigenen Haus mit Garten.

Ihr Vater ist 69 geboren, ihre Mutter 74. Beide teilten in ihren 20ern das Gefühl, das sogenannte „Ende der Geschichte“ zu erleben. Denn mit dem Untergang des real existierenden Sozialismus Ende der 80er Jahre war der große Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus entschieden, der die Geschichte weitergetrieben hatte. Der kalte Krieg löste sich, die Mauer fiel, der Wohlstand wuchs, die soziale Marktwirtschaft war ein Erfolgsmodell.“ Davon kann Zoés Mutter erzählen: „Wir dachten, das wars. Wir hätten jetzt verstanden wie Wohlstand und Frieden und Sicherheit geht und würden ab jetzt glücklich leben bis an unser Lebensende. Absurd, aber das war das Gefühl.“ Sagt sie schulterzuckend.

Zoé fragt sich manchmal, wer ihren Eltern und deren Generation diese rosa Brille aufgesetzt hat, mit der sie sich alles Schönsehen. Sie hat das dringende Bedürfnis, ihnen diese Brille herunterzureißen und sie zu zwingen hinzusehen auf die Welt, wie sie eben ist und auf das, was auf sie zukommt. Die Generation Z misstraut der rosa Brille zum goldenen Zeitalter zutiefst.

Glaubst du, wenn du fliegen könntest/ So im Dunkeln
Du über deine Stadt blickst/ Straßenlaternen funkeln
Glaubst du, wenn du fliegen kannst / Bist du frei
Getrieben von der Illusion/ Du bist nicht allein

Immer wenn ich trotz Fliegen und des Freiheitsgefühls
Durch TikTok-Reels streich und ich weiß, leise schleicht
Sich das Kalkül ein, dass die Welt draußen scheiße ist
Und ich damit nicht allein bin

Herbstgewitter kalt und gefrorener Regen
Habe angefangen anzufangen rauszugehen
Habe aufgehört aufzuhören bevor es zu spät ist
Nie mehr will ich durch die rosarote Brille sehen

Wenn der 14-jährige Zarec mit seinen Eltern diskutiert, prallen in meiner Vorstellung Denkweisen auf einander. Die Eltern wollen dauernd beschwichtigen: die Menschheit habe schon viele Krisen über-standen. Alles wird gut, egal ob Pandemien, KI oder Klimawandel. Zarec weiß vermutlich, dass sie es gut meinen, aber Himmel, er ist 14 und kein Kind mehr. Sie dürfen Klartext mit ihm reden. Unser Zarec ist Pragmatiker. Und die rosa-rote Brille hat noch niemandem was genutzt.

Extra-Drama braucht natürlich auch niemand, die Realität ist schließlich Apokalypse genug. Aber wenn Erwachsene, sich mit rosa-weichgespülten „wird-schon-wieder“- Phrasen belügen, dann nervt ihn das. Er kann nichts anfangen mit diesen „live-your-dream“-Postkartensprüchen. Lieber wäre ihm, er könnte mit all den Menschen, die ihm wichtig sind, über seine Ängste reden.

Ohne Panikmache, ohne depressive Stimmung. Gemütlich abends um den schweren Holztisch in der Küche sitzen, Sor-gen teilen und Zukunft vorausdenken.

Ja lass uns trinken, auf dass es bald vorbei ist
Und lass uns saufen, auf das was nicht mehr kommt
Wir haben den Karren mit Vollgas an die Wand gefahren
Und was noch steht, wird von uns bald zerbombt
Ich hab gehofft wir kriegen noch die Kurve
Doch der Fahrer vom Fahrzeug ist verwirrt
Ich glaub es könnte vieles leichter sein
Wär ich vom Untergang der Welt nicht so empört

Und ich weiß es klingt ein bisschen kitschig
Und Danger Dan hat's auch schöner mal gesagt
Doch bevor das alles hier vorbei ist
Wollt ich dir sagen, dass ich dich wirklich mag
Und ich hoffe wir steigen noch auf Dächer
Und schauen dann von oben herab
Ja auf die sinnlosen Kämpfe
Und auf ein selbst geschaufeltes Grab

Ja lass uns trinken, auf dass es bald vorbei ist
Und lass uns saufen, auf das was nicht mehr kommt
Wir haben den Karren mit Vollgas an die Wand gefahren
Und was noch steht, wird von uns bald zerbombt

Und wenn es irgendein Unterschied macht
Würd' ich jedes Liebeslied spielen
Ja wie soll ein Mensch das ertragen
Wenn wir bald alle krepieren
Und während man sich da unten
Zum letzten Aufbäumen zwingt
Ja und während die Stadt im Erdboden
Und nicht in deinen Augen versinkt
Und was bin ich für ein Mensch
Dass ich hier noch Liebeslieder sing
Ja während der Rest der Welt
Das Lied zum Tode anstimmt

Ein letztes Mal anstoßen auf das Leben. Ein zynischer Toast auf das, was nicht mehr kommt. Noch nie hat Zoé darüber nachgedacht: Wo und mit wem würde sie auf das Ende der Welt warten? Mit Freunden und Familie im Wohnzimmer? Auf dem Balkon? Im Keller? Vor dampfenden Spaghetti-Tellern oder eher mit viel Alkohol? Da scheint „trinken, auf dass es bald vorbei ist, saufen auf das, was nicht mehr kommt“ nicht die schlechteste aller Ideen.

