Wie aus Worten Bilder werden

Wie aus Worten Bilder werden
Ein Kunstprojekt mit Jugendlichen zu den Seligpreisungen
17.05.2015 - 07:05

In Kroppen, einem kleinen Dorf an der Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen, gibt es eine wunderschöne, in den letzten Jahren liebevoll restaurierte Barockkirche. Seit dem Sonntag nach Ostern steht nun auf dem Kirchhof ein buntes Kunstwerk: neun große Holzstelen, zwei Meter hoch, fünfundsiebzig Zentimeter breit. Sie bilden einen Halbkreis, in dessen Zentrum ein Altartisch steht. Jede der Stelen stellt eine der Seligpreisungen aus der Bergpredigt Jesu dar – in bunten Farben, mit eindrücklichen Symbolen.

Entstanden sind die Kunstwerke im vergangenen halben Jahr. Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren haben sich mit den Seligpreisungen Jesu auseinandergesetzt und nach den Werten gefragt, die sie umschreiben. Dann haben sie nach ihrem persönlichen Ausdruck für das gesucht, was Jesus mit seinen Worten den Menschen vermitteln wollte. Entwürfe entstanden, wurden diskutiert, überarbeitet, neu vorgestellt und schließlich von dem Künstler Peter Scholte-Reh, der das gesamte Projekt begleitete, als Halbreliefs auf die Holzstelen übertragen. Die farbige Gestaltung der Stelen übernahmen die Jugendlichen selbst.

Was will Jesus mit der jeweiligen Seligpreisung überhaupt sagen? Wie kann aus seinen Worten unser Bild werden? Diese Fragen standen bei allen am Anfang ihrer Arbeit.

 

Sandra:

Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

 

Sandra und Vanessa haben sich mit der ersten Seligpreisung auseinander gesetzt.

 

Sandra:

Menschen, die darum wissen, dass nichts im Leben selbstverständlich ist, sind nachdenklich. Sie schätzen jedes noch so kleine Glück, denn sie wissen darum, dass das Leben ein Geschenk und zerbrechlich ist. Jesus sagt: Sie beten zu Gott und sind glücklich, ihm nahe zu sein. Ihnen gehört das Himmelreich. Glaube hat nichts mit religiöser Leistung zu tun, sondern mit einer erwartungsvollen, dankbaren Haltung Gott gegenüber.

 

Vanessa:

An unserer Stele drücken das die offenen Hände aus, die wir Gott hinhalten. Sie zeigt einen Menschen, der sein Gesicht erwartungsvoll zu Gott hinwendet und seine Hände bittend zum Himmel ausstreckt.

Das ist eine Lebenshaltung, die danach strebt, Gott nahe zu sein, und die sich das von Gott zusprechen lässt, dass Gott uns liebt und es gut mit uns meint.

 

Jonathan:

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

 

Jonathan hat gemeinsam mit anderen das Kunstwerk zur zweiten Seligpreisung erstellt.

 

Jonathan:

Wir wollen mit unserer Stele den Menschen sagen, dass Gott auch in der Trauer bei uns ist und dass es nach dem Leid und der Traurigkeit auch wieder helle und schöne Tage gibt.

 

Das Bild zu dieser Seligpreisung zeigt ein großes Kreuz. Es steht dafür, dass Gott im Leiden Jesu Christi am Kreuz das Leid der Welt in sein Herz hineinnahm. Durch die Stele geht ein Riss, wie der Riss, den Trauer in einem Herzen hinterlässt. Neben dem Kreuz ist ein weinendes Auge zu sehen. Die Tränen lösen auch ein trauriges und erstarrtes Herz. Sie bringen die Dinge ins Fließen. Die, die Leid tragen, sollen getröstet werden.

 

Jonathan:

Wenn Gott uns tröstet, dann ist das, als wenn eine Kraft zu uns kommt, die uns stärkt. Es ist, als ob uns jemand um unsere Schultern einen warmen Mantel legt, der auch den Rücken stärkt und uns aufrecht gehen lässt. Im Herzen wird uns warm, denn da wächst uns eine Kraft zu, die nicht aus uns selbst kommt. Und dann können wir das Leben neu in den Blick nehmen, wieder an die Zukunft denken und hoffen, dass es weiter geht.

