Heute Nacht ziehen wir um – vom alten ins neue Jahr. Was packen wir ein, was lassen wir zurück? Auf der Schwelle zwischen 2025 und 2026: eine Einladung zum Innehalten.
Sendung lesen:
Wir alle ziehen um heute Nacht. Aus dem alten, vertrauten Haus dieses Jahres in das neue Haus 2026 mit seinen unbekannten, leeren Räumen. Wir stehen jetzt sozusagen
auf der Schwelle. Da lohnt es sich, in allem Trubel, zwischen Silvesterparty vorbereiten und Dinner-for-One gucken, sich etwas Zeit zu nehmen zum Innehalten.
Zum Nachdenken: Was ist das für ein Umzug heute?
"Umzug ist Vertrauenssache!" Diesen Werbeslogan hatte die Firma, die wir als Familie vor vielen Jahren für den Umzug in eine andere Stadt beauftragt hatten, auf die Umzugskisten gedruckt. Er passte: die Umzugs-Jungs waren achtsam, haben nichts kaputt gemacht.
"Umzug ist Vertrauenssache!"
Der Spruch passt auch zum Übergang vom alten ins neue Jahr.
Wir nehmen viel mit bei diesem Umzug in das neue Jahr. Unsere Umzugskisten sind voll: mit schönen Erfahrungen und beglückenden Erinnerungen. An das harmonische Treffen der Großfamilie. An den beeindruckenden Konzertbesuch. An das gute Telefongespräch nach langer Funkstille.
Aber es gibt da auch nicht so Schönes, Bedrückendes, Ungeklärtes: den verletzenden, abgebrochenen Email-Wechsel mit dem Kollegen. Die verbaselte Prüfung, die leicht hätte geschafft werden können. Die immer noch ausstehende Entschuldigung nach einem heftigen Streit.
Was ist wertvoll und wollen wir mitnehmen beim Umzug ins neue Jahr? Was müssen
wir sortieren, aussortieren, wovon uns buchstäblich ent-sorgen? Und was mit Merke-Sternchen versehen, damit es einen passenden Raum bekommt und auffällt im neuen Haus 2026?
In unseren Umzugskisten finden sich auch viele schöne Pläne: das Fest zum runden Geburtstag. Ein paar Tage Herbsturlaub im sonnigen Süden. Der Start in einen neuen attraktiven Job. Aber werden diese lange geplanten Ideen wirklich zu den leeren Räumen des neuen Hauses passen? Wird anderes Raum brauchen? Da ist auch der Jahrestag
des Krebstods des viel zu jungen Freundes. Die Verunsicherung, wie schnell schöne Pläne zunichtewerden können.
Auf der Schwelle zwischen den Jahren anhalten. Betrachten, was wir mitnehmen und
was wir vorhaben – das ist herausfordernd für Gedanken und Gefühle.
Die katholische Theologin Christiane Bundschuh-Schramm hat dieses Dazwischen-Sein
in einem Liedtext beschrieben. Sie macht Mut, es wahr-zunehmen – mit Offenheit und Vertrauen. Sie schreibt:
"Im Übergang dazwischen
vom Gestern entlassen, vom Morgen gelockt,
leben wir heute und suchen nach dir, unser'm Gott.
Im Übergang dazwischen
die Einheit verloren, die Vielfalt entdeckt,
leben wir heute und suchen nach dir, unser'm Gott.
Im Übergang dazwischen
von Altem verlassen, von Neuem berührt,
leben wir heute und suchen nach dir, unser'm Gott." (1)
So weit das Lied. Im Übergang dazwischen.
Unsere persönlichen Umzugskisten, womit auch immer gefüllt, sind klein und leicht
im Vergleich zu den übergroßen und überwältigend schweren weltweit, die angefüllt
sind mit Völkerhass und Kriegsgerät.
Sie können die Räume auch dieses neuen Jahres mit ihrem Schrecken besetzen. Unsicherheit und Angst machen sich breit. Worauf können wir vertrauen?
Als würde er unsere Zeit kennen – und er hat ja selbst in schlimmster Kriegszeit gelebt –, hat der Liederdichter Paul Gerhardt im 17. Jahrhundert seine Gedanken zum Jahreswechsel so zu Ausdruck gebracht:
"Wir gehn dahin und wandern von einem Jahr zum andern,
wir leben und gedeihen vom alten bis zum neuen
durch so viel Angst und Plagen, durch Zittern und durch Zagen,
durch Krieg und große Schrecken, die alle Welt bedecken."
Und dann wendet sich Paul Gerhardt in seinem Lied vertrauensvoll an Gott:
"Ach, Hüter unsres Lebens, fürwahr, es ist vergebens
mit unserm Tun und Machen, wo nicht dein Augen wachen." (2)
Von einem Jahr zum andern: Ja, Umzug ist Vertrauenssache.
Im Übergang, im Dazwischen, leben wir heute. Fragend. Suchend. Vom Morgen gelockt.
Ich wünsche Ihnen einen guten Rutsch!
Es gilt das gesprochene Wort.
(1) Christiane Bundschuh-Schramm, Weil DU mich siehst. Rituale und Übungen, Gebete und Lieder, Schwabenverlag Ostfildern, 1997, S. 120
(2) Paul Gerhardt, Nun laßt uns gehen und treten mit Singen und mit Beten, EG 58, Str. 2.3.6
Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!