„Die Wäsche der Nachbarin“

Wort zum Tage
„Die Wäsche der Nachbarin“
17.08.2015 06:23
23.06.2015
Pastor Diederich Lüken

Ein junges Pärchen hat soeben die neue Wohnung bezogen. Sie sitzen beim Frühstück in der Küche. Da fällt der Blick der jungen Frau auf die Nachbarin, die gerade Wäsche aufhängt. Sie sagt zu ihrem Mann: „Schau dir mal die Wäsche unserer neuen Nachbarin an. Das soll sauber sein? Sie sollte sich wirklich mehr Mühe geben oder wenigstens ein besseres Waschmittel verwenden."

 

Am nächsten Waschtag ergibt sich dasselbe Bild. Die Bettlaken sind einfach nicht richtig sauber. „Vielleicht gehe ich mal rüber und empfehle ihr ein neues Waschmittel!" nimmt die Frau sich vor; aber wie so häufig im Leben bleibt es beim Vorsatz. Doch eines Morgens staunt die junge Frau nicht schlecht, als sie wieder einmal die Nachbarin beim Aufhängen der Wäsche beobachtet. Die Wäsche ist blütenweiß. „Warst du etwa bei ihr und hast ihr ein anderes Waschmittel empfohlen?" fragt sie ihren Mann. Der lacht und sagt: „Aber nein, das würde ich doch niemals tun. Ich habe nur -- das Küchenfenster geputzt." Diese kleine Anekdote kursiert seit einiger Zeit im Internet, genauer: auf Facebook.

 

Sie hat ihren Reiz dadurch, dass sie wenigstens drei Erkenntnisse transportiert: Erstens, wenn man etwas an seinen Mitmenschen zu kritisieren hat, ist es manchmal gut, damit zu warten. Manches Problem löst sich von selbst auf eine Weise, mit der man nicht gerechnet hat. Zweitens: Wir sind geneigt, die Schuld für die Misshelligkeiten des Alltags bei anderen zu suchen. Nicht immer aber sind wirklich die anderen schuld daran. Manchmal ist es das eigene Problem, das den Kritikasten umtreibt. Und das kann durchaus dazu führen, dass man plötzlich wünscht, den Mund gehalten zu haben. Drittens zeigt diese kleine Geschichte die Berechtigung einer Frage, die Jesus in der Bergpredigt stellt: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ (Matthäus 7,3).

 

So ist dieser Spruch in den Volksmund übergegangen. Mir gefällt die neue Fassung in gerechter Sprache noch besser: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Mitmenschen, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Mitmenschen sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge ziehen, und dabei steckt der Balken in deinem Auge? Welche Scheinheiligkeit! Zieh zuerst aus deinem Auge den Balken, dann siehst du klar und kannst den Splitter aus dem Auge deines Mitmenschen ziehen“ (Matthäus 7, 3.4). Wie die kleine Wäsche-Geschichte zeigt, ist manchmal der Splitter im Auge des anderen mit dem Balken im eigenen Auge sogar identisch.

23.06.2015
Pastor Diederich Lüken