 

 

Nils:

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

 

Oskar:

Sanftmut ist eine Tugend. Sanftmütige Menschen sind sehr friedlich und können gut auf andere Menschen eingehen. Sie sind zärtlich und vorsichtig und in ihrer Persönlichkeit ruhig und gelassen. Sanftmut kommt aus einer Weisheit, die Konflikte anders zu lösen weiß als durch Gewalt. Sie kommen friedlicher und einfacher durchs Leben als zum Beispiel aggressive Menschen. In der Nähe eines sanftmütigen Menschen fühlen wir uns sicher und geborgen.

 

Mit der Sanftmut verbindet sich für Oskar und Nils eine Vision von einer besseren Welt.

 

Nils:

Wenn ich mir vorstelle, sanftmütige Menschen würden über die Erde bestimmen, könnten die Menschen einander vertrauen, es wäre ruhig und friedlich und wir würden respektvoll und freundlich zusammenleben. Konflikte würden mit Blick auf den anderen Menschen und seine Interessen gelöst. Mit unserer Umwelt und der Schöpfung würden wir rücksichtsvoller und ressourcenschonender umgehen.

 

Das drückt ihr Kunstwerk in berührender Weise aus:

 

Oskar:

Unser Bild zeigt einen strahlend bunten Schmetterling, der gerade von einer offenen Hand losfliegt. Der Schmetterling steht für ein zartes Lebewesen, so wie alle Menschen zart und zerbrechlich sind. Die Hand steht für uns selbst und unseren Respekt gegenüber allen Geschöpfen. Wir wollen sagen, dass wir im Umgang miteinander vorsichtig und offen sein sollen.

 

 

Christopher:

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

 

Richard:

Unsere Stele zeigt eine Waage, auf der rechten Seite die südliche, auf der linken die nördliche Erdhalbkugel. Über ihr steht das Auge Gottes und sie ist im Gleichgewicht, denn vor Gott sind alle Menschen gleich. Da zählen keine weltlichen Werte, sondern nur Gottes Liebe zu den Menschen.

 

Richard und Christopher sehen das Bild, das sie zu dieser vierten Seligpreisung geschaffen haben, in einem weiten Zusammenhang.

 

Christopher:

Wir haben über die Werte nachgedacht, die die Seligpreisungen uns vermitteln. Die Welt ist ungerecht. Gottes Maßstab ist die Gerechtigkeit. Und Gott ist bei denen, die im eigentlichen Sinn hungrig und durstig sind. Wir haben einen kritischeren Blick auf unser wirtschaftliches und politisches Weltsystem gewonnen.

 

Und wenn wir Jesu Botschaft ernst nehmen, werden wir nach Gerechtigkeit streben und unseren je eigenen, auch kleinen Beitrag zu einer gerechteren Welt leisten.

 

 

Celin:

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

 

Die fünfte Stele zeigt ein Herz, gehalten von zwei Händen. Das Herz ist zum Himmel offen, trägt in sich ein Kreuz. Die Hände stellen Gottes Hände dar. Er hält die Menschen, die ihren Glauben und Gott im Herzen tragen.

Was ist das eigentlich, Barmherzigkeit? „Kennt Ihr barmherzige Menschen?“, habe ich die beiden jungen Frauen gefragt, die diese Stele gestaltet haben, Gerda und Celin.

 

Gerda:

Barmherzige Menschen haben ein Herz, das berührbar ist.

Sie sind bereit, notleidenden Menschen zu helfen und haben Mitleid mit den Unglücklichen. Barmherzigkeit ist ein warmes, mitmenschliches Gefühl, das an der Not des oder der anderen nicht vorbeisehen kann und sich auch nicht am Leid eines anderen Menschen freut. Wenn mir ein Mensch barmherzig begegnet, dann fühle ich mich geborgen und weiß, dem oder der kann ich vertrauen.

