Warten kann eine Kunst sein. Das zeigen in der Bibel zwei Menschen. Sie sind alt, aber ihre Hoffnung ist jung.
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Warten hat zu den Wochen vor Weihnachten dazugehört – nicht nur für Kinder. Fröhlich-aufgeregt, aber auch angespannt-dünnhäutig.
Die Erwartungen an Weihnachten sind hoch: passende Geschenke, harmonisches Familienfest, erfüllte Zeit.
Umso größer der Frust, jetzt nach Weihnachten, falls sich zeigt: vergeblich gewartet. Erwartungen unerfüllt. Und auch jenseits von Weihnachten:
Warten ist ein schwieriges Thema.
Der Philosoph Ralf Konersmann beschreibt Warten als Enttäuschung,
als Demütigung.
Er meint: "Mit einem Mal geht die Passung von Ich und Welt verloren."
Ein kleines Drama: "Die Maschine unserer Unruhekultur stottert."
Sie bricht ihr Versprechen, dass es verlässlich immer weitergeht.
"Wir leiden an der Zeit, die nicht vergehen will." (x)
Alltäglicher gesagt:
Warten nervt – in der langen Schlange vor der Supermarktkasse
oder vor der Bahnschranke, die sich ewig nicht öffnen will.
Warten belastet – wenn es dauert, bis eine Diagnose klar ist
oder der Anruf mit der Jobzusage kommt.
Warten verunsichert – statt aktiv zu sein, bin ich ruhiggestellt, muss verharren.
Einerseits. Aber andererseits: Warten fokussiert Gedanken und Gefühle.
Warten setzt Energie frei.
Der Philosoph Konersmann nennt Warten auch eine Lebens-Kunst und schreibt: "Wartende überwinden die trostlose Alternative zwischen wütendem Anrennen
und dumpfer Resignation."
Ja, Warten kann sinn-voll sein. Kann buchstäblich Sinn "machen".
Eine Nach-Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium erzählt von zwei Menschen,
die so gewartet haben: Simeon und Hanna.
Simeon ist ein frommer und sensibler Mann. Ihn schmerzt, dass sein Volk unter fremder Besatzung leidet. Sehnsüchtig wartet er auf Veränderung.
Auf den versprochenen Friedenskönig, der Recht und Gerechtigkeit bringt.
Den Spott der Leute lässt er über sich ergehen:
"Du Träumer! Siehst du denn nicht die Realität? Wird doch alles immer schlimmer…" Unverdrossen hält Simeon an seiner Hoffnung fest. Sie wird sich erfüllen.
Simeon wartet. Tag für Tag, Jahr um Jahr. Er wird alt, aber nicht müde.
Und da ist Hanna – eine 84 Jahre alte Witwe.
In ihren nur sieben Jahren Ehe ist sie kinderlos geblieben.
Sie hätte allen Grund, verbittert und resigniert auf ihr Leben zurückzuschauen.
Aber Hanna lebt als Prophetin Tag und Nacht im Tempel, fastet und betet,
ist konzentriert ganz bei Gott und bei sich selbst. Und er-wartet Positives.
Wer wartet, tut nicht einfach nichts. Wer wartet, wartet seine Hoffnung.
Pflegt sie. Repariert sie, wenn sie Risse bekommen hat.
Kümmert sich darum, dass sie lebendig bleibt.
Eines Tages ist es so weit:
Wie es der Tradition entspricht, kommen Maria und Josef in den Tempel,
um ihr Neugeborenes segnen lassen. Simeon folgt seinem Gefühl und kommt dazu.
Er sieht das Baby. Es sieht aus wie alle Babys.
Aber dem alten Mann geht ein Licht auf. Er nimmt das Jesuskind auf den Arm:
"Das ist er, auf den ich gewartet habe. Mit diesem Kind erfüllt Gott sein Versprechen. Licht kommt in die Welt. Nun kann ich in Frieden sterben."
Auch Hanna sieht hin und schaut prophetisch schon in dem kleinen Menschenkind, was es mal sein wird: der große Messias. Der Erlöser.
Simeon erkennt klarsichtig: An diesem Jesus werden sich die Geister scheiden.
Es wird sich alles verändern mit ihm. Aber anders als gedacht.
Mich berührt die Warte-Geschichte dieser beiden jung-alten Leute.
Ein starkes Vorbild. Auch für meinen Glauben: Sich verlassen auf das, was man hofft und fest mit dem rechnen, was man noch nicht sieht.
Aber dabei offen sein für Überraschendes, das alle Erwartungen übertrifft.
Vielleicht auch ganz anders als gedacht.
Es gilt das gesprochene Wort.
(x) Ralf Konersmann, Warten ist eine Enttäuschung, eine Demütigung, eine Kunst. NZZ, 12.3.2017
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