Klar, effizient wärs nicht, das Ganze hätte eher was von Resignation. Zuhause am Küchentisch rettet niemand die Welt. Das würde vielleicht Zoés Oma ihr sagen, angenommen, sie wäre in den späten 40ern geboren und Teil der 68er Bewegung gewesen. Sie könnte nicht verstehen, warum ihre eigene Enkelin nicht aktiver für ihre Zukunft kämpft. Und Zoé würde versuchen zu erklären, dass sie sich davon einfach nicht viel erwarte. Dass es sei, wie in diesem Lied: Wir haben den Karren mit Vollgas an die Wand gefahren. Wofür dann noch kämpfen, wenn es sich anfühlt als wärs fünf nach zwölf? Die Antwort ihrer Oma käme prompt: „Jammern könnt ihr gut, ihr jungen Leute, aber anpacken ist nicht euer Ding.“ Das wiederum wär ein Vorwurf, den Zoé zwar sich selbst, aber nicht ihrer Generation gefallen ließe.

Immerhin ist Fridays For Future sozusagen Zoomer-Produkt. Aber die Oma dieser Zoé würde noch nicht lockerlassen: „Weltuntergangslieder singen kann man auch auf einer Demo statt im Club.“ Das stimmt zwar, aber was Zoé am Feiern gehen liebt, gibt es auf keiner Demo: Auszeit von Alltag, von Politik und Nachrichten. „Realitätsflucht“ kontert die Oma. „Gegenwartsbewältigung“ korrigiert Zoé. „Mit Weltuntergangshymnen?“, der Spott in der Stimme ihrer Großmutter verletzt Zoé. Also schüttelt sie den Kopf und denkt nach: „Ja, ein bisschen Realitätsflucht ist schon dabei, aber es ist auch: sich reinsingen in die Ängste, sich ihnen stellen. Zusammen mit anderen dagegen ansingen. Merken, wir sind nicht allein damit. Und zugleich: akzeptieren, dass ich damit überfordert bin. Und dass wir Menschen scheinbar nicht in der Lage sind, diese Welt zum Paradies zu machen.

Beide würden schweigen für einen Moment. Und vielleicht würde ihre Oma langsam nicken und an-erkennend sagen: „Das mit dem Paradies auf Erden, das müssen wir wohl vertrauensvoll ihm da oben überlassen.“ Und sie würde zum Himmel hoch deuten.

„Ich versteh, dass ihr euch auf das konzentriert, was in eurer Macht steht: Ansingen gegen die eigene Angst.“ Und dazu könnte vielleicht auch Zoé nicken.

Nicht alle singen vom Weltuntergang als Katastrophe. Im Herbst 2022 brachte Peter Fox „Zukunft Pink“ in die deutschen Charts. Zweckoptimistisch tanzen Zarec, Zoé und die Generation Z gleichzeitig auf den Trümmern des Weltuntergangs und den pinken Zukunftsträumen des 51-jährigen Peter Fox. Wie Bob Dylan über dem Meer, Johannes in der biblischen Offenbarung und wie Miriam mit dem Tambourin. Denn zu jeder richtigen Apokalypse gehört auch der Traum einer neuen Welt.

Alles wird supergeil, basta
Frische Musik, frisches Wasser
Alle sind cool mit den Nachbarn
Tax me now! I'm a rich motherfucker
Do it yourself, BAUHAUS
Keiner braucht bissige Wauwaus
Viehbauern lassen die Sau raus
Gibt billige Buden in Downtown
Ich mal' Smileys auf den Weg
Denn ich mag, was ich seh'
Der Himmel ist immer noch blau
Meine Süßen, Future is now


Alle malen schwarz, ich seh' die Zukunft pink
Wenn du mich fragst, wird alles gut, mein Kind
Mach dein Ding, aber such' keinen Sinn
Und was nicht da ist, musst du erfinden

Oh ja, ich seh' die Zukunft pink
Wenn du mich fragst, wird alles gut, mein Kind
Mach dein Ding, aber such' keinen Sinn
Und was nicht da ist, musst du erfinden