 

Gerda:

Barmherzigkeit ist eine Lebenshaltung. Sie fällt uns natürlich leicht, wenn uns ein Mensch barmherzig begegnet. Doch wenn wir auch mit denen freundlich umgehen, die uns feindselig gegenübertreten, verändern wir die Atmosphäre der Welt. Sie wird wärmer und liebenswürdiger.

 

 

Julian:

Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

 

Was mit der sechsten Seligpreisung für die Jugendlichen gemeint ist, fassen Julian und Leonhard so zusammen:

 

Julian:

Das „Herz“ ist in der Sprache Jesu der Ort, an dem wir Liebe, Schmerz, Trauer und Freude empfinden. Das Herz hilft uns, die Welt um uns wahrzunehmen und uns auf sie zu beziehen. Unser Herz leitet uns bei Entscheidungen. Wir sollen uns nicht von anderen Menschen leiten und zu Schlechtem verleiten lassen. „Bleibe bei dem, was Dein Herz Dir rät, denn Du wirst keinen treueren Ratgeber finden!“ Denn Du selbst weißt am Besten, was gut für Dich ist.

 

Im oberen Teil unserer Stele sieht man ein großes rotes Herz. In seinem Inneren steht ein Kreuz. Das Herz will den Betrachtern sagen: Sei immer gut zu anderen und behandele sie so, wie Du behandelt werden möchtest.

 

Leonhard:

Konkret heißt das, dass wir nicht Menschen diskriminieren und unterdrücken sollen, die anders sind oder sozial schwach. Lieber sollen wir ihnen helfen und an ihrer Seite stehen.

 

 

Hannah:

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

 

Magdalena:

Friedfertige Menschen vermeiden Gewalt und sehen auch bei Meinungsverschiedenheiten, wo der oder die andere recht hat. Wer sich so für den Frieden einsetzt, ist nahe bei Gott.

 

Diese Hoffnung haben Hannah und Magdalena in ihrer Stele ausgedrückt. Für sie war schon sehr früh klar, dass die eine Taube und den Regenbogen zeigen sollte.

 

Hannah:

In der Mitte unserer Stele sieht man eine Taube. Sie ist ein Friedenssymbol, seit die Taube mit dem Ölzweig in ihrem Schnabel zu Noah in die Arche zurückkehrte. Sie erzählt von der Sehnsucht der Menschen nach Frieden.

 

Magdalena:

Hinter der Taube schwingt sich ein Regenbogen von unten nach oben über die Stele. Er steht für den Bogen Gottes, den Gott nach der großen Sintflut in die Wolken setzte um zu sagen, dass von nun an Frieden zwischen Gott und den Menschen sein soll.

 

Gott will die Erde beschützen und bewahren und wir sollen mit Gott zusammen die Erde in seinem Sinn gestalten.

 

Hannah:

Unsere Stele sagt den Menschen: wir sollen friedfertig sein und gut für die Erde sorgen.

 

 

Lukas:

Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

 

Frederik:

Zurzeit Jesu bedeutete das, dass die Menschen sich nach Gerechtigkeit sehnen.

Jesus meint damit Menschen, die sich mit starkem Willen für Gerechtigkeit in ihrer Umgebung oder auf der Welt einsetzen. Und er denkt auch an Menschen, die Ungerechtigkeit erleben.

Sie kommen nach ihrem Tod in Gottes Himmelreich.

 

Lukas:

Jesus sagt: Habt keine Angst davor, um Gerechtigkeit zu bitten oder euch dafür einzusetzen. Denn wer mit Stolz für sozialen Frieden und Gerechtigkeit in der Welt kämpft, der wird von Gott mit offenen Armen empfangen.

 

Wir haben im Gespräch über die Seligpreisungen immer mal wieder darüber gestaunt, wie aktuell und auch politisch sie sind.

