Erinnerungsschatz…

Wort zum Tage

Meine Frau und ich waren im Urlaub und ließen es uns in einem Restaurant gutgehen. An einem Nachbartisch saßen ein paar ältere Herrschaften und unterhielten sich. Wir achteten nicht auf ihr Gespräch; wir hatten genug miteinander zu reden. Aber dann fiel ein Satz, der mich aufhorchen ließ. Ein schon sichtbar vom Leben gezeichneter Mann sagte: „Die Erinnerung ist das einzig schöne Paradies, das uns niemand nehmen kann.“ Seine Freunde nickten nachdrücklich. „Da hast du aber ein wahres Wort gesagt!“ meinte einer. Was er vielleicht nicht wusste: Dies war ein etwas zurechtgestutztes Zitat von Jean Paul (1763-1825), dem großen klassischen Schriftsteller. Wir aber fragten uns, wie viele schöne Paradiese das Leben diesen alten Menschen wohl schon genommen hatte. Die Einschränkungen des Alters machen bekanntlich viele Paradiese unbewohnbar. Wie viele es aber auch immer gewesen sein mögen: dieses eine blieb ihnen, die Erinnerung daran, wie schön das Leben einmal war. Deswegen ist es wichtig, sich Erinnerungen zu verschaffen. Das gelingt, indem man dem Leben zugewandt ist und mit wachen Sinnen das aufnimmt, was einem begegnet. So sammelt man sich einen Erinnerungsschatz an, aus dem man Stück um Stück hervorholen kann, wenn das Leben sich auf die Beschwerden des Alters oder der Krankheit reduziert hat. Natürlich gibt es auch üble Erinnerungen; aber Erinnerung vergoldet, sagt der Volksmund; und wenn wir Schwierigkeiten bei einem Ausflug hatten, habe ich oft zu meiner Familie gesagt: „Was uns jetzt Mühe macht, werden wir vergessen; was bleibt, ist die Erinnerung an das Schöne.“ Oft aber ist es nötig, gerade die Mühen und das Versagen in Erinnerung zu behalten. Das gilt nicht nur für den einzelnen. Der vor einem Monat gestorbene jüdische Autor Elie Wiesel hat gesagt: „Erinnerungen sind das Lebenselixier einer Kultur. Sie nähren Hoffnungen und machen den Menschen zum Menschen.“ Fatal wäre es jedoch, wenn diese Kultur es machte wie ich es meiner Familie empfohlen hatte: Nur das Schöne bleibt. Gerade Elie Wiesel bestand darauf, dass die Erinnerungen nur dann das Lebenselixier einer Kultur sind und nur dann Hoffnungen wecken, wenn Schönheit und Schrecken gleichermaßen in Erinnerung bleiben. Es macht Mühe, sich an die Verbrechen der eigenen Vorfahren zu erinnern; und viele Menschen haben das Gefühl: Jetzt reicht es aber und wir brauchen nicht mehr daran zu denken. Andere versuchen, die Erinnerungen zu verfälschen oder auszulöschen. Doch dann verliert auch das Schöne seine Bedeutung. „Gedenke der vorigen Zeiten“ (5. Mose 32,7) sagt der Abschied nehmende Mose seinem Volk Israel. Das ist Verheißung und Mahnung zugleich.

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