Der Weltverbesserer

Wort zum Tage
Der Weltverbesserer
01.08.2016 - 06:23

Wir trafen uns nach vielen Jahren in einer Kneipe. Aus einem Jugendlichen war ein bärtiger junger Mann geworden. Ich fragte ihn nach seinen Plänen. Da leuchteten seine Augen auf und er sagte: „Wir sind dazu in der Welt, um sie zu verbessern.“ Da hatte ich also einen jungen Weltverbesserer neben mir sitzen. Das war mir sehr sympathisch; auch ich habe mal zu den jungen Weltverbesserern gehört. Inzwischen halte ich die Welt zwar immer noch für verbesserungsbedürftig, habe aber einsehen müssen, dass mich dieses Projekt heillos überfordert. Ich war gespannt, was für Erfahrungen mein Freund dabei machte, und fragte ihn: „Und wie machst du das?“

 

Er sagte lange gar nichts. Dann gab er zu, dass er sich noch im Stadium der Ideenschöpfung befinde und noch nicht so genau wisse, wie er das anstellen wolle mit der Weltverbesserung. Ich sagte: „Vielleicht hilft es dir, wenn ich dir von einem Mann erzähle, der allen Grund hatte, die Welt zu verbessern. Er hat die Welt von ihrer schlechtesten Seite kennengelernt. Er verlor mit etwa sechzehn Jahren seine Eltern und die kleinste seiner drei Schwestern. Er wurde gedemütigt, gefoltert, ausgebeutet und sollte durch harte Arbeit vernichtet werden.“ Mein Freund erschauderte. „War er in einem Konzentrationslager?“ – „Genau“, erwiderte ich, „er wurde dann mit knapper Not von den Amerikanern befreit. Und dann hat er sich geschworen, die Welt, die ihm das angetan hatte, nicht zu hassen, sondern sie zu verbessern.“ – „Und, ist es ihm gelungen?“ Er lächelte ungläubig. Ich sagte: „ Nein – und ja: er hat es durch seine Schriften und Vorträge wenigstens versucht. Dabei fragte er sich irgendwann: „Wo soll ich beginnen? Die Welt ist so groß. Ich werde also mit dem Land beginnen, das ich am besten kenne, mit meinem eigenen. Aber mein Land ist so groß. Ich fange doch lieber mit meiner Stadt an. Aber meine Stadt ist so groß. Am besten beginne ich mit meiner Straße. Nein, mit meinem Haus. Nein, mit meiner Familie. Ach was, ich beginne bei mir.“ Mein Freund nickte. „Und wer hat diese Weisheit in die Welt gesetzt?“ fragte er. Ich sagte: „Es war der jüdische Publizist Elie Wiesel.“

 

Ich fügte hinzu: „Es steht ja nicht in der Bibel: Verbessere die ganze Welt, sondern: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Bei sich selbst anfangen, das ist das Geheimnis der Weltverbesserung.“ – „Und?“ fragte mein Freund. „Tust du das?“ Ich schwieg einen Moment. Dann sagte ich: „Ein Urteil darüber steht mir nicht zu. Aber eines weiß ich: Bei sich selbst anfangen, das kann man immer wieder üben.“