Ewiges Leben via QR-Code – Grabmal 2.0

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Nach meinem Leben soll etwas von mir bleiben. Vielleicht nur ein Bild, eine Erinnerung. Heute geht das als ganze Internetseite. Aber ist das sinnvoll? Wem nützt die Erinnerung, fragt Landespfarrerin Petra Schulze aus Düsseldorf.

 

 

Wenn ich tot bin

Auf einem modernen Grabstein kann ich einen QR-Code einmeißeln lassen, und alle Besucher meines Grabs können ihn mit ihrem Smartphone auslesen. So gelangen sie zu einer Website, auf der Fotos, Videos und Audios von mir hinterlegt sind. Und schon sehen und hören sie mich, auch wenn ich schon tot bin. Das ist wie ein multimediales Denkmal für die Ewigkeit. Aber will ich das? Möchte ich, dass alle alles von mir sehen können? Mit meinem Verständnis von Würde ist das schwer vereinbar. Für wen sind diese wichtigsten Erinnerungen überhaupt? Doch vor allem für die Menschen, die mich kannten, für meine Angehörigen und Freunde.

Auf dem Grabstein die wichtigsten Erinnerungen festhalten: Das war schon in der römischen Antike so. Eltern schrieben auf die Grabmale ihrer verstorbenen Kinder, wie sie ausgesehen haben, welche Eigenschaften sie hatten. Auf einem solchen Grabstein wurde ein kleines Mädchen beschrieben. Wie sie  ihr rotes Haar vorne kurz und hinten lang trug und damit wie ein Junge aussah. Mit solchen Erinnerungen behielten die Eltern ein Stück vom geliebten Menschen bei sich. Denn das tröstet. So schön war es. Und mit der Erinnerung ist vielleicht auch ein wenig Liebe und Wärme im Körper und in der Seele zu spüren. Wunderbar, wenn meine Augen leuchten. Wenn ich begeistert erzähle, wie es mit ihm oder ihr war. Was wir erlebt haben.

 

Nicht nur in der Erinnerung leben

Aber es gibt bei der Erinnerung an die Toten auch schwierige Seiten. Sie kann zum Erinnerungskult werden. Auch das gab es schon im alten Rom. Da ging es ums Prestige. Die toten Führungspersönlichkeiten wurden als „imagines“, als Skulpturen  in den Vorhallen ausgestellt. Bei einer solchen Form des Gedenkens wird der Tote schnell überhöht. Und es gibt die Gefahr, dass ich in der Trauer stecken bleibe. Wenn ich nur noch in der Vergangenheit lebe und mich an Erinnerungen kralle, dann bin ich lebendig tot. Ich merke dann vielleicht gar nicht, dass ich nicht mehr da bin für die um mich herum, die jetzt mit mir leben wollen. Wie hinter einem Vorhang bin ich nur damit beschäftigt, das Bildnis eines früheren Lebens zu beschwören.

Dagegen sagt Jesus: „Lass die Toten ihre Toten begraben.“ (Matthäus 8,22). Tot ist tot. Bleib nicht am Alten kleben, sieh nach vorn.

„Lass die Toten ihre Toten begraben.“

Das ist eine Warnung davor, sich zu viel mit dem Vergangenen zu beschäftigen. Schlimm, wenn meine Augen nicht mehr leuchten, weil es heute, hier und jetzt schön ist. Wenn ich nicht mehr sehe, wo ich gebraucht werde. Wenn der Trauerschleier über mir und meinem Bild vom Toten hängen bleibt und mir den Blick auf das Jetzt verstellt.

 

„Hier geht´s in die Zukunft“

„Lass die Toten ihre Toten begraben.“

Damit sagt Jesus auch: ich muss mich nicht an die Toten klammern. Ich kann meinen Umgang mit meiner Trauer frei gestalten. Was mir hilft, ist gut. Ich kann Fotos ansehen von den Menschen, die nicht mehr da sind. Ich kann Internetseiten besuchen mit Erinnerungen an Verstorbene. Es hilft mir die Geschichte zu verstehen und meine Herkunft. Es hilft mir im Leben. Denn sich der Wurzeln bewusst zu sein, hilft mir, die Gegenwart klug zu gestalten. Und es macht auch demütig: Ich sehe, in welch langer Kette von Vorfahren ich stehe. Und dann kann ich meinen Blick losreißen von den Gräbern. „Lasst die Toten ihre Toten begraben“, sagt Jesus. „Hier geht´s in die Zukunft“, ruft der Auferstandene mir zu. Und fährt gen Himmel. Ich sehe ihm nach. Ich sehe Sonne, Wolken und Himmel. Und meine Augen leuchten, weil es schön ist. Hier und jetzt. 

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