Sünde der Verzweiflung

Morgenandacht

Gemeinfrei via unsplash/ Faris Mohammed

Sünde der Verzweiflung
01.08.2022 - 06:35
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„Tja, da kann man nichts machen“. Das sagt mir einer, der seit vielen Jahrzehnten schon das Weltgeschehen beobachtet. Ich kenne ihn schon eine ganze Weile. Er kommt oft in den Gottesdienst. Der Mann ist reich an Erfahrung, nicht nur an Lebensjahren. Schon manches finstere Tal hat er in seinem Leben durchschritten und jetzt sagt er mit einem Schulterzucken: „Tja, da kann man nichts machen. So sind die Menschen. Es gibt immer Hunger und Krieg irgendwo.“ Traurig sagt er das, nicht zustimmend, sondern desillusioniert. In seiner Stimme höre ich enttäuschte Hoffnung.

Irgendwie hat er leider recht, denke ich. Die schlechten Nachrichten hören einfach nicht auf und sie kommen gefühlt immer näher. Der Krieg, die Menschen, die vor dem Krieg fliehen müssen oder vor Hunger, vor Armut und Verfolgung. Die Klimaveränderung, sie zeigt sich immer öfter, und hinzu kommt die Angst, im Winter nicht mehr ordentlich heizen zu können, die steigenden Energiepreise nicht mehr zahlen zu können.

„Tja, da kann man nichts machen“, sagt er mit einem Schulterzucken. Ich kann verstehen, dass der Mann sich abfindet, dass er lieber resigniert, als ständig zu verzweifeln. Sein Schulterzucken schüttelt ab, was unerträglich ist. Nicht die Krisen und Katastrophen, das geht ja auch gar nicht. Aber die enttäuschte Hoffnung.

Ich verstehe das Schulterzucken, aber mir ist nicht wohl dabei. Die Hoffnung einfach so abschütteln? Mit einer beiläufigen Geste? Der Theologe Jürgen Moltmann protestiert dagegen aus christlichem Glauben. Den hat Jürgen Moltmann, 1926 geboren, in Kriegsgefangenschaft für sich entdeckt. Er studierte daraufhin evangelische Theologie und wurde später Professor für Systematische Theologie. Einige seiner Schriften und Überlegungen haben mich auf eine gute Art und Weise irritiert – besonders seine Gedanken zur »Sünde der Verzweiflung«.

›Sünde‹ ist für Moltmann kein moralischer Fehler. Sünde meint die Absonderung von Gott und vom Leben, das Gott gibt. Und wenn man auch sagt, die Ursprungssünde sei der Hochmut, dass der Mensch sein wolle wie Gott, so hält das Jürgen Moltmann nur für die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist die viel weiter verbreitete Resignation, die Traurigkeit, die zur Trägheit führt. Es ist die Angst des Kleinglaubens, die zur Kapitulation vor der Macht des Bösen führt. Darum beginnt seit dem Mittelalter die Liste der sieben Todsünden stets mit der acedia, der Traurigkeit.

Ich verstehe das so: Verzweiflung lässt erstarren. Traurigkeit lähmt. Sie führt zu Desinteresse. Sie macht gleichgültig und teilnahmslos und schneidet mich so ab von der Lebendigkeit, mit der Gott uns Menschen beschenkt. Die Verzweiflung träumt nicht mehr. Sie erwartet nichts mehr. Sie findet sich ab.

Gott nahe, selig also, sagt Jesus, sind dagegen jene, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit. Selig sind, die Frieden stiften. Und ich übersetze mir: Selig sind, die noch etwas Gutes erwarten. Gott nahe sind, die Ausschau halten nach dem, was möglich ist. 

 

Ich denke nach über die Sünde der Verzweiflung und überlege noch, wie ich auf das Schulterzucken reagieren könnte, da greift der, der gerade noch sagte „Tja, da kann man nichts machen“, in seine Hosentasche. Er holt einen Schein hervor und steckt ihn in die Spendendose zugunsten der Katastrophenhilfe gleich neben der Kirchentür. Dann lächelt er mir zu und verabschiedet sich.

 

Vielleicht hatte ich sein Schulterzucken falsch gedeutet. Vielleicht hat er damit nicht alle Hoffnung, sondern etwas Verzweiflung abgeschüttelt.

 

Literaturangaben:

Vgl. Moltmann, Jürgen, Im Ende – der Anfang. Eine kleine Hoffnungslehre, Gütersloh 2003, 106f.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.