Oh ja, ich seh' die Zukunft pink
Wenn du mich fragst, wird alles gut, mein Kind
Binge Pink Mirror und dazu einen Drink
Eis, Pink Grapefruit und Gin

Weil wir die Zukunft sind, seh' ich die Zukunft pink
Alle malen schwarz, ich seh' die Zukunft pink und
Wenn du mich fragst, wird alles gut, mein Kind, ey
Denn ich seh' die Zukunft pink
Dazu einen Drink
Eis, Pink Grapefruit und Gin
Eis, Pink Grapefruit und Gin
Eis, Pink Grapefruit und Gin
Eis, Pink Grapefruit und


Alle malen schwarz, ich seh' die Zukunft pink und
Wenn du mich fragst, wird alles gut, mein Kind,
Denn ich seh' die Zukunft pink
Dazu einen Drink
Eis, Pink Grapefruit und Gin
Eis, Pink Grapefruit und Gin
Weil wir die Zukunft sind, seh' ich die Zukunft pink

Es gilt das gesprochene Wort.

Musik dieser Sendung:

(1)     Jebroer: Weltuntergang Hymnen
(2)     K.I.Z., feat. Henning May: Hurra diese Wel geht unter
(3)     Felix Kummer, feat. Max Rabe: Der letzte Song (alles wird gut)
(4)     Raum27: Anfangen anzufangen
(5)     Marlo Grosshardt: Ein letztes Liebeslied
(6)     Peter Fox, feat. Inez: Zukunft Pink
(7)     Paul Kalkbrenner: Trümmerung

Literatur dieser Sendung:

(1)     Bob Dylan: A hard rain’s a gonna fall (1952). Übersetzung: Weingart.
(2)     Werner, Florian: Rapocalypse. Der Anfang des Rap und das Ende der Welt, Bielefeld 2007, S. 29-30.
(3)     ELKB (Hrsg.): Zuhause in Veränderung. Jugendbericht zur Landessynode der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, Coburg 2024,
          S. 8. Ganzes Zitat: „Wir sprechen bewusst nicht von einer ‚Generation Krise‘, sondern von einer krisen-erprobten Generation
          junger Menschen, die sehr pragmatisch, kompromiss-orientiert und mit einem hohen Verantwortungsgefühl ihre eigene
          Zukunft gestalten will – auch in ihrer Kirche.“ Online unter: https://landessynode.bayern-evangelisch.de/downloads/24-
          04
 23%20Jugendbericht.pdf
(4)     18. Shell Jugendstudie: Jugend 2019. Eine Generation meldet sich zu Wort (Zusammenfassung), S.13, 31. Online unter:
          https://www.shell.de/about-us/initiatives/shell-youth-study/_jcr_content/root/main/containersection-/simple/simple/call_
          to_action/links/item0.stream/1642665739154/4a002dff58a7a9540cb9e83ee0a37a0ed8a0fd55/shell-youth-study-summary-
          2019-de.pdf
(5)     Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Wie ticken Jugendliche? 2024. Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14
          bis 17 Jahren in Deutschland, SINUS-Studie, S. 301. 
          Online unter: https://www.bpb.de/system/files/datei/9783742511331.epub?download=
(6)     18. Shell Jugendstudie: Jugend 2019. Eine Generation meldet sich zu Wort (Zusammenfassung), S.13.
          Online unter: https://www.shell.de/about-us/initiatives/shell-youth-study/_jcr_content/root/main/containersection-0
          /simple/simple/call_to_action/links/item0.stream/1642665739154/4a002dff58a7a9540cb9e83ee0a37a0ed8a0fd55/shell-
          youth-study-summary-2019-de.pdf
(7)     18. Shell Jugendstudie: Jugend 2019. Eine Generation meldet sich zu Wort (Info-Flyer),
          S.2. On-line unter: https://www.shell.de/about-us/initiatives/shell-youth-study/_jcr_content/root/main/containersection-
          0/simple/simple/call_to_action/links/item2.stream/1642665734978/9ff5b72cc4a915b9a67a7a7b6fdc653cebd4576/shell-youth-
          study-2019-flyer-de.pdf
(8)     Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Wie ticken Jugendliche? 2024. Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14
          bis 17 Jahren in Deutschland, SINUS-Studie, S. 160.
          Online unter: https://www.bpb.de/system/files/datei/9783742511331.epub?download=1
(9)     Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Wie ticken Jugendliche? 2024. Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14
          bis 17 Jahren in Deutschland, SINUS-Studie, S. 154.
          Online unter: https://www.bpb.de/system/files/datei/9783742511331.epub?download=1
(10)    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_meistgestreamten_Lieder_auf_Spotify

20.06.2024
Vikarin Anna Weingart