Herz und Kopf

Wort zum Tage

Gemeinfrei via unsplash/ Azzedine Rouichi

Herz und Kopf
mit Sabrina Fabian
19.10.2021 - 06:20
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Die Straßen der Hauptstadt Kolumbiens sind wie eine riesige Freiluft-Galerie, die sich täglich wandelt. Bogotá gilt heute als Musterbeispiel der südamerikanischen Street Art. Viele Graffiti-Künstler besprühen Häuserfassaden, Laternen und Straßen – mittlerweile geduldet von der Stadt. Häufig sind die farbenfrohen Graffitis politische Kommentare und ziehen Touristinnen und Touristen an. Auch ich habe mich auf einer Reise 2019 durch die bunten Altstadtfassaden der kolumbianischen Hauptstadt führen lassen und die Begeisterung unseres Guides mitbekommen. Bei jeder Tour entdeckte er etwas Neues. Denn die bunten Fassaden werden manchmal binnen einer Nacht übersprayt. Bei einem Kunstwerk gesteht unser Guide, dass es ihn anfangs ratlos zurückgelassen habe. Es handelt sich um einen sitzenden Männerkörper. Kurze Hose, gestreiftes Baseballshirt, eigentlich kein besonders auffälliges Motiv – wenn da nicht der überdimensionierte Schädel wäre.

Was will der Künstler oder die Künstlerin uns damit sagen? Die Interpretation unseres Guides: Wenn man erwachsen wird, beginnt man immer mehr mit dem Kopf zu entscheiden. Man wird immer verkopfter und das bringt Probleme mit sich und kann lähmen. Darum sitzt die Figur. Ihr Kopf ist so groß, dass sie nicht mehr aufstehen kann. Für unseren Stadtführer war klar: Man muss auch mit dem Herzen entscheiden, sonst wird es zu verkopft.

Mit dem Herzen wahrnehmen. Das ist die Vorstellung im Alten Testament. Viele Verfasser verorten den Verstand im Herzen – nehmen nicht den Kopf als Ausgangspunkt unserer Weltwahrnehmung. Man wünscht sich „ein hörendes Herz“. Denn im Alten Testament gibt es keinen Unterschied zwischen Erkenntnis und Offenbarung. Jegliche Wahrnehmung ist verbunden mit Gott. Gott soll mit jeder Erkenntnis mitschwingen.

Für mich ist das ein schönes Mittel gegen „Verkopftheit“. Wenn Gott mitschwingt, wenn ich Gott mitdenke, dann wird es nicht zu schwer oder zu einseitig. Dann ist da jemand, der hilft, den überdimensionierten Kopf zu tragen. Jemand, der meine Gedanken herausfordert und auffängt und beflügelt.

Eigentlich so, wie das Gefühl, durch diese riesige Freiluft-Galerie in Bogotá zu spazieren. Hier bringt nicht nur eine Person ihre Gedanken ein, sondern viele verschiedene Künstlerinnen und Künstler stehen nebeneinander. Sie reagieren aufeinander. Manchmal überlagern sie sich und kommentieren einander. Ein Gespräch mit vielen Farben und Formen.

Hauptsache, mit dem Herzen dabei und nicht allein, sodass die Gedanken den eigenen Kopf nicht zu schwer machen.

Es gilt das gesprochene Wort.