Den Jugendlichen fielen dazu Menschen wie Martin Luther King oder die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai ein, die beide auf ihre Weise ihr Leben für mehr Gerechtigkeit auf der Welt eingesetzt haben. Solche Menschen verändern die Welt, weil man sich an sie erinnert und ihr Engagement bewundert.

Die Stele zu dieser achten Seligpreisung nimmt beides auf: die Hoffnung und die Wirklichkeit unserer Welt:

 

Frederik:

Unser Bild zeigt eine Kerze. Sie ist ein Symbol des Friedens und der Hoffnung. Um die Kerze herum ist ein Stacheldraht. Er zeigt, dass es auf der Welt immer noch Kriege und Gewalt gibt. Wir wünschten uns, dass es solches Unrecht nicht mehr gibt.

 

Lukas:

Für uns drückt unsere Stele unsere Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden aus.

 

 

Marit:

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden.

 

Auch diese neunte Seligpreisung ist hochaktuell. Das haben Jasmin und Marit in ihrer Darstellung sehr bewusst aufgenommen und mit ihrer Stele die Brücke von der Römerzeit ins Hier und Jetzt geschlagen.

 

Marit:

Unsere Stele zeigt Symbole des Christentums: das Kreuz, das für unseren Glauben steht, den Fisch, der das Geheimzeichen der Christinnen und Christen zur Zeit der frühen Kirche war, und das arabische N, das islamistische Mörderbanden auf die Häuserwände christlicher Familien im Irak geschmiert und sie mit Tod und Vertreibung bedroht haben. Wir erinnern damit an die Menschen in unserer Welt, die wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt werden.

 

Jasmin:

Vorurteile sollen unter uns Menschen keine Rolle spielen. Wir finden, dass man dem oder der je anderen offen und freundlich begegnen soll. Es wird wunderbar sein, was wir dann an menschlichem Reichtum miteinander entdecken.

 

 

Ich habe dieses besondere Projekt begleiten dürfen und erlebt, wie die jungen Leute ihren Weg vom erst einmal fremden Bibelwort über das Verstehen und Erschließen der Worte Jesu bis hin zu dem fertigen Kunstwerk gegangen sind. Aus den inneren Bildern, die die Seligpreisungen bei uns allen entstehen ließen, wurden farbenfrohe Bilder auf Papier. Bei einigen war es eine Farbe, die am Anfang stand. So haben wir darüber nachgedacht, welche Farbe Barmherzigkeit für uns hat. Bei anderen war es ein Symbol, wie zum Beispiel der Fisch, der für die Verfolgung der Christinnen und Christen in den ersten drei Jahrhunderten stand. Um diesen Kristallisationspunkt einer ersten Idee herum formte sich dann das Kunstwerk. Aus den Worten Jesu wurden lebendige Bilder.

Spannend war für mich, wie die Jugendlichen sich inhaltlich auf die Seligpreisungen eingelassen und sie für sich entdeckt haben. Jesu Vision von einer besseren Welt, hat ihre Herzen berührt und dann in den strahlend bunten und bedeutungsvollen Kunstwerken Gestalt gewonnen. Auf dem Kirchhof in Kroppen laden sie jetzt dazu ein, innezuhalten, sich hinzusetzen, hinzuhören und nachzudenken. Welche Werte zählen im Leben? Wie kann Leben gelingen?

Die Seligpreisungen zeigen, wohin die Reise gehen soll.

Und … sie machen Mut, denen, die sich auf den Weg machen, die anfangen, jetzt und hier, die nach Versöhnung suchen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, die ihr Herz dankbar Gott öffnen, die barmherzig sind, denen gilt Gottes Verheißung.

Die Seligpreisungen laden ein, sie auch heute als Ermutigung zu verstehen:

Selig seid ihr, wenn ihr euch nicht zufrieden gebt mit dem Ist-Zustand.

Selig seid ihr, wenn ihr dafür arbeitet, diese Welt freundlicher, respektvoller, liebevoller zu gestalten.

Selig seid ihr, wenn ihr Gottes Willen tut. Euch gehört die neue Welt Gottes!

Euch gilt Gottes Liebe!